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Gesundheitsminister Jens Spahn will Hausärzte in die Notfallversorgung integrieren. 

Gesundheitsversorgung

Schneller Hilfe im Ernstfall

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Weil immer mehr Patienten mit Bagatellkrankheiten in die Notfallambulanzen rennen, können diese den Andrang kaum bewältigen. 

In einer Nebenstraße im Berliner Stadtteil Gesundbrunnen hat die Zukunft bereits begonnen. Auf den ersten Blick herrscht im Erdgeschoss des Jüdischen Krankenhauses der tägliche Wahnsinn einer Rettungsstelle. Es ist ein später Freitagnachmittag, auf dem Flur zwischen den Behandlungszimmern liegen wimmernde Patienten, pausenlos bringen Rettungsdienste neue Verunglückte.

Eine Frau hat wegen der Hitze einen Schwächeanfall erlitten und sich beim Sturz verletzt, bei einem Sportler ist das Sprunggelenk gebrochen, ein Mann mit 4,5 Promille im Blut brüllt herum. Doch während in vielen anderen Krankenhäusern die Wartezimmer der Notaufnahmen insbesondere außerhalb der üblichen Sprechzeiten von Arztpraxen oft völlig überfüllt sind, müssen sich in diesem Krankenhaus nur wenige Patienten in Geduld üben.

Was Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) für das ganze Land plant, ist hier schon Realität: eine Reform der Notfallversorgung, durch die die Patienten besser und schneller versorgt werden sollen. Projekte wie das am Jüdischen Krankenhaus in Berlin gibt es auch anderswo. Ob sie zustande kommen, wie sie organisiert sind und ob sie funktionieren, hängt aber bislang vom Engagement der Kassenärzte und von den Krankenhausträgern ab. Spahn möchte nun bundeseinheitliche Standards festschreiben – und damit die Zeit des schier endlosen Wartens beenden.

Schon auf dem Wegweiser zur Rettungsstelle ist erkennbar, dass in der Klinik im Gesundbrunnen etwas anders läuft: „Patientenaufnahme Rettungsstelle/KV-Notdienstpraxis“ ist dort zu lesen. Mittwochs und freitags am Nachmittag sowie am Wochenende und an Feiertagen hat zusätzlich zu den Klinikärzten ein Hausarzt aus der Umgebung Dienst im Krankenhaus. Um Schwerverletzte, die mit dem Krankenwagen eingeliefert werden, kümmern sich weiterhin die Notärzte in der Rettungsstelle der Klinik.

Doch Patienten, die selbst ins Krankenhaus kommen und damit höchstwahrscheinlich keine akuten Fälle sind, werden in der Regel von den Hausärzten behandelt. Deren Behandlungszimmer ist in der Rettungsstelle untergebracht. „Damit können wir uns auf die wirklichen Notfälle konzentrieren“, lobt der Leiter der Rettungsstelle, Martin Schmidt. „Das entlastet uns enorm“, sagt er und eilt in den OP-Saal.

Um die Neuankömmlinge richtig zu lenken, werden sie zunächst zu einem Schalter der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) – also der Organisation der ambulant tätigen Ärzte – geleitet. Eine erfahrene Schwester macht dort das, was Experten Triage nennen: eine erste Einschätzung darüber, wie dringlich die Behandlung ist und wo der Patient am besten versorgt werden kann.

Das scheint gut zu funktionieren: Ein junger Mann mit Ohrenschmerzen wird in den Warteraum für eine Behandlung beim diensthabenden Hausarzt geschickt, ebenso die Mutter, die bei ihrer elfjährigen Tochter eine Zecke entdeckt hat. Der Junge, der sich beim Spielen eine klaffende, heftig blutende Platzwunde zugezogen hat, wird von der Schwester hingegen sofort in ein Behandlungszimmer der Klinikrettungsstelle geführt.

Hausarzt Christian Bohle, einer der Initiatoren der Ostern 2018 begonnenen Zusammenarbeit mit der Klinik, hat offensichtlich früher als die Funktionäre der Kassenärzte begriffen, dass bei der Versorgung der Patienten etwas falsch läuft. „Es ist leider so, dass viele Kollegen nur noch auf Bestellung arbeiten und die Patienten dann in ihrer Not ins Krankenhaus gehen, obwohl sie dort lange Wartezeiten in Kauf nehmen müssen“, berichtet der Mediziner, der selbst Dienste in der Notdienstpraxis übernimmt. „Es geht hier auch darum, den Ruf der ambulanten Medizin zu retten“, sagt er.

Tatsächlich haben die niedergelassenen Ärzte sogar den gesetzlichen Auftrag, Krankenversicherte ambulant zu versorgen – in Randzeiten oder am Wochenende über einen entsprechenden Bereitschaftsdienst. Seit 2012 ist dieser bundesweit erreichbar über die Nummer 116 117. Doch diensthabende Ärzte mit akzeptablen Wartezeiten zu finden, ist hierzulande bis heute eher ein Glücksfall. Und selbst zu normalen Öffnungszeiten sind die Hausarztpraxen überfüllt und Facharzttermine rar. Viele gehen daher lieber gleich ins Krankenhaus, wenn sie ein Problem haben.

