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„Öffentlicher Raum ist nicht nur für Verkehr da“

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Von: Claudia Isabel Rittel

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Ein Stuttgarter Platz - illustriert als Status quo und Utopie.
Ein Stuttgarter Platz – illustriert als Status quo und Utopie. © Jan Kamensky / Deutsche Bundesstiftung Umwelt

Der Sozialwissenschaftler Marco te Brömmelstroet forscht an der Universität Amsterdam über die Zukunft unserer Mobilität. Autos spielen dabei nur eine Nebenrolle.

Als Cycling-Professor hat Marco te Brömmelstroet auf Twitter fast 79 000 Follower und wirbt mit Grafiken und Videos für ein neues Nachdenken über Mobilität. Im Online-Interview spricht er über den Einfluss der Autoindustrie auf die Verkehrswende und verloren gegangene Vorstellungen von Straßen als öffentlichen Räumen.

Professor te Brömmelstroet, auf Twitter schreiben Sie: Wir brauchen nicht mehr fahrerlose Autos, sondern mehr autolose Fahrer. Was meinen Sie damit?

Ich sehe ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass es ein Problem mit dem Mobilitätssystem gibt. Aber es sind Menschen von innerhalb dieses Systems, die versprechen die Probleme zu lösen. Das macht die Autoindustrie schon seit fast 100 Jahren so: Sie blickt auf die kommenden 25 Jahre und stellt Lösungen für Probleme vor, die sie selbst geschaffen hat.

Was ist Ihre zentrale sozialwissenschaftliche Erkenntnis über Mobilität?

Wir haben herausgefunden, dass es nur eine kleine, aber laute Minderheit ist, die sehr intelligent die Sprache des allgemeinen Konsensus spricht und uns suggeriert, ihre Meinung sei die der Mehrheit. Wenn man aber beginnt, andere Fragen zu stellen, findet man heraus, dass die meisten Menschen nicht zufrieden damit sind, dass das System vom Autoverkehr abhängig ist und dass ihre Straßen keine Orte mehr sind, an denen Kinder spielen können. Fast niemand ist glücklich damit.

In Ihrem neuen Buch stellen Sie die Frage: Wem gehören unsere Straßen? Warum?

Sobald man anfängt, Straßen als öffentlichen Raum zu sehen, öffnet sich ein ganz anderer Horizont. Denn aktuell wird nur die Frage gestellt: Wie kommen Menschen so schnell wie möglich von Punkt A zu Punkt B? Straßen primär dem Verkehr zu widmen war eine Entscheidung, die vor 100 Jahren gefällt wurde und sich dann verfestigt hat. Heute ist uns nicht mehr bewusst, dass wir mit dieser Wahl viele andere Dinge von den Straßen verdrängt haben. Indem wir Mobilität aber immer schneller und einfacher machen, werden wir abhängiger davon. Dinge, die wir täglich brauchen, sind dadurch nicht näher gekommen, sondern haben sich weiter entfernt.

Zum Beispiel?

Die meisten Städte haben heute große Supermärkte, die man nur mit dem Auto erreicht. Das macht es noch wichtiger, Straßen zu Orten zu machen, durch die man schnell fahren kann. Es ist eine Spirale, die sich immer weiterdreht. Wir müssen das fundamental hinterfragen.

Wie könnten denn Lösungen aussehen?

Das Wichtigste ist, die Frage nicht innerhalb der Verkehrslogik zu stellen, sondern die Verkehrslogik in Frage zu stellen.

Gibt es dafür Vorbilder?

Die Stadt Paris macht das aktuell sehr gut, aber auch Barcelona und Groningen. Sie haben Leitfäden zur Nutzung des öffentlichen Raums entwickelt. Darin präsentieren sie zehn verschiedene Bedürfnisse, denen Straßen gerecht werden sollen. Alle zu befriedigen ist unmöglich. Es braucht also eine sachliche Diskussion darüber, wie Straßen genutzt werden sollen.

