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Künstliche Intelligenz und Roboter haben keine Kompetenzen wie Neugier, Empathie und gemeinschaftliche Problemlösungsfähigkeiten.

Arbeit der Zukunft

"Ohne Weiterbildung werden Sie keine Chance haben"

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Adecco-Chef Alain Dehaze spricht im Interview über die Arbeit der Zukunft, gefragte Fähigkeiten und darüber, was Eltern ihren Kindern beibringen sollten.

Sein Rat in Personalfragen ist gesucht: Alain Dehaze spricht auf den ganz großen Bühnen, etwa dem Weltwirtschaftsforum, über die Zukunft der Arbeit. Der Chef des weltgrößten Personaldienstleisters Adecco fordert ein entschiedenes Handeln. Weder Unternehmen noch Politik würden bislang genug tun, um die Digitalisierung erfolgreich zu gestalten, mahnt er im Interview.

Herr Dehaze, die Digitalisierung verändert die Arbeitsmärkte. Sie kennen sowohl die Angebots- als auch die Nachfrageseite. Was für Fähigkeiten suchen derzeit die Unternehmen?
Als Fachkompetenzen sind vor allem technische, wissenschaftliche und medizinische Fähigkeiten gefragt. Die sind heute sehr beliebt. Aber es geht mehr und mehr auch um Kompetenzen wie Neugier, Empathie und gemeinschaftliche Problemlösungsfähigkeiten. Künstliche Intelligenz und Roboter können das nicht, und deshalb sind diese Fähigkeiten sehr gesucht.

Wie schnell verändert sich das Fähigkeitsprofil, das Arbeitgeber suchen?
Das ändert sich schnell. Eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey sagt voraus, dass bis 2030 weltweit 375 Millionen Arbeitnehmer aufgrund des Technologiewandels eine Weiter- und Fortbildung nötig haben werden. Es gibt einen so schnellen und breiten Wandel, dass es ein permanentes Bedürfnis an Umschulungen und Weiterbildungen gibt. Heutzutage verliert man 30 Prozent seiner Kompetenzen innerhalb von vier Jahren.

Verändern sich die Qualifikationsanforderungen schneller als früher?
Wir haben das nicht gemessen. Aber ich kann Ihnen ein Beispiel nennen: Früher hat ein Programmierer eine IT-Sprache nach der anderen gelernt. Und eine Sprache war mindestens zehn Jahre gültig. Heutzutage arbeiten indische Programmierer mit einer Sprache und lernen parallel dazu drei weitere.

Wie können es die Arbeitnehmer schaffen, mit diesen Veränderungen mitzuhalten?
Ein wichtiger Punkt ist lebenslanges Lernen. Früher wurde man 20 bis 25 Jahre lang ausgebildet und dann hat man 40 Jahre lang gearbeitet. Dieses Modell ist zu Ende. Permanente Weiterbildung und arbeiten lautet nun die Devise. Das verlangt natürlich nach Änderungen auf allen Ebenen – bei den Unternehmen, den Mitarbeitern, den Ausbildungsträgern, der Politik. Dabei stellen uns die rapiden Veränderungen vor ein zentrales Problem: Niemand weiß, was man den Leuten beibringen muss, damit sie am Ende der Ausbildung auch die Fähigkeiten haben, die dann gerade gefragt sind.

Haben Politik und Unternehmen denn schon genug getan, um Beschäftigte zu befähigen, sich ständig weiterzubilden?
Nein, deutlich nein. Darum auch meine Bitte, endlich Dialogplattformen zwischen Regierungen, Ausbildungssystem und Unternehmen zu schaffen. Wir brauchen jetzt eine permanente Verständigung.

Ein großes deutsches Unternehmen hat kürzlich angekündigt, sich von tausenden Mitarbeitern trennen zu wollen, die wenig oder gar nichts über Digitalisierung wissen. Stattdessen will es Menschen einstellen, die mit der Digitalisierung vertraut sind, aber vielleicht keine Branchenkenntnis haben. Ist das eine Strategie, die Sie bei Unternehmen derzeit häufiger sehen?
Nein. Und meine Bitte ist, dass wir vorausschauend handeln. Heutzutage handeln manche Unternehmen nicht vorausschauend. Wenn die Unternehmen das tun würden, würden sie analysieren, welche Fähigkeiten sie in drei bis fünf Jahren benötigen. Und dann sollten sie dafür sorgen, dass ihre eigenen Leute diese Fähigkeiten erlernen. Einfach Teile der Belegschaft auszutauschen, das führt oft zu einem sozialen Blutbad.

Wie helfen Sie Unternehmen, ihre Belegschaften erfolgreich fortzubilden?
Wir haben vor kurzem das Unternehmen „General Assembly“ übernommen. Dabei handelt es sich um den Weltmarktführer für Umschulungen und Weiterbildungen. Er ist spezialisiert auf Kompetenzen des 21. Jahrhunderts, auf Programmierung, Design, Marketing, Datenwissenschaft. Das wird uns die Möglichkeit geben, in Kombination mit unseren vorhandenen Weiterbildungsangeboten, auf die Unternehmen zuzugehen. Wir wissen, dass sie das möchten. Sie sind auf der Suche nach Lösungen, um eigene Leute fort- und weiterzubilden im Digitalbereich.

