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Die Doppelspitze Peter Tschentscher (SPD) und Katharina Fegebank (Grüne) wird zukünftig gefordert sein, mehr als ein paar Leuchtturmprojekte und flotte Imagekampagnen zu vermarkten.

Wirtschaftsstandort

Nur ein paar Leuchttürme

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Hamburg bemüht sich um ein modernes Image. Das kann aber nicht über die wirtschaftliche Schwäche der Stadt hinwegtäuschen. Die Analyse.

Der neue Bürgermeister Hamburgs wird der alte sein: Peter Tschentscher (SPD). Der gelernte Arzt ist nicht wirklich ein Charismatiker. Als er 2018 den populären Olaf Scholz als Ersten Bürgermeister der Hansestadt ablöste, galt er als unpopulärer Erbsenzähler. Der SPD-Politiker hatte zuvor als Finanzsenator die Abwicklung der früheren Landesbank aus dem Hintergrund gemanagt – die Ex-HSH-Nordbank wird den Haushalt noch auf Jahrzehnte belasten.

Irgendein Mastermind muss Tschentscher dann rechtzeitig überzeugt haben, sein Biedermann-Image abzustreifen. Drehte sich die Politik an der Elbe traditionell immer irgendwie um Hafen und Handel, sollten es fortan Digitalisierung, KI und autonomes Fahren richten. Nahezu täglich meldete die Senatspressestelle seither neue Erfolge: Da wird ein Start-up in die Stadt gelockt, welches senkrecht startende Langstreckendrohnen bauen will; einem auf maritime Digitalisierung spezialisierten, halbprivaten Forschungsinstitut wird ein Gebäude auf einem Premiumplatz hingestellt; in der Landesforschungsförderung werden 18 neue Millionen-Vorhaben bewilligt und obendrein vier große „HamburgX-Projekte“. Auch die Basis wird IT: Kürzlich eröffnete ein sozialdemokratischer Senator eine „Digital-Messe“ für Schulen. 300 Schulleiter dürfen sich nun für ihre Einrichtungen digitale Endgeräte aussuchen.

Auf eine technikaffine, urbane Mittelschichten setzt der Senat selbst in der Immobilienwirtschaft. Digitale Wohnungsmakler, Crowdinvesting und Smart-Home-Lösungen werden begünstigt. Hamburg, so die Selbsteinschätzung des Senats, liegt bei Innovationen mit rund zwanzig sogenannten Proptechs weit vorn.

Bei Tschentschers Hinwendung zu modernen Zeiten dürfte seine kongeniale Partnerin Katharina Fegebank von den Grünen indirekt eine Rolle gespielt haben. Als Zweite Bürgermeisterin war sie auch für Wissenschaft und Forschung zuständig, und konnte mit Hochtechnologie-Kliniken, Exzellenzuni und einem Innovationszentrum für die Teilchenbeschleuniger von DESY punkten.

Kritiker sprechen dennoch von einem Scheinriesen. Eine neue Studie, die von Wirtschaftsverbänden in Auftrag gegeben worden war, wirkt nämlich ernüchternd: Die zweitgrößte Stadt Deutschlands sei bei der wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung weit zurückgefallen, so das Berliner Beratungsunternehmen CHE Consult. Bei Wachstum und Produktivität ist Hamburg seit der Jahrtausendwende aus der Spitzengruppe ins Mittelfeld abgestiegen. Die OECD hatte der Hansestadt schon im Sommer ein schlechtes Wirtschaftszeugnis ausgestellt.

Die Doppelspitze Tschentscher/Fegebank wird zukünftig gefordert sein, mehr als ein paar Leuchtturmprojekte und flotte Imagekampagnen zu vermarkten. So fordert Hamburgs Vorzeigeökonom Henning Vöpel seit längerem von der Politik mehr Mut zu „richtungsweisenden Entscheidungen“. Der Senat verharre zu sehr in der bestehenden, unmodernen Strukturlogik, so der Chef des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI).

Fragt sich nur, in welche Richtung entschieden werden soll. Die hippe Smartphone-Generation trifft auch in Hamburg auf bodenständige Zeitgenossen, die von E-Rollern und Dauerbaustellen genervt sind, gerne wieder Straßenbahn fahren würden und von niedrigen Mieten und sozialem Ausgleich träumen.

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