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Obdachlosigkeit: Das Elend muss Beachtung finden

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Von: Anja Maier

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Obdachloser Mann in Berlin.
Obdachloser Mann in Berlin. © Christof Stache/afp

Am Sonntag ist der Tag der Wohnungslosen. Die Koalition verspricht, einen größeren Fokus auf diese vernachlässigte gesellschaftliche Gruppe zu legen.

Am Sonntag hat der Bundespräsident einen wichtigen Termin. Frank-Walter Steinmeier lädt nach Bellevue ein, um beim Tag der Wohnungslosen mit Betroffenen und Akteuren aus Wissenschaft, Verwaltung und auch mit der Wohnungswirtschaft ins Gespräch zu kommen. Seine einleitende Rede wird sehr wahrscheinlich sowohl zu Herzen gehen als auch dazu ermuntern, dem Elend der Obdachlosigkeit entgegenzutreten. Dennoch wird die breite Öffentlichkeit diesem Termin keine allzu große Beachtung schenken. In einem Sozialstaat wie diesem kümmern sich schließlich die zuständigen Institutionen um Menschen ohne Obdach. Hofft man jedenfalls.

Aber was ist, wenn – wie jetzt – die Zeiten härter werden? Wenn das Geld noch knapper für jene wird, die ohnehin kämpfen müssen? Wenn Menschen gekündigt, geräumt werden, weil sie ihre Miete nicht mehr zahlen können? Und auch wenn die Maßnahmen des gerade beschlossenen Entlastungspakets greifen: Ist die Gesellschaft in Zeiten sich zuspitzender Verteilungskämpfe gut genug aufgestellt, um Menschen in Not nicht aus dem Blick zu verlieren? Die Antwort auf diese Frage wird die kalte Jahreszeit bringen.

Im ganzen Land ist vor allem in den Städten, in Parks oder an Bahnhöfen das Elend der Obdachlosigkeit zu sehen: Abgerissene Gestalten, meist krank, oft psychisch verwirrt kauern am Wegesrand. Gerade im Berliner Regierungsviertel, wo die Tourist:innen schlendern und die Abgeordnetenlimousinen kreisen, ist ihre Zahl hoch. Mitgefühl kocht hoch. Aber was kann der oder die einzelne schon anderes tun, als ihnen Geld oder einen Kaffee zu reichen? Das Problem als ganzes muss die Politik lösen. Die Ampel hat sich deshalb in ihrem Koalitionsvertrag das Ziel gesetzt, Obdach- und Wohnungslosigkeit bis 2030 zu „überwinden“. Dafür will sie im Herbst einen Nationalen Aktionsplan vorlegen. Aber acht Jahre sind eine sehr lange Zeit, wenn man auf die Zahl der Betroffenen schaut.

255 000 Menschen ohne Obdach

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) hat gerade ihren Jahresbericht 2020 vorgelegt. 255 000 Menschen waren im Berichtszeitraum wohnungslos, unter ihnen sind 20 000 Kinder. BAGW-Vorsitzende Susanna Hahmann mahnt daher zur Eile: Der Nationale Aktionsplan müsse „jetzt in Gang gesetzt werden, um den drastischen wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen entgegenzuarbeiten“. Denn zu den Zumutungen der Corona-Jahre trete nun auch noch die der Wirtschafts- und Energiekrise. Die Frage ist, ob die Gesellschaft als Ganzes das nötige Mitgefühl, die angemessene Solidarität zeigt. Wo es für viele knapper wird, fallen erfahrungsgemäß die Schwächsten zuerst durchs Raster.

Es ist deshalb ein kluger Schritt des Staatsoberhauptes, diese Gerechtigkeitsfrage zu seinem Thema zu machen. Im Februar, anlässlich seiner Rede zum Beginn der zweiten Amtszeit, hat Frank-Walter Steinmeier seinen unterlegenen Mitbewerber von der Linken direkt angesprochen. Der Mainzer Sozialmediziner Gerhard Trabert ist Vorsitzender des Vereins Armut und Gesundheit. Mit seiner Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten wollte er die öffentliche Aufmerksamkeit auf das Thema Obdachlosigkeit lenken.

Das ist ihm gelungen. Steinmeier wandte sich an Trabert mit den Worten: „Dafür gebührt Ihnen nicht nur Respekt, sondern ich hoffe, dass Ihr Impuls erhalten bleibt.“ Das hat insofern funktioniert, als Trabert sich gleich im März mit Steinmeier im Schloss Bellevue getroffen hat. Und zwei Monate später reiste der Bundespräsident nach Mainz, um sich in Traberts Obdachlosenmobil selbst ein Bild von der „Lücke im System“ zu machen.

Die Rede beim Tag der Wohnungslosen an diesem Sonntag ist Teil der dringend nötigen Bemühungen um Öffentlichkeit und Respekt für die oft Vergessenen. Aber es darf eben nicht nur bei emotionalen Statements bleiben. In einem Land, das auch in der Krise noch den Konsum als Zeitvertreib versteht, dürfen die Elendsgestalten in den Fußgängerzonen nicht länger übersehen werden. Zu spenden ist das, was jeder und jede einzelne für den Nächsten tun kann. Aber dafür sorgen, dass Menschen nicht unverschuldet in diese Situation kommen, das muss die Politik.

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