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Opel will eine Offensive im Ausland starten.

Michael Lohscheller

Opel-Chef: "Wir haben Opel neu erfunden"

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Opel-Chef Michael Lohscheller über die unerwartet schnelle Ergebniswende beim Autobauer, die neue Offensive im Ausland und seine Freude darüber, dass der Blitz wieder strahlt.

Michael Lohscheller steht seit zwei Jahren an der Spitze von Opel. Der 50-jährige, großgewachsene Diplom-Kaufmann und studierte Marketing-Experte hat das traditionsreiche Unternehmen nach fast 20 Jahren mit Milliardenverlusten 2018 wieder in die Gewinnzone geführt – vor allem dank der Übernahme durch den französischen Autokonzern PSA (Peugeot/Citroën) vom US-Autobauer General Motors im August 2017. Der begeisterte Marathonläufer, der mehr als 100 Mal die Distanz absolviert hat, arbeitet seit 2012 für Opel. Im Interview zieht er eine Zwischenbilanz seiner Amtszeit, erläutert den Einstieg von Opel in die Elektromobilität und beschreibt die Herausforderungen bei der Neuausrichtung des Unternehmens.

Herr Lohscheller, Sie sind Vater von zwei Teenagern. Was machen die beiden freitags? Fridays for Future?
Meine Kinder gehen auch freitags in die Schule. Aber es ist gut, dass sich die junge Generation engagiert. Es geht um wichtige Themen und Zukunftsfragen. Die diskutieren wir auch zu Hause.

Klimaschutz und Nachhaltigkeit spielen eine immer größere Rolle. Auch bei Opel?
Selbstverständlich. Das hat eine zentrale Bedeutung. Zuerst natürlich mit Blick auf unsere Autos. Wir produzieren im Jahr rund eine Million Fahrzeuge. Deshalb ist unsere Elektro-Offensive wichtig. Wir haben hier einen klaren Plan: Opel wird elektrisch. Bis 2024 werden wir in ausnahmslos jeder Baureihe auch eine elektrifizierte Variante anbieten. Auch als Unternehmen müssen wir nachhaltig agieren – zum Beispiel beim Abfallmanagement, beim Recycling, beim effizienten Einsatz von Energie.

Wie bewältigt Opel den Spagat zwischen der Mobilitätserfordernis der Menschen, Klima- und Umweltschutz und sparsamen und sauberen Fahren?
Wir müssen eine Menge gleichzeitig tun. Wir verbessern unsere Verbrennungsmotoren und gehen bei der Elektromobilität in die Offensive, wollen sie breiten Schichten erschwinglich machen. Das tun wir etwa mit dem neuen Corsa-e oder dem Grandland X Hybrid. Dieser Wandel bringt für das Unternehmen und unsere Beschäftigten große Veränderungen. Gleichzeitig tragen wir gesellschaftliche Verantwortung etwa für den Klima- und Umweltschutz. Der Spagat ist nicht einfach, aber wir sind auf einem guten Weg.

Michael Lohscheller ist seit Juni 2017 Geschäftsführer von Opel in Rüsselsheim.


Der erste vollelektrische Corsa kommt im ersten Quartal nächsten Jahres. 29 900 Euro kostet die Basis-Version. Damit ist er rund doppelt so teuer wie ein „normaler“ Corsa.
Für diesen Preis bekommt der Kunde aber auch eine ganze Menge, denn in diesem Auto stecken Technologien und Assistenzsysteme, die man sonst nur aus höheren Fahrzeugklassen kennt. Bereits in der Einstiegsversion ist der Corsa-e gut ausgestattet und hat keine abgespeckte Batterie, sondern eine Norm-Reichweite von 330 Kilometern. Und das Leasing ist günstig. Außerdem geht in Deutschland die Förderung von 4000 Euro ab. Zudem sind die Betriebskosten erheblich niedriger. Eine Tankfüllung mit Benzin oder Diesel kostet mehr als 60 Euro, das Laden der Batterie für 330 Kilometer Reichweite weniger als 15 Euro.

Opel ermöglicht seit dem 4. Juni Bestellungen für den E-Corsa. Wie viele gibt es?
Wir sind zufrieden. In manchen Ländern wie Norwegen ging es sofort los. Genaue Zahlen nennen wir zu einem späteren Zeitpunkt.

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Wie wichtig ist die Opel-Mutter PSA für die Elektro-Strategie?

Extrem wichtig. Wir nutzen Konzerntechnologie. Beide Plattformen ermöglichen Elektrifizierung: Einmal die Produktion von Hybriden und einmal die von reinen E-Autos – und das auf derselben Produktionslinie wie Versionen mit herkömmlichen Verbrennungsmotoren. Damit ist PSA sehr weit. Und wir sind vor allem sehr flexibel aufgestellt und können auf die Nachfrage unserer Kunden reagieren. Der Kunde entscheidet, was er fahren will.

