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Ein Arbeiter der saudischen Ölfirma Aramco auf dem Ölfeld von Abqaiq.

Staatengruppe Opec+

Opec: Jeder wie er will

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Eigentlich hatte die Staatengruppe Opec+ beschlossen, ihre Ölförderung zu drosseln. Doch vor allem Russland schert aus. Spricht Saudi-Arabien heute ein Machtwort?

Selten gab es vor einem Treffen der Opec so widersprüchliche Einschätzungen über das Geschäft mit dem Erdöl. Unmittelbar vor Beginn der Verhandlungen in Wien deutete vieles darauf hin, dass die vor einem Jahr beschlossenen Förderkürzungen erst einmal verlängert werden – auch um einen großen Krach zu verhindern.

Am Donnerstag trafen sich zunächst die Vertreter der 14 Opec-Staaten. Am Freitag soll im Format Opec+ weiterdiskutiert werden – dann sitzt auch eine russische Delegation mit am Tisch. Aber schon vorher schrieben Branchenkenner dem neuen saudi-arabischen Ölminister Prinz Abdulasis bin Salman die Hauptrolle zu. Er ist der Halbbruder des mächtigen Kronprinzen Mohammed bin Salman. Der renommierte Analyst Christophe Barraud etwa mutmaßt, dass der Prinz das Treffen zum ganz großen Auftritt und zu einer Machtdemonstration nutzen könnte. Schließlich steht der Börsengang der staatlichen Ölgesellschaft Saudi Aramco unmittelbar bevor. Von einem erfolgreichen Debut am Kapitalmarkt hängt viel ab.

Die Saudis haben in jüngster Zeit mehrfach deutlich gemacht, dass ihnen die aktuellen Undiszipliniertheiten gar nicht gefallen. Vor einem Jahr wurde beschlossen, die Förderung um 1,2 Millionen Fass (à 159 Liter) zu drücken. Die Vereinbarung gilt offiziell bis Ende März 2020. Doch viele Staaten halten sich nicht daran. Hauptsünder ist Russland. Die Rohölgewinnung ist dort am Anschlag, denn der Staat braucht das Geld aus dem Geschäft mit dem Rohstoff dringend. Um ein Überangebot auf dem Weltmarkt einzudämmen, hat sich Saudi-Arabien stärker beschränkt als es eigentlich muss. Nun könnte Ölprinz bin Salman damit drohen, wieder mehr Pumpen laufen zu lassen – was den Preis für den fossilen Energieträger und damit auch für Benzin und Diesel drücken würde.

Seit Monaten dümpelt die Notierung der für Europa maßgeblichen Referenzsorte um die Marke von 60 Euro pro Fass. Das hat den Autofahrern und den Betreibern von Ölheizungen seit August ungewöhnlich stabile und günstige Preise beschert. Sie lagen nach Berechnungen des Internetportals Clever Tanken im November mit 1,37 Euro für Super E10 im Schnitt um 14 Cent und mit 1,25 Euro für Diesel sogar um 17 Cent unter den Werten des Vorjahresmonats.

Es könnte sogar noch billiger werden. Denn die Internationale Energieagentur (IEA) erwartet, dass im ersten Halbjahr 2020 pro Tag nur noch 28,3 Millionen Fass Opec-Öl benötigt werden, um den globalen Bedarf zu decken. Das Kartell hat aber laut Finanznachrichtendienst Bloomberg in den vergangenen Monaten im Schnitt knapp 30 Millionen Fass gefördert. Deshalb stellt sich die Frage, wann und wie stark gekürzt werden muss, um die Preise stabil zu halten.

Die Lage könnte sich für das Kartell noch dadurch verschärfen, dass Nicht-Opec-Staaten demnächst die Gewinnung des zähflüssigen Rohstoffs ausbauen wollen. Vor allem Brasilien, Norwegen und Guyana als südamerikanischer Neueinsteiger ins Ölgeschäft werden von Experten genannt. Hinter dieser Entwicklung steckt, dass Bohr- und Fördertechniken effizienter werden und somit Reservoire erschlossen werden können, die bislang nicht lukrativ waren.

Die Lesart der Opec-Experten ist indes eine andere. Sie erwarten, dass die Nachfrage deutlich höher liegen wird als von der IEA prognostiziert – deren Annahmen eine Abschwächung der globalen Wirtschaftsleistung zugrunde liegt. Gestützt wird dies unter anderem durch steigende Konjunktur-Frühindikatoren. Dazu zählt auch der vielbeachtete Caixin-Einkaufsmanagerindex für China. Doch vor allem werden solche Szenarien von den jüngsten Meldungen über eine bevorstehende (Teil)-Einigung im Handelsstreit zwischen den USA und China genährt. Hinzu kommt, dass das reale Output-Plus in Ländern außerhalb der Opec als relativ gering eingeschätzt wird. Eine wichtige Rolle spielt dabei die USA, wo mit der umweltschädlichen Frackingmethode immer mehr Öl gewonnen wird. Im September wurde ein Rekordwert von 17,5 Millionen Fass pro Tag geschafft, ein Plus zum Vorjahr um 1,3 Millionen Fass.

Doch nicht nur Opec-Experten, sondern auch Ölhändler und Manager aus der Branche gehen davon aus, dass sich das Wachstum bald deutlich abschwächen wird. Beim Fracking sprudelt es aus vielen Quellen schon nach einigen Monaten erheblich dürftiger. Rentabilitätsuntergrenzen werden dann sehr schnell erreicht und die Bohrlöcher dicht gemacht.

Branchenriesen wie Exxon-Mobil und Shell wollen allerdings in Texas und New Mexico sogar verstärkt bohren. Das Rohstoffhandelshaus Vitol erwartet, dass sich die US-Ölproduktion bis Ende 2020 noch einmal um 700 000 Fass pro Tag erhöhen wird. Das ist immer noch ein gehöriges Plus, aber ein geringeres als zuvor.

Womöglich kommen beim Opec-Szenario denn auch politische Motivationen zum Tragen. Jetzt schon eine drastische Förderkürzung zu beschließen, würde Russland wegen besagter Geldnot massiv verärgern. Das informelle Opec+-Bündnis könnte zerbrechen, was auch für die Saudis langfristig nachteilig sein dürfte.

Börsengang 

Die Aktien des saudischen Ölgiganten Aramco sollen zu je 32 Rial – umgerechnet 8,50 Dollar – an die Börse kommen, wie Insider meldeten. Das wäre am oberen Ende der angekündigten Preisspanne. Im Börsenprospekt waren 30 bis 32 Rial genannt worden. Der Börsengang könnte der größte aller Zeiten werden. 

Aramco wurde 1933 als California-Arabian Standard Oil Company gegründet. 1988 verwandelte die saudische Regierung die Firma in einen Staatskonzern. Ende 2018 waren die Erdölvorkommen Aramcos nach eigener Aussage fünfmal größer als die der fünf großen internationalen Ölkonzerne. FR

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