Wie groß ist dieses Interesse?
Es ist sehr groß. Wir haben von vielen Konzernchefs und Arbeitsdirektoren die Rückmeldung, dass das ganz oben auf ihrer Agenda steht.

Wie groß ist die Bereitschaft der Mitarbeiter, sich ein Leben lang fortzubilden?
Das ist ein langfristiger Lernprozess für alle Beteiligten. Auch Arbeitnehmer müssen sich dessen bewusstwerden. Denn es geht um ihren Arbeitsplatz und ihre Zukunft. Ohne Weiterbildung werden Sie in Zukunft keine Chance haben.

Welche Fähigkeiten sollten Eltern ihren Kindern beibringen?
Neugier, Kreativität, Problemlösungsfähigkeiten, Sozialkompetenzen. Das wird wichtiger. Denn Wissen ist mehr und mehr überall vorhanden. Wir sehen jetzt die ersten jungen Leute aus Schwellenländern, die an Top-Universitäten wie dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) angenommen werden. Die haben das nötige Wissen aus dem Internet und so die Aufnahmeprüfung an dieser renommierten Wissenschaftseinrichtung bestanden. Was bedeutet das? Es bedeutet, dass Wissen mehr und mehr für alle vorhanden ist. Die Menschen müssen lernen, was man mit diesem Wissen machen kann, welche Probleme man lösen kann, wie man zusammenarbeitet. Das kann die Technik nicht.

Die Digitalisierung ermöglicht auch neue Formen der Zusammenarbeit. Ein Stichwort ist Crowdworking. Das heißt, Unternehmen vergeben Aufträge über das Internet an freie Mitarbeiter. Wie werden sich dadurch Arbeitsmärkte und Beziehungen zwischen Beschäftigten und Unternehmen verändern?
Dank Technologie kann man Angebot und Nachfrage besser zusammenbringen. Die Menschen können für ein Unternehmen am anderen Ende der Welt arbeiten. Sie müssen nicht mehr physisch am Ort der Arbeit sein. Aber damit sind auch soziale Konsequenzen verbunden. Den Erfolg des Büroraumanbieters We Work erkläre ich immer damit, dass Menschen sich weiterhin begegnen wollen. Schon immer ist Arbeit ein sozialer Integrator. Menschen wollen Gemeinschaft erleben, sie brauchen den persönlichen Austausch mit anderen, auch wenn sie unterschiedliche Arbeitgeber haben.

Wenn die Menschen weltweit arbeiten, brauchen wir dann auch eine weltweite Arbeitsmarktpolitik?
Ich kann Ihre Frage sehr gut nachvollziehen. Aber wir sind schon so weit weg von einer einheitlichen Regulierung in Europa, dass ich mir eine weltweite Regulierung schwer vorstellen kann. 

Sie sagen, wir brauchen einen neuen Sozialvertrag angesichts der Umbrüche in der Wirtschaft. Wie soll der aussehen?
Viele unserer Sozialsysteme, unserer Sozialversicherungen basieren auf langfristigen Arbeitsverhältnissen. Aber wir sehen zum Beispiel, dass diese Arbeitsverhältnisse zunehmend weniger werden. Junge Amerikaner wechseln im Alter von 18 bis 25 Jahren bis zu elf Mal freiwillig ihren Job. Vier Millionen Italiener sind freiberuflich tätig, zwei Millionen in Großbritannien. Diesen neuen Trends muss man gerecht werden. Die Vorsorgesysteme sind überhaupt nicht angepasst an diese Realität. Daher fordern wir einen neuen Sozialvertrag, der einer digitalen und vielfältigen Lebens- und Arbeitswelt gerecht wird. 

Es gibt Menschen, die schlagen ein bedingungsloses Grundeinkommen vor, um die Verwerfungen der Digitalisierung mit dem potenziellen Verlust von sehr vielen Arbeitsplätzen abzufedern. Was halten Sie von dieser Idee?
In Zeiten strukturellen Wandels gab es immer Arbeitsplätze, die für immer verschwanden. Ich sage aber auch, dass neue Technologien sehr viele Stellen schaffen werden. Es entstehen neue Industrien und mit ihnen neue Berufsbilder. Unsere Aufgabe ist die Synchronisation von Arbeitskreation und Arbeitsdestruktion. Das ist unsere Herausforderung als Gesellschaft. Und dann gibt es diese Frage des bedingungslosen Grundeinkommens. Ich bin kein Befürworter davon. Das Ziel von Arbeit ist nicht nur der Lohn, sondern auch soziale Integration. Wir sollten dafür sorgen, dass sich Menschen durch Arbeit weiterentwickeln können.

Interview: Daniel Baumann

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