Aber der Einstieg in die Elektromobilität ist teuer.
Elektromobilität hat in der Tat seinen Preis. Aber wir müssen als Teil der Groupe PSA zum Glück nicht alles komplett neu entwickeln. Das drückt die Kosten für die Entwicklung um 30 bis 50 Prozent und steigert die Qualität. Wir sparen durch gemeinsamen Einkauf und gemeinsame Plattformen. Das gilt auch für die anderen Autos, die wir als nächstes elektrifizieren: Den Mokka-X-Nachfolger und leichte Nutzfahrzeuge, wie den Combo Cargo oder den Vivaro.

Opel bleibt als Marke eigenständig, auch 120 Jahre nach der Gründung?
Absolut. Das war immer der Ansatz. PSA hat bereits drei französische Marken – und braucht keine vierte. Aber eine deutsche. Nur mit Opel als eigenständiger deutscher Marke wird das Geschäft für PSA als europäischer Champion größer. Wir haben sehr viele Freiheiten, die wir so bei GM nicht hatten.

Viele Autofahrer haben Interesse an E-Modelle. Sie zögern aber, weil das Netz von Ladesäulen löchrig ist. Was tut Opel gegen den Missstand?
Die Ladeinfrastruktur ist extrem wichtig. Da muss mehr passieren. Deshalb machen wir Rüsselsheim zusammen mit der Stadt und anderen Partnern zu einer Pilotstadt. Bis Ende 2020 wird es 1300 Ladesäulen geben – für 63 000 Einwohner. Wir brauchen mehr solcher Projekte. Es muss mehr gemeinsame Anstrengungen geben, von allen Beteiligten. Der Aufbau der Ladeinfrastruktur ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Im Übrigen bieten wir jedem Käufer eines E-Corsa ein Starter-Kit zur Einrichtung einer eigenen Lademöglichkeit.

E-Autos machen nur Sinn, wenn der Strom umweltfreundlich erzeugt wird.
Auch da machen wir uns Gedanken.

Sollte Deutschland beim Klimaschutz eine Vorreiterrolle spielen?
Das würde ich mir sehr wünschen. Wir haben die Technologie. Alle sollten sich bewegen: Die Industrie, die Politik, die Gesellschaft.

Wo bekommt Opel die Batteriezellen her? Aus Asien? Denken Sie an eine eigene Produktion?
Noch kommen die Zellen aus Asien. Das ist auf Dauer nicht gut. Deswegen haben sich PSA und Opel um die Förderung für den Aufbau einer eigenen Fertigung beworben. EU und Bundesregierung entscheiden im Laufe des Jahres.

Ist das Komponenten- und Motorenwerk Kaiserslautern dafür eine Option? Schließlich drohen durch den Umbruch in der Branche weg vom Verbrenner hin zum E-Auto Arbeitsplätze wegzufallen.
Finale Entscheidungen gibt es noch nicht. Verbrennungsmotoren werden gleichwohl noch lange wichtig bleiben.

Für die Entwicklung von sauberen Fahrzeugen ist viel Geld notwendig.
Umso wichtiger ist, dass wir nach 18 Jahren mit Verlusten 2018 rund 860 Millionen Euro Betriebsgewinn verbuchen konnten, den höchsten in der Geschichte von Opel – sprich in 157 Jahren. Opel ist wieder profitabel. Dazu kommen flüssige Mittel von 1,4 Milliarden Euro. Das ist die Basis für Investitionen in die Zukunft.

Hat Sie der schnelle Umschwung überrascht?
Ich arbeite schon seit 2012 im Unternehmen, vor meiner Berufung zum CEO habe ich bereits als Finanzchef hier gewirkt. Insofern habe ich den Umschwung schon erwartet. Dass es so schnell derart positiv laufen würde, war allerdings auch für mich eine große Freude.

Wie sieht es in diesem Jahr aus?
Wir haben unseren Marktanteil stabilisiert. Wir sind auf einem guten Weg und werden nicht nachlassen, uns weiter zu verbessern.

Keine konkrete Prognose?
Nein, denn PSA ist ein börsennotiertes Unternehmen.

Der Automarkt ist schwierig...
Das Umfeld verbessert sich nicht gerade. Die Handelskonflikte treffen uns zwar nicht direkt, aber sie belasten unsere Kunden. Sie halten sich mit Ausgaben und Investitionen zurück. Die Debatte um den Brexit spüren wir durch unsere britische Schwestermarke Vauxhall.

Fürchten Sie, dass die Chinesen mit E-Autos nach Europa kommen?
Die Automobilindustrie befindet sich in einem globalen, knallharten Wettbewerb. Das einzige was hilft, ist absolute Wettbewerbsfähigkeit. Daran arbeiten wir jeden Tag mit voller Konzentration.

