Anlagen für erneuerbare Energien können mittlerweile extrem günstig umweltfreundlichen Strom erzeugen.
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Anlagen für erneuerbare Energien können mittlerweile extrem günstig umweltfreundlichen Strom erzeugen.

Energiewende

Öko-Strom ist konkurrenzlos günstig

  • Frank-Thomas Wenzel
    vonFrank-Thomas Wenzel
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Die Kosten für grünen Strom fallen deutlich schneller als erwartet. Somit gibt es kaum noch ökonomische Anreize, neue Gas- oder Kohlekraftwerke zu bauen.

Das ist schon der Hammer“, sagt Patrick Graichen, Direktor der Denkwerkstatt Agora Energiewende. Er meint die Kostensenkungen bei den Erneuerbaren im Allgemeinen und bei Windstrom im Besonderen. Dies verschiebt das Koordinatensystem für die Energiewende. Für Graichen steht deshalb fest, dass die Diskussion über die Kosten und die Ziele der Energiewende neu geführt werden muss.

Derzeit kommt etwa ein Drittel des in Deutschland verbrauchten Stroms aus erneuerbaren Quellen. 2030 will die Bundesregierung 50 Prozent erreichen. Der Agora-Direktor fordert, den anzustrebenden Wert auf 60 Prozent zu erhöhen. Denn: „Nun ist deutlich erkennbar, dass dies ohne Zusatzkosten geschafft werden kann.“

Solarstrom jetzt deutlich günstiger 

Neben Umweltorganisationen wie Greenpeace oder dem BUND sowie Versorgungsunternehmen wie der Mannheimer MVV macht sich nun auch die Unternehmensberatung PwC für ambitioniertere Vorgaben stark. Die Ursache: Bei den jüngsten Abschreibungen für neue Solaranlagen lagen die günstigsten Gebote nur noch bei sechs Cent pro Kilowattstunde fürs Einspeisen ins Netz. Vor fünf Jahren, als Agora Energiewende ihre Arbeit aufnahm, war es noch das Vierfache.

Auch bei der Windenergie werden günstige Offerten für die garantierten Vergütungen des eingespeisten Stroms erwartet. Die Frist der ersten Ausschreibung für Windräder auf See endete am Montag vor einer Woche. Die eingereichten Gebote würden derzeit geprüft, sagt ein Sprecher der Bundesnetzagentur.

Die Unternehmensberatung PwC erwartet, dass der Zuschlag für erheblich weniger als zehn Cent erteilt wird. Schließlich wurden kürzlich bei Projekten in Dänemark und in den Niederlanden schon 5,0 und 5,45 Cent erreicht. Das waren noch vor zwei, drei Jahren auch für Insider kaum vorstellbare Dimensionen – damals wurde noch mehr als das Dreifache aufgerufen.

Es gibt ein Bündel von Gründen für diese Entwicklung: „Der mit den Ausschreibungen eingeführte Wettbewerb wird jetzt deutlich spürbar“, sagt der PwC-Energieexperte Norbert Schwieters. Hinzu komme, dass die Offshore-Windräder immer größer würden und deshalb pro Rotor mehr Strom erzeugt werden könne. Überdies wachse generell das Know-how der Anlagenbauer. Risiko-Aufschläge bei der Finanzierung würden verringert, und Versicherungen verbilligten sich. Einer aktuellen Markteinschätzung der PwC-Experten zufolge rechtfertigt das „deutlich ambitionierte Ausbauziele“.

Derzeit bringen die Rotoren in Nord- und Ostsee eine Gesamtleistung von rund 4,1 Gigawatt. Die Regierung hat 15 Gigawatt für 2030 vorgegeben – das entspricht etwa einem Dutzend Atomkraftwerken. Doch die früher schon einmal vorgesehenen 25 Gigawatt werden immer wahrscheinlicher, zumal Berater Schwieters und mit ihm viele Manager und Wissenschaftler davon ausgehen, dass die technologischen Potenziale für Kostensenkungen noch nicht ausgeschöpft sind.

