Trotz Corona-Hilfen

Ökonomen rechnen  nicht mit Inflation

Weltweit pumpen die Regierungen Unsummen in ihre Volkswirtschaften, um einen Kollaps zu verhindern. Doch die riesigen Hilfsprogramme werden in näherer Zukunft nicht zu einer Rückkehr der Inflation führen, meinen Ökonomen.

Ungeachtet gigantischer Staatsausgaben rechnen Ökonomen in der Corona-Krise vorerst nicht mit einem Inflationsschub - eher im Gegenteil mit sinkenden Preisen. Der wirtschaftliche Aufschwung nach der Krise wird nach Einschätzung mehrerer Volkswirte zögerlich ausfallen, da Regierungen und Unternehmen Schuldenberge anhäufen.

„Kurzfristig, während des Shutdown, verknappt sich das Güterangebot, aber auch die Güternachfrage. Deshalb ist kurzfristig keine Inflation zu erwarten“, sagt Clemens Fuest, der Präsident des Münchner ifo-Instituts. Nach der Krise werde das Güterangebot wieder steigen - „aber die Nachfrage wird gedämpft bleiben, weil viele Menschen in der Krise Einkommen und Vermögen verloren haben.“ Viele Unternehmen würden überschuldet sein und nur zögerlich wieder investieren. „Das Wirtschaftswachstum wird gering sein“, sagte Fuest.

Kurzfristig erwarten mehrere Ökonomen eher sinkende als steigende Preise: „Angesichts der Schwere der aktuellen Rezession und vor dem Hintergrund des ausgesprochen starken Ölpreisverfalls sollte die Konsumentenpreisinflation im Jahresdurchschnitt 2020 deutlich niedriger ausfallen als im Vorjahr“, sagt Michael Menhart, Chefvolkswirt des weltgrößten Rückversicherers Munich Re. „Ich vermute, dass die Corona-Krise eher zu einer Deflation führen wird“, meint Markus Demary, Senior Economist für Geldpolitik und Finanzmärkte am Institut der Deutschen Wirtschaft Köln.

„Kurzfristig dürfte die Covid-19-Krise eher deflationär wirken“, nimmt auch Katharina Utermöhl an, für Europa zuständiger Senior Economist der Allianz. Europas führender Versicherer erwartet für 2020 im Euroraum eine extrem niedrige Preissteigerung von 0,2 Prozent, für 2021 eine Inflationsrate von 1,6 Prozent. BayernLB-Chefvolkswirt Jürgen Michels teilt diese Einschätzungen: „Kurzfristig sehe ich ganz klar, dass der Druck auf die Preise eher nach unten geht – auch wegen der Ölpreisentwicklung.“

Und wie sieht es nach dem Ende der Pandemie aus? „Der starke Anstieg der Staatsverschuldung und der Aufkauf vieler Schuldtitel durch die Notenbanken spricht eher für Inflation“, sagt ifo-Präsident Fuest. „Bislang hat sich diese Politik aber vor allem in der Aufblähung von Vermögenspreisen niedergeschlagen, nicht in steigenden Konsumentenpreisen“ – Vermögenspreise sind die Preise von Aktien, Wertpapieren und anderen Vermögenswerten. „Ich erwarte, dass das auch künftig so sein wird“, sagt Fuest. „All das spricht gegen einen Anstieg der Inflation nach der Krise.“

Auch Munich Re Chefvolkswirt Menhart geht nicht von einer grundlegenden Veränderung des Inflationsausblicks aus und erwartet „Inflationsraten ungefähr auf Vorkrisen-Niveau“.

Der Abbau der Schulden werde für eine gewisse Zeit Vorrang vor neuen Investitionen haben, erwartet IW-Geldmarktspezialist Demary. „Durch die Zurückhaltung der Investitionen fehlt Nachfrage, wodurch das Wachstum der Preise stagniert.“

Doch ähnlich wie Juristen analysieren Volkswirte für ihre Einschätzungen eine Vielzahl von Faktoren. Manche dieser Faktoren könnten durchaus zur Rückkehr der Inflation führen.

Allianz-Volkswirtin Utermöhl nennt den Umgang mit den Schuldenbergen als möglichen Knackpunkt. Nach der Finanzkrise wurden die Schulden in vielen Ländern nicht wieder abgebaut. „Im Gegenteil: Die weltweite Verschuldung hat 2019 einen neuen Rekordstand erreicht“, sagt die Wirtschaftswissenschaftlerin. Utermöhl geht davon aus, dass Inflation Mittel zur Minderung der Schuldenlast sein wird.

Munich Re-Chefvolkswirt Menhart weist auf einen weiteren Punkt hin: „Risiken höherer Inflation bestehen allerdings insbesondere dann, wenn bei sich normalisierender volkswirtschaftlicher Nachfrage Unternehmen die Produktion nicht ausreichend schnell wieder hochfahren können.“

Auch BayernLB-Chefvolkswirt Michels hält eine Rückkehr der Inflation für möglich – „aber erst, wenn wir volkswirtschaftlich wieder auf dem Niveau sind, das wir vor der Krise hatten.“ Das könnte nach Michels Einschätzung 2022/23 der Fall sein.

Höhere Lagerhaltung und ein möglicherweise in Zukunft höherer Anteil lokaler Produktion könnten preistreibend wirken. Und wenn Regierungen zur Schuldentilgung Steuern erhöhen, dürfte das nach Michels‘ Einschätzung zu höheren Verbraucherpreisen führen. (dpa)

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