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Traditionsreiche Marke: Wie kaum ein anderer Autobauer muss Opel massive Rabatte gewähren, um die Fahrzeuge an den Mann und die Frau zu bringen.

Sanierung

Opel blitzt wieder

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Unter französischer Führung kommt der Rüsselsheimer Autobauer bei der Sanierung schnell voran. Doch trotz des ersten operativen Gewinns in diesem Jahrtausend schwelen die Konflikte an den deutschen Standorten weiter.

PSA-Chef Carlos Tavares hat sich als Anhänger des Evolutionstheoretikers Charles Darwin geoutet. Der hat die Formel vom Überleben der Stärksten geprägt. Tavares sieht offensichtlich dieses Prinzip auch im Geschäft mit Automobilen walten. „Wir werden unsere darwinistische Transformation fortsetzen und jede Herausforderung als eine Chance angehen, uns von unseren Wettbewerbern abzuheben“, sagte der Manager bei der Präsentation der Geschäftszahlen seines Konzerns, zu dem die Marken Peugeot, Citroen, DS, Opel und Vauxhall gehören.

Bei beiden Letzteren hat er mit einem teils sehr schmerzhaften Umbauprogramm geschafft, was viele Experten nicht für möglich gehalten hatten. Der deutsche Ableger hat zusammen mit seiner britischen Schwester erstmals nach 20 Jahren wieder in einem kompletten Geschäftsjahr einen Gewinn in der betrieblichen Tätigkeit eingefahren.

Die Bilanz weist für 2018 bei dieser Kennziffer einen Profit von 859 Millionen Euro aus. Die Franzosen haben damit geschafft, woran die amerikanischen Voreigentümer (General Motors) notorisch gescheitert waren. Allerdings sind bei den 859 Millionen Euro einmalige Sanierungskosten von 512 Millionen Euro nicht berücksichtigt. Dies eingerechnet, bleibt noch eine magere operative Marge (Gewinn im Verhältnis zum Umsatz) von 1,5 Prozent übrig. Tavares verlangt aber langfristig mehr als vier Prozent.

PSA-Chef Tavares will die Opel-Verkäufe in Russland steigern.

Der Manager, der in seiner Freizeit Autorallyes fährt und dessen Lieblingsvokabel „Performance“ ist, kann sich zwar Erfolgslorbeeren an sein Revers heften. Gleichwohl hat er seit der Übernahme des traditionsreichen Autobauers im Sommer 2017 in den deutschen Werken in Rüsselsheim, Eisenach und Kaiserslautern nicht unbedingt viele Freunde gefunden. Er hat die Belegschaft kräftig zusammengestutzt – mit Vorruhestand, Abfindungen und Altersteilzeit.

Das Programm kostet einmalig viele Millionen Euro. Aber die Aufwendungen fürs Personal wurden dadurch massiv gedrückt. Hinzu kam, dass in vielen Opel-Vauxhall-Fabriken in Europa die Gehälter gekürzt wurden. Das waren die wichtigsten Bausteine für den Überraschungserfolg. Die Vorgaben der Franzosen wurden schneller erreicht als ursprünglich geplant. Welch ein Sturm dafür aber durch die Werkshallen und Büros fegen musste, lässt sich auch daran erkennen, dass beinahe die gesamte Führungsriege und zahlreiche Manager in der zweiten und dritten Reihe ausgetauscht wurden.

Als einer der wenigen konnte sich Opel-Chef Michael Lohscheller halten. Er hat nun eine Fortführung des Konzepts der strikten Produktionsplanung angekündigt. Das orientiert sich an den Verkäufen. Nur was richtig gut läuft, wird gebaut. Das hat allerdings seinen Preis. Im vergangenen Jahr wurden noch 884 000 Fahrzeuge in Europa verkauft. Ein Minus von mehr als sechs Prozent im Vergleich zu 2017. Der Marktanteil ist auf nur noch 5,7 Prozent geschrumpft. Um die Jahrtausendwende lag er fast doppelt so hoch. Hinzu kommt, dass Opel wie kaum ein anderer Autobauer massive Rabatte gewähren muss, um die Fahrzeuge überhaupt an den Mann und die Frau zu bringen. Das wird unter anderem mit Eigen- und Tageszulassungen erreicht, die Autos werden dann als ganz junge Gebrauchte offeriert.