„Wir sehen heute Entwicklungen, die 2013 noch undenkbar waren“, bilanziert Graichen zum fünfjährigen Bestehen seiner Organisation. Umso nötiger sei es jetzt, die Fragen erneut zu stellen, die die Agora in der vergangenen Halbdekade immer wieder gestellt hat: Was ist nötig, um die Energiewende zum Gelingen zu bringen? Was braucht es, um die Klimaschutzziele zu erreichen?
Bis 2030 sollen in der EU die Treibhausgas-Emissionen im Vergleich zu 1990 um mindestens 40 Prozent reduziert werden – davon ist Deutschland meilenweit entfernt. Klar ist: Weniger Kohlekraftwerke spielen eine wichtige Rolle. Der PwC-Experte Schwieters erwartet, dass konventionelle Kraftwerke noch auf lange Sicht eine wichtige Rolle für die Stromversorgung spielen.

Dennoch sehen er und andere Experten, die Notwendigkeit von Preissignalen am Strommarkt. Sie würden den nötigen Energiemix aus erneuerbarer und konventioneller Leistung hervorbringen. Eine Anpassung des CO2-Emissionshandels würde diesen Trend noch deutlich verstärken, zumal dann zunächst die Anlagen stillgelegt würden, die große Mengen Treibhausgase ausstoßen.
Hinter diesen Überlegungen steckt ein Szenario, das darauf setzt, dass immer mehr Grünstrom die Preise an der Strombörse drückt und Betreiber von Kohlekraftwerken dazu bringt, ihre Anlagen stillzulegen.

Agora-Direktor Graichen setzt hingegen auf einen „geordneten Rückzug“. Eine Entscheidung über die Zukunft der Kohlekraftwerke müsse nach der Bundestagswahl im September von der neuen Bundesregierung zügig angegangen werden. Denn: „Alle wichtigen Akteure wollen Klarheit.“ Er macht sich für ein Konzept stark, dass sein Think Tank schon Anfang 2016 vorgelegt hatte: Von 2018 an werden pro Jahr Kraftwerke mit einer Leistung von jeweils drei Gigawatt stillgelegt. Mit den ältesten Anlagen soll begonnen und 2040 der letzte Kohlemeiler abgeschaltet werden.

Das Konzept fand zunächst großen Anklang. Doch die Diskussion darüber wurde vom damaligen Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) auf Eis gelegt – handelt es sich doch um ein politisch sensibles Thema. Bei einem Abschalten der Anlagen, die den fossilen Brennstoff verfeuern, sind viele Arbeitsplätze gefährdet, insbesondere in den Braunkohle-Revieren in der Lausitz und in NRW. Aus diesem Grund schlägt Graichen auch vor, die betroffenen Regionen mit jährlich 250 Millionen Euro aus dem Bundeshaushalt zu fördern. Und: Zügig nach der Bundestagswahl müsse ein runder Tisch einberufen werden, der die Kernelemente für den Kohle-Konsens aushandle.

Zu den Zielen der Bundesregierung gehört auch, dass 2030 sechs Millionen Elektroautos auf Deutschlands Straßen unterwegs sind. Doch der Strom wird massiv von Steuern und Abgaben belastet – allein die Umlage für die Finanzierung der Erneuerbaren (EEG-Umlage) macht mit 6,88 Cent pro Kilowattstunde fast ein Viertel der Stromrechnung aus. Diesel hingegen wird einer um 18,4 Cent pro Liter reduzierten Energiesteuer im Vergleich zum Benzin gefördert.

Auch hier fordert Graichen ein neues Denken von der nächsten Bundesregierung: „Es kann nicht sein, dass wir saubere elektrische Energie teuer machen.“ Er schlägt deshalb vor, einerseits das Diesel-Privileg abzuschaffen und andererseits die Mittel für die EEG-Umlage nicht länger nur über die Stromkunden, sondern auch aus weiteren Quellen zu finanzieren – beispielsweise über einen Fonds aus dem Bundeshaushalt oder über eine Steuer auf den Ausstoß von Kohlendioxid. Es wird nicht einfach, das durchzusetzen. „Doch wer Klimaschutz will, muss auch unpopuläre Dinge anpacken“, so Graichen.

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