ZUR PERSON

Marco te Brömmelstroet ist Sozialwissenschaftler und Professor für Urban Mobility Futures an der Universität Amsterdam. Bei der Mobility Network Night , die am 13. Juli parallel zur Fahrradmesse in Frankfurt stattfindet, hält er die Keynote Speech. CIR

Dann gibt es sicher viele konkurrierende Ideen …

Sobald wir die Verkehrslogik verlassen, merken wir, dass es viel mehr Player gibt, und wir sprechen auf einmal nicht mehr nur mit dem Verkehrsminister oder dem Verkehrsingenieur, sondern auch mit Kindern, Jugendlichen, alten Menschen, Sozialarbeitern, Stadtentwicklern, Ökologen und so weiter. Die Tatsache, dass es Parkplätze im öffentlichen Raum gibt, ist ein Privileg, kein Recht. Man muss fragen: Was kostet dieses Privileg die Gesellschaft? Derzeit ist nur den wenigsten Menschen bewusst, dass man die Dinge auch anders tun könnte. Wir stecken aber da so tief drin, dass wir sogar bei der Verkehrswende nicht einmal fundamentale Annahmen infrage stellen. Wenn man aber Verkehrsproblemen mit anderen Formen von Mobilität begegnet, fehlt die Idee, dass der öffentliche Raum nicht nur für Verkehr da ist.

Der Hamburger Künstler Jan Kamensky bezeichnet sich als visuellen Utopisten. Seit 2020 gestaltet er animierte Videos, die er „visuelle Argumente für den Wandel“ nennt und mit denen er Möglichkeiten für die zukünftige Gestaltung von Straßen sichtbar machen möchte. Seine Animationen präsentiert er unter www.visualutopias.com. CIR

Vielerorts gibt es Experimente, um den Autoverkehr lokal einzudämmen.

Die Straßen in den Städten waren jahrtausendelang für viele verschiedene Dinge da. Heute hingegen leben wir in einem kurzen Zeitabschnitt, in dem Straßen nur für Verkehr da sind. Sobald wir das realisieren, wird klar, dass Straßen, die in erster Linie für Autos da sind, ein Experiment sind. Und zwar ein gescheitertes Experiment. Dass Tag für Tag etwa acht bis zehn Personen in Deutschland im Verkehr sterben, sollte uns zeigen, dass wir anders an die Sache herangehen müssen. Wir müssen fragen: In welcher Stadt wollen wir leben?

Sollen Straßen autofrei werden, haben viele lokale Händler:innen Angst, dass ihr Geschäft darunter leiden könnte. Was sagt Ihre Forschung dazu?

Hier geht es nicht um ein rationales Argument, sondern um Emotion. Diese Leute verteidigen den Status quo. Das ist menschlich. Wissenschaftlich aber ist es widerlegt: Es gibt viele Beispiele dafür, dass die Verkäufe in Fußgängerzonen steigen.

Welche drei Dinge müssten große Städte als Erstes tun, um das Mobilitätsproblem zu lösen?

Das Wichtigste ist, eine neue Geschichte zu finden und die Verkehrsingenieure in die Schranken zu weisen. Wenn wir zum Beispiel bei den Kindern anfangen, bekommen wir ein völlig anderes Narrativ. Nämlich eins, das über Jahrzehnte lang vergessen wurde. Zweitens müssen wir als Gesellschaft aufhören, Mobilität zu subventionieren – mit Platz, den die Gesellschaft zur Verfügung stellt, und indem die Allgemeinheit die externen Kosten trägt …

… Kosten wie auch die Verschmutzung der Luft.

Ja. Wir sollten langsam zu einem realistischen Marktpreis kommen. Für einige Menschen wird das eine schmerzliche Übergangsphase. Und drittens sollten wir das Thema Sicherheit angehen. Grundschulen zum Beispiel sollten doch in einer Umgebung sein, an denen Kinder nicht wegen des Verkehrs in Gefahr sind. Dazu kann man das Umfeld von Schulen einfach zu autofreien Zonen machen – etwa durch temporäre Regelungen. Es ist erstaunlich, was passiert, wenn man das tut: Kinder lachen wieder, sie können alleine zur Schule gehen. Als Nächstes kann man dann Nachbarschaften so organisieren, dass Kinder gefahrlos von zu Hause zur Schule gehen können.

In welchem Zeithorizont denken Sie?

Die Probleme, die wir jetzt haben, sind das Resultat von 70 Jahren. Im Grunde brauchen wir statt einer Verkehrswende eine Gesellschaftswende.

Interview: Claudia Isabel Rittel

Cycling-Professor Marco te Brömmelstroet.
Cycling-Professor Marco te Brömmelstroet. © Privat

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