Experten wie Autoprofessor Ferdinand Dudenhöffer bezweifeln, dass diese Strategie, die letztlich auf einem Abschmelzen der Kundenbasis beruht, dauerhaft erfolgreich sein kann. So gehört zu dieser Strategie auch, die Fertigung im Rüsselsheimer Stammwerk weiter zu drosseln. Die Nachfrage nach den dort gefertigten Modellen geht zurück. Es handelt sich um das Flaggschiff Insignia und den Familien-Van Zafira. Spekulationen über eine bevorstehende Kurzarbeit machen bereits die Runde.

Tavares sieht hingegen bei Opel die Grundlage für eine nachhaltige Zukunft gelegt. Er forderte Belegschaft und Management nun bei der Präsentation der Geschäftszahlen auf, „weiteres Potenzial freisetzen“. PSA-Finanzvorstand Philippe de Rovira sekundierte. Opel müsse noch profitabler werden, um zu den Besten in der Branche zu zählen. Bei Opel liegen die Personalkosten im Verhältnis zum Umsatz noch immer deutlich höher als bei der Schwester Peugeot, was auf zusätzlichen Jobabbau hindeutet.

Mehr Effizienz und Produktivität will das PSA-Management auch mit einer weiteren Vereinfachung der Baukastensysteme für die verschiedenen Modelle erreichen, die sukzessive immer weiter auf PSA-Plattformen und -Technik umgestellt werden sollen. Vieles läuft auf einen Autobauer hinaus, der von der Mutter vor allem die Technik übernimmt. Darüber kommt eine deutsche Außenhaut, die sich aber auch am französischen Design orientiert.

Das bedeutet aber auch, dass im riesigen Entwicklungszentrum in Rüsselsheim die jetzt schon beträchtlichen Überkapazitäten noch größer werden. Einst arbeiteten dort 7000 Leute. Nun sollen rund 2000 Ingenieure zur französischen Firma Segula wechseln, die Entwicklungsdienstleistungen für verschiedene Autobauer anbietet. Gewerkschafter lehnen dies strikt ab. Lohscheller sieht indes keine Alternative zu den Auslagerungen, um den Standort Rüsselsheim zu sichern. Eine Lösung in diesem Konflikt ist nicht in Sicht.

Derweil hat Tavares für die gesamte PSA-Gruppe die Parole ausgegeben, dass die Verkäufe außerhalb Europas bis zum Jahr 2021 um 50 Prozent gesteigert werden sollen – derzeit setzt der Konzern noch fast 80 Prozent seiner Fahrzeuge auf dem alten Kontinent ab. Er hat von anderen Autobauern – insbesondere Volkswagen – gelernt, dass nur ein globalisierter Konzern auf Dauer stabil sein kann. Konkret bedeutet das, dass Peugeot in Nordamerika, Citroën in Indien und Opel in Russland kräftig wachsen sollen.

Mit dem Land im Osten hat Opel viel Erfahrung. Jahrelang wurden in St. Petersburg Autos mit dem Blitz gebaut. 2015 stellten die Manager von GM die Fertigung wegen einer heftigen Absatzkrise ein. Ein Neuanfang soll nun im PSA-Werk in Kaluga gemacht werden. In Russland werde man ausschließlich Autos anbieten, die schon „auf PSA-Plattformen stehen“, betonte Lohscheller. Der kompakte Astra und das SUV Mokka, die noch aus der GM-Ära stammen, sollen dort also nicht angeboten werden.

Der Umsatz der gesamten PSA-Gruppe stieg im vergangenen Jahr um knapp 19 Prozent auf 74 Milliarden Euro. Auf Opel entfielen dabei 18,3 Milliarden Euro. Der Nettogewinn des Konzerns wuchs um gut 40 Prozent auf 3,3 Milliarden Euro.

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