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„Öl findet immer den Markt“

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Von: Peter Riesbeck

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Hahn auf: Arbeiter in einem Schacht der Ölförderanlage von Lukoil in Yarega.
Hahn auf: Arbeiter in einem Schacht der Ölförderanlage von Lukoil in Yarega. © Imago

Der Historiker Jeronim Perovic spricht im Interview über Russland als Rohstoffmacht von Lenin bis Putin, westliche Abhängigkeiten und mögliche Folgen der EU-Sanktionen.

In der Ukraine tobt der Krieg, der Westen reagiert mit Sanktionen gegen Russland – auch auf Energie. Ein Kohleimport ist besiegelt, ein weitreichendes Ölembargo beschlossen, Erdgas soll spätestens 2027 gekappt werden. Der Historiker Jeronim Perovic über Russlands Streben nach Devisen, die Bedeutung von Gazprom & Co. für Putins Kriegswirtschaft und zur Frage, was die grüne Transformation für den russischen Staat bedeutet.

Herr Perovic, vor Russlands Invasion in der Ukraine kamen 55 Prozent der deutschen Gaslieferungen aus Russland, in Österreich lag der Anteil bei 80 Prozent. Wie konnte es zu dieser Abhängigkeit kommen?

Schon das zaristische Russland hat ab dem späten 19. Jahrhundert Öl nach Europa exportiert, die Sowjetunion hat den Handel mit der kapitalistischen Außenwelt trotz ideologischen Gegensätzen und politischen Spannungen fortgesetzt. Die Sowjetunion galt also als verlässlicher Partner. Zu namhaften Lieferunterbrechungen kam es nicht und deshalb wurde die Erdgaspartnerschaft zwischen Westeuropa und der Sowjetunion, die 1968 mit ersten sowjetischen Gaslieferungen nach Österreich ihren Anfang nahm, in den darauffolgenden Jahren und Jahrzehnten fortgesetzt und immer weiter ausgebaut.

Jeronim Perovic, geboren 1971 in Winterthur, leitet das Center for East European Studies. In seinem Buch „Rohstoffmacht Russland. Eine globale Energiegeschichte“ (Böhlau, 39 Euro) befasst er sich mit der Bedeutung von Gas und Öl für die Entwicklung Russlands seit der Oktoberrevolution. pr bild: privat
Jeronim Perovic, geboren 1971 in Winterthur, leitet das Center for East European Studies. In seinem Buch „Rohstoffmacht Russland. Eine globale Energiegeschichte“ (Böhlau, 39 Euro) befasst er sich mit der Bedeutung von Gas und Öl für die Entwicklung Russlands seit der Oktoberrevolution. pr bild: privat © LUCA WIDMER

Was ließ das Geschäft so schnell anwachsen?

Die Europäer waren froh um das sowjetische Gas, weil sie darin eine willkommene Alternative zum Öl aus dem arabischen Raum sahen. Beschleunigend für den Ausbau der sowjetisch-westeuropäischen Energiebrücke war dabei das Lieferembargo der arabischen Mitglieder der OPEC im Oktober 1973, was zu Versorgungsengpässen in Europa und einem massiven Preisanstieg führte. Von diesem ersten globalen Ölschock profitierte letztlich das westeuropäisch-sowjetische Verhältnis.

Ein Wendepunkt ist 1973. Damals strömte das erste Erdgas aus dem Osten in die Bundesrepublik. Unter welchen Bedingungen kam der Deal zustande?

Moskau tat sich zunächst äußert schwer, mit Westdeutschland die Beziehungen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zu normalisieren. Nazideutschland war aufgrund seines Angriffskrieges gegen die Sowjetunion in schlechter Erinnerung. Auch die Deutschlandfrage war nicht gelöst. Bonn weigerte sich, die DDR diplomatisch anzuerkennen und die Ostgrenzen zu akzeptieren. In dieser schwierigen politischen Situation half es, dass sich Ende der 1960er Jahren das Verhältnis zwischen den beiden Supermächten USA und Sowjetunion merklich entspannte und sich gleichzeitig die westdeutsche Regierung unter ihrem Bundeskanzler Willy Brandt um die Normalisierung der Beziehung mit der Sowjetunion und den anderen Staaten des kommunistischen Ostens bemühte.

