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Organisierte Kriminalität blüht

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Von: Stefan Sauer

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Gefälschte Taschen, Uhren, Schmuckstücke: 2,5 Prozent des Welthandels entfällt auf die Produktpiraterie.
Gefälschte Taschen, Uhren, Schmuckstücke: 2,5 Prozent des Welthandels entfällt auf die Produktpiraterie. © imago

Verbrecherbanden erzielen einer Studie zufolge einen Jahresumsatz von fast 800 Milliarden Euro. Besonders weit verbreitet ist die Produkt- und Markenpiraterie.

Es handelt sich um einen Wirtschaftsfaktor ersten Ranges. Der Jahresumsatz liegt laut der Industrieländerorganisation OECD bei umgerechnet fast 800 Milliarden Euro, die Wachstumsrate für die zurückliegenden 20 Jahre beträgt 1000 Prozent, allein auf den Bereich der Produktpiraterie entfallen 2,5 Prozent des Welthandels.

„Die organisierte Kriminalität hat ein enormes Ausmaß angenommen“, sagt Arndt Sinn. Der Direktor des Zentrums für europäische und internationale Strafrechtsstudien an der Uni Osnabrück hat Jahresstatistiken des Zolls und der Polizeibehörden sowie internationale Daten über Umfang, Geschäftsfelder und Strafverfolgungsmöglichkeiten zusammengetragen, um im Auftrag der branchenübergreifenden Plattform „Forum vernetzte Sicherheit“ Defizite aufzuzeigen und Empfehlungen für eine effektivere Strafverfolgung zu formulieren.

Sinn präsentiert in seiner 120-seitigen Studie eine Fülle an Daten und Beispielen, die eine globale Verbreitung und wachsende Vernetzung der organisierten Kriminalität (OK) belegen. Danach sind allein innerhalb der EU rund 5000 der OK zuzurechnende Organisationen aktiv, mehr als zwei Drittel von ihnen auch international. Knapp die Hälfte ist in mehreren „Geschäftsfeldern“ wie Drogenhandel, Arzneimittelfälschung, Produktpiraterie, Autodiebstahl und Menschenhandel tätig. Allein deutschen Maschinen- und Anlagenbauern entstehen durch OK jährlich Schäden in Höhe von 7,3 Milliarden Euro.

Teils kooperieren organisierte Banden, um gestohlene Waren von gemeinsam beauftragten Logistikunternehmen über Grenzen transportieren zu lassen. Teils finden sich hochspezialisierte Kriminelle auf Zeit zusammen, um Bankdaten im Internet abzufischen oder mit Schadsoftware Unternehmen zu erpressen. Für letzteres existieren laut Sinn regelrechte Franchiseunternehmen: IT-Kriminelle bieten Handlungsanweisungen zur Verbreitung von Computer-Viren an und erhalten als Gegenleistung einen vereinbarten Anteil am wirtschaftlichen Ertrag der Straftat.

Gleichwohl zögert Sinn, Cyberkriminelle pauschal der OK zuzuordnen: „Da ist eine neue Generation hoch intelligenter IT-Krimineller am Werk, die sich meist nur für begrenzte Zeit zur Begehung einer Straftat zusammentun“, sagt der Wissenschaftler. Eine dauerhafte Organisation, hierarchische Strukturen oder die Spezialisierung auf bestimmte „Geschäftsfelder“ und Regionen, wie sie Mafia-typisch ist, seien bei vielen Cybercrime-Aktivitäten nicht erkennen.

Besonders weit verbreitet und vom Umfang her die bedeutendste OK-Branche ist die Produkt- und Markenpiraterie. 461 des 870-Milliarden-Jahresumsatzes der OK gehen auf das Konto gefälschter Uhren, Schmuckstücke, Medikamente, Textilien, Lederwaren und ähnlichem mehr. Mit Blick auf Arzneimittel liegen die Risiken auf der Hand: Patienten erhalten nicht die benötigten Wirkstoffe und nehmen möglicherweise sogar schädliche Substanzen zu sich, die Präparate können wegen unsachgemäßer Lagerung verdorben sein. Dabei wird mit gefälschten Medikamenten mittlerweile mehr Geld verdient als im Kokainhandel.

Abgesehen vom Arzneimittelsektor wird das Fälschen laut Sinn aber weithin als Bagatelldelikt betrachtet – und auch so geahndet. Zu Unrecht, meint der Hochschullehrer: „Wer mit seinem Auto im Halteverbot steht, bekommt ein Knöllchen. Wer vom Zoll mit ein paar nachgemachten Marken-T-Shirts erwischt wird, kommt ohne Sanktionen davon.“ Um die OK wirkungsvoll bekämpfen zu können, müsse bei offensichtlichen Fälschungen auch über eine Mithaftung der Verbraucher nachgedacht werden. Denn mit ihrem Verhalten unterstützten die Käufer Herstellungsbedingungen wie Zwangs- und Kinderarbeit.

Politik und Ermittlungsbehörden halten mit diesen Entwicklungen laut Sinn kaum Schritt. Teils seien nicht einmal die Datenbanken der deutschen Bundes- und Landespolizeibehörden miteinander kompatibel, von internationaler Vernetzung ganz zu schweigen. Es fehle allenthalben an Expertenwissen, moderner Technik und Personal, so Sinn: Im Hamburger Hafen seien gerade zwei Personen mit der Kontrolle von Handelscontainern betraut – bei neun Millionen Containern, die dort jährlich umgeschlagen werden.

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