Umgekehrt geht Opel nach Jahren der Zurückhaltung wieder auf Auslandsmärkte.
Da gibt es erfreuliche Fortschritte, in Südafrika, Namibia, Marokko, Tunesien und in Ägypten, wo wir auf fünf Prozent Marktanteil kommen. Auch Südamerika ist ein Thema. Da war Opel früher stark. Wichtig ist auch die Rückkehr nach Russland. Da gibt es 400 000 Opel-Kunden. Ab dem vierten Quartal verkaufen wir wieder. Mittelfristig wollen wir rund zehn Prozent unserer Autos jenseits der Grenzen unserer klassischen Kernmärkte in Europa absetzen.

Wie steht es um die Auslastung der deutschen Werke?
In Eisenach rüsten wir die Fabrik gerade auf die Produktion des Grandland X um. Damit wird das Werk gut ausgelastet. In Kaiserslautern läuft die Produktion neuer Dieselmotoren an. In Rüsselsheim bauen wir den Insignia, der Zafira läuft aus. Welches Modell stattdessen kommt, so wie angekündigt, werden wir zu gegebener Zeit mitteilen. Generell gilt: Wir können in allen europäischen Werken durch die einheitlichen Plattformen für alle PSA-Marken produzieren. Das ist ein großer Vorteil.

Die Arbeitsplätze bei Opel sind bis Mitte 2023 garantiert. Die Branche steht, bedingt durch die Elektrofahrzeuge, vor tiefen Einschnitten.
Die Transformation läuft, ab 2024 soll jedes Modell auch elektrisch vom Band rollen. In den Werken können Modelle mit allen Antriebsarten gebaut werden. Die größere Umstellung wird es bei Werken für Motoren und Getriebe geben. Deshalb ist die Frage der Batteriefertigung sehr wichtig. Ohne Zweifel steht die Branche vor einem massiven Umbruch.

Das Entwicklungszentrum in Rüsselsheim ist jetzt zu Teilen in Händen des französischen Zulieferers Segula. Das ist doch eher ein Nachteil.
Das Entwicklungszentrum in Rüsselsheim ist und bleibt das Herz der Marke Opel. Die Umstrukturierung war nötig, weil viele Arbeiten von externen Auftraggebern wegfallen. Das betrifft 2000 Beschäftigte. Segula hat sich bereit erklärt, sie zu übernehmen – als strategischer Partner. Wir haben aber auch attraktive Abfindungen geboten. Die haben gut 1300 Beschäftigte angenommen. Die verbleibenden Opel-Ingenieure verantworten die Konzeption aller künftigen Opel-Modelle und übernehmen zudem wichtige Aufgaben für die gesamte Groupe PSA, etwa die Entwicklung der zukünftigen Nutzfahrzeugarchitektur und das Kompetenzzentrum für die Entwicklung der Brennstoffzelle.

Sie stehen seit zwei Jahren an der Spitze von Opel. Wie sieht Ihre Zwischenbilanz aus?
In den vergangenen zwei Jahren haben wir Opel neu erfunden. Wir haben uns komplett neu aufgestellt, alles hinterfragt und Opel wieder auf die Gewinner-Spur gebracht. Wir haben das Comeback geschafft, Opel wirtschaftlich nachhaltig gesund aufgestellt, Kosten und Komplexität gesenkt und unsere Erträge pro Fahrzeug gesteigert. Wir haben die Marke Opel als nahbar, emotional und deutsch profiliert. Wir bringen viele neue, starke Modelle in den Markt. Ich kann mit Stolz sagen: Der Blitz strahlt wieder. Wir werden als Team dafür sorgen, dass das so bleibt. Langfristig. Natürlich ist noch nicht alles perfekt. Wir bleiben bescheiden. Wir wissen, wo wir uns noch verbessern müssen – etwa beim Marktanteil. Und wir sind auf einem guten Weg.

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Sie sind ambitionierter Marathonläufer. Was tun Sie persönlich für die Umwelt? Weniger Autofahren, mehr aufs Rad? Weniger Fliegen?
Ich verhalte mich schon bewusster als früher. Wenig Fleisch, gesündere Ernährung. Aber ich fliege immer noch. Mittlerweile nicht mehr nach Detroit, sondern nur nach Paris. Generell reisen wir bei Opel viel weniger. Das spart Kosten und schont die Umwelt.

Interview: Rolf Obertreis

Zur Person

Michael Lohscheller, 50, ist seit Juni 2017 Geschäftsführer von Opel in Rüsselsheim. Zuvor war er bereits fünf Jahre lang im Vorstand für die Finanzen des Unternehmens zuständig. Der gebürtige Münsterländer studierte an Hochschulen in Osnabrück, Barcelona und London. Er begann seine Karriere beim Maschinenbauer Jungheinrich, es folgten Stationen bei DaimlerChrysler Rail und bei Mitsubishi, wo er zum Finanzvorstand aufstieg. Bevor er zu Opel ging, arbeitete er für Volkswagen, zuletzt als Finanzvorstand für die Amerika-Sparte.

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