Warum war der Rohstoffexport für die Sowjetunion so wichtig?

Man strebte den Ausbau des Handels an und sah darin eine Möglichkeit, dringend benötigte Devisen zu genieren, um westliche Technik einzukaufen. Wiederholt mussten Petrodollars aber auch für Weizeneinkäufe in den USA und Kanada eingesetzt werden, weil die sowjetische Agrarwirtschaft aufgrund von Misswirtschaft und Dürren nicht imstande war, Getreide in ausreichenden Mengen zu produzieren. Wir dürfen nicht vergessen: Die sowjetische Wirtschaft zeigte schon ab den späten 1960er Jahren Krisenerscheinungen.

Warum war es für Wladimir Putin so wichtig, als Präsident nach 2000 die Kontrolle über die privatisierten Energiekonzerne zurückzuerhalten?

Das größte Problem der 1990er Jahre war, dass in Russland kaum jemand Steuern zahlte. Der Staat hatte kein Geld und konnte seinen Grundverpflichtungen nicht mehr nachkommen. Pensionen wurden nicht gezahlt, Infrastruktur verlotterte, das Budget für Militär und Verteidigung wurde gekürzt. In dieser Situation verhökerte der Staat sein Silberbesteck, darunter die großen Firmen der Ölindustrie, zu einem Spottpreis an Oligarchen, um rasch an Geld zu kommen.

Und Putin drehte das um?

Putin hat die Privatisierung der Erdölindustrie rückgängig gemacht, um sich den Zugang zu diesem Schlüsselsektor und den Renditen zu sichern. Wir müssen wissen: In Russland sind es nur wenige Dutzend Unternehmen, fast ausschließlich aus dem Rohstoffsektor, die für den Großteil des Bruttoinlandsprodukts verantwortlich sind. Rund ein Drittel des Staatshaushaltes stammt von Steuereinnahmen aus der Produktion und dem Export von Erdöl und Erdgas. Wer also diese wenigen großen Unternehmen kontrolliert, der kontrolliert im Grunde genommen die russische Wirtschaft.

In Ihrem aktuellen Buch zitieren Sie aus der Neujahrsansprache Putins aus dem Jahr 2000: „Bei uns haben der Staat, seine Institutionen und Strukturen, immer eine außerordentliche Rolle ... gespielt. Die Russen sehen im starken Staat keine Anomalie (...), sondern einen Garanten für Ordnung“. Welche Bedeutung haben Energiekonzerne wie Gazprom und Rosneft in Putins Machtsystem?

Genauso wie in der Sowjetunion die Kommunistische Partei per Verfassung als die „lenkende Kraft“ der Gesellschaft galt, so ist im Putin’schen Russland die Idee des „starken Staates“ zentral. Dies gilt auch für das Wirtschaftsleben. Der Staat braucht nicht gleich die gesamte Wirtschaft bis zur letzten Firma zu kontrollieren, wie dies in Sowjetzeiten der Fall war. Es genügt, einige Kernunternehmen zu kontrollieren. Im Erdölsektor kontrolliert das staatliche Unternehmen Rosneft den größten Teil der Erdölproduktion, im Erdgassektor ist es Gazprom, das für etwa zwei Drittel der Erdgasproduktion verantwortlich ist. Zudem kontrolliert Gazprom den gesamten Export via seine Pipelines. Zwar gibt es auch in Russland zahlreiche private Erdöl- und Erdgasfirmen. Doch sie sind oft abhängig von den großen staatlichen Firmen. So ist es das staatliche Unternehmen Transneft, dem die Erdölpipelines gehören. Dieses Unternehmen entscheidet so auch über den Zugang privater Erdölfirmen in seinem Pipelinenetz.