Die Kassenärztlichen Vereinigungen haben der Entwicklung jahrelang weitgehend tatenlos zugesehen, die Organisation von Notdiensten und die Einrichtung entsprechender Praxen sind schließlich aufwendig und erfordern entsprechendes Personal. Sie reagierten erst, als die unhaltbaren Zustände in den Notaufnahmen zunehmend in der Öffentlichkeit thematisiert wurden und es den Verantwortlichen dämmerte, dass sie massenhaft Patienten an die Kliniken verlieren. Es geht um viel Geld.

Mittlerweile sind die Kassenärzte, die im vergangenen Jahr noch eine Strafgebühr für Patienten, die mit Bagatellbeschwerden in die Notaufnahme kommen, ins Gespräch gebracht hatten, in die Offensive gegangen. Schritt für Schritt wollen sie das Angebot für Patienten ausbauen, die sich bei der 116 117 („die Nummer mit den Elfen“) melden. Künftig soll es unter anderem eine App geben, die den Patienten zur richtigen Bereitschaftspraxis führt.

Doch Gesundheitsminister Spahn traut den Ankündigungen offenbar nicht. Er plant eine umfassende Reform der Notfallversorgung. „Die Qualität eines Gesundheitssystems zeigt sich vor allem dann, wenn Menschen in Not sind, wenn sie schnelle Hilfe und Unterstützung brauchen“, so der CDU-Politiker. „Derzeit sind die Notaufnahmen der Krankenhäuser zu oft zu überlaufen.“ Dadurch sei die Wartezeit für dringend hilfsbedürftige Patienten in den Notfallambulanzen häufig zu lang. Spahns Lösung: ein 37-Seiten-Gesetzentwurf, der Krankenversicherte besser durchs System steuern soll.

Künftig soll es gemeinsame Notfallleitstellen von Rettungsdiensten und niedergelassenen Ärzten geben, die alle Anrufe abarbeiten, die über den Notruf 112 und die Bereitschaftsdienst-Hotline kommen. An Krankenhäusern, so der Spahn-Plan, sollen sogenannte Integrierte Notfallzentren (INZ) eingerichtet werden – in gemeinsamer Verantwortung von niedergelassenen Ärzten und Kliniken. Für die Patienten soll das erreicht werden, was heute schon im Jüdischen Krankenhaus in Berlin Alltag ist.

Doch keine Veränderung im deutschen Gesundheitswesen ohne massiven Aufschrei. Längst ist ein beispielloser Lobbykampf um Patienten und Milliardenvergütungen entbrannt. Es geht um die Interessen der 172 000 niedergelassenen Praxismediziner und Psychotherapeuten einerseits – und von rund 2000 Krankenhäusern andererseits. Nicht wenige dieser Kliniken kommen wirtschaftlich gerade einmal so über die Runden – zusätzliche Patienten über die Notfallambulanzen zu rekrutieren, ist für sie ökonomisch betrachtet sehr verlockend.

Die Topfunktionäre beider Seiten belauern sich argwöhnisch. Jede Seite will die Hoheit behalten, doch Spahn plant, sie zur gleichberechtigten Zusammenarbeit zu zwingen. Dabei geht der Minister sehr weit: Die Verantwortung für die Organisation der Notfallversorgung soll von den Kassenärzten auf die Länder übergehen. Kassenärztepräsident Andreas Gassen warnt angesichts der Pläne vor einem „Spiel mit dem Feuer“. Bei den niedergelassenen Medizinern würden seiner Ansicht nach die Sektkorken knallen, wenn sie die ungeliebten Notdienste loswerden könnten. Aber es sei völlig unklar, wie die Länder den neuen Auftrag erfüllen wollten, warnt Gassen. Die ambulante Versorgung von Patienten durch Kliniken sei jedenfalls „Vergeudung von Ressourcen“

Die Deutsche Krankenhaus-Gesellschaft koffert zurück. Bisher werde die ambulante Notfallversorgung faktisch von den Krankenhäusern übernommen, sagt Verbandschef Gerald Gaß. Die Kassenärzte hätten dagegen gezeigt, dass sie nicht in der Lage seien, diese Aufgabe allein zu organisieren.

Das ist ein typischer Streit zwischen Lobbyisten. Belegt ist allerdings, dass die von Spahn geplanten integrierten Notfallzentren im Ausland gut funktionieren. Sie werden daher auch hierzulande von Experten empfohlen werden. Wie das intern technisch und finanziell organisiert wird, ist für die Patienten letztlich egal. Hauptsache, ihnen kann durch eine Kooperation von Ärzten und Kliniken gut und schnell geholfen werden.

Die Partner in Berlin sind davon überzeugt. „Die Zusammenarbeit hilft uns, den Ansturm der Patienten zu bewältigen“, sagt Klinikvorstand Brit Ismer. Hausarzt Bohle berichtet, dass die Patienten nicht mehr mehrere Stunden warten müssten, sondern oftmals weniger als 30 Minuten. Und selbst Patienten, die zunächst sauer reagieren, weil sie bei leichten Kopfschmerzen nicht im Computertomografen landen, sondern bei einem Hausarzt, sind am Ende zufrieden. Bohle: „Ich habe Zeit, mit den Patienten auch mal ein wenig länger zu reden. Da sind sie so dankbar, weil sie das gar nicht mehr kennen.“

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