Analyse

Ökonomischer Jugendwahn

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Start-ups schaffen Jobs und Innovation, heißt es oft. Doch ein internationaler Vergleich weckt Zweifel an dieser These.

Die Gesellschaft mag das Junge, das Neue, das Frische. Während das Alter die Vergangenheit mit sich herumschleppt, verspricht Jugend einen Überschuss an Zukunft: Sie weist nach vorne, nach oben. Diese Vorstellung existiert auch in der Ökonomie. Unternehmensgründer sind die Lieblingskinder von Politikern quer durch alle Parteien: Bahn frei den Start-ups, mit denen es los- und aufwärts gehen soll. Ein genauerer Blick zeigt jedoch, dass ein großer Anteil neuer Unternehmen der Gesamtökonomie gar nicht unbedingt nutzt.

Einer der Front-Männer der Jungunternehmerbewegung ist FDP-Chef Christian „Digital first, Bedenken second“ Lindner. Er fordert ohne Unterlass eine neue „Gründerkultur“ für Europa und kritisiert, „in Deutschland fehlt es an allen Ecken und Ecken an Pioniergeist“. Innovationen würden behindert durch zu viel Bürokratie und zu hohe Steuern.

Auch die SPD ist der Meinung: „Deutschland braucht mehr Start-ups – und Start-ups müssen schneller als bislang wachsen können.“ Denn diese jungen Hightech-Unternehmen würden die Wirtschaftskraft Deutschlands maßgeblich bestimmen. Die SPD will daher bessere Bedingungen für Gründer und für Investoren und ein umfassendes Wagniskapitalgesetz, „das die Finanzierungsprobleme für Gründungswillige, Gründer und Investoren endlich angeht“. Dem stimmen CDU-Politiker zu, sie loben sich allerdings dafür, bereits deutlich bessere Rahmenbedingungen für Existenzgründungen geschaffen zu haben.

Eine große Anzahl an Start-ups wird meist mit der Hoffnung verknüpft, viele Arbeitsplätze zu schaffen, technologische Innovationen voranzutreiben, die Produktivität zu erhöhen und dadurch die Ökonomie zu verjüngen. Trifft das zu? Die französische Bank Natixis hat diese Aussagen einer Prüfung unterzogen – und ist skeptisch.

Natixis untersuchte als erstes die Gründungsintensität in 19 Industrienationen, also die Anzahl von Unternehmensgründungen im Verhältnis zur Größe der Bevölkerung. Bereits hier kommen erste Zweifel an der Verjüngungs-These auf, da der Wert für Spanien deutlich über dem deutschen liegt und die Italiener deutlich gründungsfreudiger sind als die US-Amerikaner.

Ein Vergleich der Gündungsintensität mit der Arbeitsmarktlage eines Landes zeigt zudem: Weder schafft eine große Anzahl von Start-ups eine hohe Beschäftigungsquote, noch eine niedrige Arbeitslosenquote. Das ist laut Natixis auch nicht erstaunlich. Denn Arbeitslosigkeit sei vor allem ein Problem gering Qualifizierter – und die brauchen nicht so sehr Firmengründungen, sondern vielmehr Weiterbildung.

Auch die Innovationshoffnungen gehen fehl: Eine große Zahl von Start-ups führt laut Natixis nicht automatisch zu einer erhöhten gesamtgesellschaftlichen Produktivität. Auch das ist einleuchtend, wenn man sich die Vielzahl von Kleinstunternehmen in Südeuropa vor Augen hält, in denen entlassene Arbeitnehmer irgendwie über die Runden kommen. Zudem blamiert sich die Vorstellung, dass neue Unternehmen irgendwie mehr Neues schaffen als alte an der Tatsache, dass die großen etablierten Konzerne über die größten Forschungsetats verfügen.

Fazit: Nicht alles, was neu ist, ist automatisch gut. Nicht alles, was jung ist, hat eine glänzende Zukunft. „Gründung“ ist kein magisches Vehikel zur Schaffung von Wohlstand.

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