Die Energiegeschäfte haben eine lange Tradition. Schon Lenin schickte seine Emissäre 1922 als „Kaufleute“ und nicht als Kommunisten zur Konferenz von Genua, bei der die revolutionäre Sowjetunion Geschäftskontakte zum Westen knüpfen wollte. Warum waren die Einnahmen aus dem Geschäft mit dem „roten Öl“ so wichtig?

Schon Lenin wusste, dass das „schwarze Gold“ auf dem Weltmarkt stark nachgefragt war und sich damit Deviseneinnahmen erzielen ließen. Anfang der 1920er Jahre war Sowjetrussland isoliert. Die Bolschewiken boten ihr billiges Erdöl auf dem Weltmarkt an, um die internationale Wirtschaftsblockade zu durchbrechen. Gleichzeitig öffnete Lenin das Land für ausländische Investitionen, um die im Russischen Bürgerkrieg zerstörte Ölindustrie wieder aufzubauen. Das hat funktioniert. Mit dem Verkauf von Erdöl erzielte die Sowjetunion in der Frühphase zwar noch nicht die großen Milliardengewinne der späteren Jahre. Doch Erdöl war ein sicherer Wert, mit dem sich immer handeln ließ.

„Die Sowjetunion war in Abhängigkeit von Öl und Gas geraten“, schreiben Sie. Inwiefern beschleunigte der Fall der Energiepreise das Ende der Sowjetunion?

Wichtig ist zu verstehen, dass die Renditen aus dem Erdölexportgeschäft bis Anfang der 70er Jahre bescheiden waren. 1970 erzielte die Sowjetunion nur eine Milliarde Dollar mit dem Verkauf von Erdöl im Westen. Erst mit steigenden Weltmarktpreisen und dem Anstieg der sowjetischen Ausfuhren nahmen die Einnahmen dramatisch zu und geriet die Sowjetunion in immer größere Abhängigkeit vom Rohstoffexport. Anfang der 80er Jahre stammten rund 80 Prozent der sowjetischen Deviseneinnahmen im Umfang von jährlich rund 15 Milliarden Dollar aus dem Export von Öl und Gas. Anstatt das marode Plansystem zu reformieren, war es also einfacher, die Defizite des eigenen Systems mit Einnahmen aus dem Rohstoffgeschäft auszugleichen. Das klappte spätestens dann nicht mehr, als die Ölpreise Mitte der 80er Jahre massiv einbrachen. Nun blieb dem neuen Generalsekretär Michail Gorbatschow nichts anderes übrig, als unliebsame Reformen einzuleiten. Nicht die tiefen Ölpreise an sich, sondern die gescheiterten Reformen waren es, welche den Zerfall des Gesamtsystems beschleunigten.

Die EU hat Energiesanktionen erlassen. Was bedeutet die grüne Transformation für den russischen Staat und sein Modernisierungspotenzial, auch für eine mögliche Zeit nach Putin?

Wenn wir uns hundert Jahre Energiegeschichte anschauen, lässt sich leicht erkennen, dass ein so strategisch wichtiges Gut wie Erdöl immer den Weg zum Markt gefunden hat, solange eine Nachfrage bestand. Dasselbe gilt für Erdgas und andere wichtige Rohstoffe. Embargos und Lieferunterbrechungen können den Markt kurzzeitig erschüttern, doch Russland wird letztlich neue Abnehmer finden, solange es eine globale Nachfrage nach Öl und Gas gibt. Der einzige Weg wäre, gänzlich aus der fossilen Abhängigkeit herauszukommen. Doch das hat seinen Preis, und wir werden sehen, ob wir als Gesellschaft bereit sind, diesen zu bezahlen.

Interview: Peter Riesbeck

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