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Nachhaltigkeit

Outdoor-Branche wird grüner

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Materialien aus alten Fischernetzen oder aus Kaffeesatz: Auf der Fachmesse in München ist eine Branche zu entdecken, die umdenkt.

Die Manager Antje von Dewitz und Ryan Gellert sind bekennende Bewunderer der Umweltaktivistin Greta Thunberg und ihres Schülerprotests „Fridays for Future“. Dewitz ist Chefin des baden-württembergischen Bergsportausrüsters Vaude und Gellert Europa-Chef des US-Konkurrenten Patagonia. Beide Firmen gelten in ihrer Branche als Umweltpioniere. Damit liegen sie voll im Trend, wie die Outdoor-Fachmesse in München zeigt.

„Wir brauchen ein Outdoor for Future“, erklärt Dewitz. In Sachen Mikroplastik und Textilchemikalien sei die eigene Branche eine der Hauptquellen für die Belastung der Umwelt, moniert die Vertreterin des Familienunternehmens aus Tettnang. Mittlerweile stellt sie aber ein Umdenken in der Branche fest.

Mit Nachhaltigkeit werben immer mehr Outdoor-Firmen, und viele Innovationen sind ausgesprochen grün. So hat der italienische Bekleidungsgarnhersteller Aquafil eine Technologie erfunden, mit der aus Nylonabfällen wie ausgedienten Fischernetzen neue Fasern für die Outdoor-Bekleidung werden. In Haltbarkeit, Atmungsaktivität und Reißfestigkeit soll sich das Material nicht von herkömmlichen Nylonfasern unterscheiden. Ab Sommer 2020 wird die Econyl genannte Faser von den Bekleidungs- und Schuhherstellern verwendet werden. Jede Tonne Econyl spare sieben Fässer Rohöl und knapp sechs Tonnen Kohlendioxid ein, rechnet Aquafil vor.

Antje von Dewitz, Chefin des Outdoor-Spezialisten Vaude, sagt: „Wir brauchen ein Outdoor for Future“.

Großkonzerne fischen mittlerweile Plastikmüll aus den Ozeanen, um daraus Schuhe zu fertigen. Andere setzen auf Kreislaufwirtschaft mittels spezieller Fasern, die Outdoor-Jacken komplett wiederverwertbar machen. Das ist für Umwelt und Mensch wichtig, weil traditionell gefertigte Outdoor-Ware oft Schadstoffe enthält, die beim Verbrennen auf Müllhalden gefährliche Gifte freisetzen. Wieder andere Marken verwenden natürliche Rohstoffe und verarbeiten Texilfasern mit Kaffeesatz zu einem Funktionsstoff namens S.Cafe. Entsprechende Membranen bestünden zu einem Viertel aus Kaffeeöl und hätten eine geruchshemmende Wirkung, so die Werbung.

Einfach sei es nicht, bei einer vorwiegend in Asien produzierenden Branche glaubhaft grüne Beschaffungsketten zu etablieren, sagt Vaude-Chefin Dewitz. Nachhaltiges Wirtschaften verursache bei Vaude um im Schnitt zehn bis 15 Prozent höhere Kosten. Vom Verbraucher verlange man für solche Ware fünf bis acht Prozent mehr. Die Gewinnmarge für das Unternehmen sei also geringer. Seit sich Vaude aber 2009 gezielt dem Umweltgedanken verschrieben hat, hätten sich die Umsätze auf heute über 100 Millionen Euro verdoppelt. Dennoch stellen die Outdoor-Experten Dewitz und Gellert fest, dass Verbraucher in Umfragen zwar betont grün eingestellt seien, aber nicht konsequent entsprechend kaufen.

Die Öko-Strategie kann sich dennoch lohnen, und zwar im Konkurrenzkampf mit den Wettbewerbern. So waren im vergangenen Jahr die Umsätze der Outdoor-Branche europaweit erstmals nach Jahren des Wachstums um etwa ein Prozent auf 5,8 Milliarden Euro rückläufig. Auch für 2019 erwarten Branchenverbände kaum ein besseres Resultat. Patagonia dagegen konnte voriges Jahr zweistellige Umsatzzuwächse verbuchen, sagt Gellert. Er ist auch für dieses Jahr optimistisch.

Dennoch bleibe die Kombination von Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit eine Gratwanderung. „Aber wenn Sie vor einer Klippe stehen, innhalten und umkehren, ist das dann wirklich ein Rückschritt?“, fragt der Manager. „Gesunde Natur ist unsere Geschäftsgrundlage“, assistiert Kollegin Dewitz. Der Anblick einer im Meer treibenden Plastikmüllinsel von der Fläche Zentraleuropas, habe sie geschockt, der Umstand, dass diese nur ein Prozent des Plastikmülls in der Welt darstelle, noch mehr.

Gemeinsam mit Münchens Messechef Klaus Dittrich ist sich das Managerduo einig, dass Nachhaltigkeit immer mehr zu einem wesentlichen Verkaufsargument wird. „Wir sind stolz, dass Europas größte Outdoor-Messe in München angekommen ist“, bekennt der Ausstellungsmanager zudem. Davor war sie jahrelang in Friedrichshafen am Bodensee beheimatet. Unter anderem mit größerer Fläche und einer eigenen Internetplattform, die nicht nur an den vier Messetagen sondern ganzjährig aktiv ist, hat Dittrich sie an die Isar gelockt. Zur Premiere stellen bis Mittwoch über 1000 Firmen aus, etwa ein Zehntel mehr als zuletzt am Bodensee.

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