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Lachsbarone zur Kasse

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Von: Thomas Borchert

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Ein kapitales Geschäft: Atlantischer Lachs wird in einer norwegischen Farm abgefischt.
Ein kapitales Geschäft: Atlantischer Lachs wird in einer norwegischen Farm abgefischt. © dpa

Norwegens Regierung will die Nutzung der Fjorde durch die schwerreichen Fischzüchter besteuern. Die laufen mit all ihrer Lobbymacht Sturm gegen die Pläne und drohen mit dem massiven Abbau von Arbeitsplätzen.

Auch die schärfsten Kritikerinnen und Kritiker der „Lachsbarone“ ziehen den Hut: „Wenn du Normalbürger zu Fackelumzügen für die Allerreichsten im Land auf die Straße bringst, bist du als Lobbyist Spitze“, ist diese Woche in Norwegens führender Zeitung „Aftenposten“ über einen Steuerstreit zwischen steinreichen Lachszüchtern und der Regierung zu lesen.

Als Antwort auf die bevorstehende Einführung einer Art Miete für die extrem profitable Nutzung der norwegischen Fjorde als Naturressource haben die führenden Unternehmen 2300 Beschäftigten per Brief die Entlassung angekündigt. In Insel-Kommunen wie Rørvik und Frøya sind Betroffene zum Protest auf die Straße gegangen. Aber nicht gegen die Arbeitgeber, sondern mit dem Slogan „Nei til grundrenten“ gegen die Politiker in der fernen Hauptstadt.

Wörtlich übersetzt heißt das „Nein zum Grundzins“. Diese Steuer auf die Nutzung von Ressourcen, die der Allgemeinheit gehören, zahlen schon immer die Profiteure der Öl- und Gasvorkommen und der ebenfalls beneidenswert sprudelnden Wasserkraft. Die seit einem halben Jahrhundert aktiven Lachszüchter dagegen dürfen die Fjorde bisher gratis nutzen und haben ihre Branche mit gut 100 000 Beschäftigten zum zweitgrößten Exporteur Norwegens nach Öl und Gas ausgebaut.

Der durch die Lachszucht entstandene Reichtum hat schwindelerregende Dimensionen erreicht

Der dabei entstandene Reichtum hat so schwindelerregende Dimensionen, dass die Begriffe „Lachsbaron“ und „Lachsmilliardär“ in keinem Zeitungsartikel fehlen. Der Allerreichste von ihnen, John Fredriksen, ist mit seinem auch durch Reederei und Ölförderung gesammelten Vermögen (geschätzt: 11,9 Milliarden Euro) seit Jahren im steuerlich äußerst günstigen Zypern ansässig. Die aktuelle Rangliste der reichsten Norweger (erst auf dem 29. Platz findet sich eine Norwegerin) führt er souverän an.

Gustav Witzøe, Gründer des Lachskonzerns Salmar, bringt es mit 4,8 Milliarden Euro auf den sechsten Platz. Im Gegensatz zum Steuerflüchtling Fredriksen ist er der kleinen Insel-Kommune Frøya vor Norwegens stürmischer Westküste treu geblieben und hier als Arbeitgeber und auch Mäzen unverzichtbar. Am märchenhaften Dauerboom seiner Branche wenig geändert hat die auch in Norwegen von Umwelt- und Tierschützern immer und immer wieder vorgebrachte Kritik an dieser Form von Massentierzucht in den Lachsfarmen mit viel Chemie, eng eingezwängten Fischen und Gefahren für die Wildlachs-Gene durch entwichene Zuchttiere.

Von der allseits respektierten linken Zeitung „Klassekampen“ bis zum arbeitgebernahen „Dagens Nœringsliv“ herrscht Einigkeit, dass die Besteuerung der bisher permanenten „Überprofite“ für die Großen der Lachsbranche überfällig ist. Als Kronzeuge gegen die – von der sozialdemokratisch geführten Regierung bis zur konservativen Opposition befürworteten – Steuererhebung trat jetzt Witzøe vor die Mikrofone. „Ich will hier nicht als Lachsmilliardär rumjammern“, sagte der sympathisch bescheiden auftretende 69-Jährige im TV-Streitgespräch mit Norwegens Finanzminister Trygve Vedum vom Zentrum und dem sozialdemkoratischen Fischereiminister Bjørnar Skjærjan.

Die Lachs-Barone drohen: Nehmt ihr uns Geld weg, verschwinden wir einfach und nehmen die Jobs mit

Um dann den unausweichlichen Niedergang der norwegischen Lachszucht an die Wand zu malen. Nicht die Steuer an sich sei der Skandal, sondern die am Schreibtisch realitätsfern ausgedachte Berechnungsgrundlage. Als Folge würde der arbeitsintensive Verarbeitungsprozess der Lachse nach der Schlachtung zwangsläufig ins Ausland verlagert. Es war freundlich verpackt die uralte Arbeitgeber-Drohung: Nehmt ihr uns Geld weg, verschwinden wir einfach und nehmen die Jobs mit.

Witzøe macht nicht nur Druck mit Worten. 851 seiner Beschäftigten hat er schriftlich die Entlassung angekündigt mit der Begründung, die Regierung habe mit ihren Steuerplänen „den Markt für langfristige Festpreis-Verträge kaputtgemacht“. Im TV-Studio musste Witzøe dann auf Nachfrage zugeben, dass es bei diesen Schreiben eigentlich in der Hauptsache um saisonal bedingte Arbeitspausen wie jedes Jahr gehe. Sogar das gelang dem Salmar-Chef auf einnehmende Weise.

„Die Lachs-Lobby ist ausgesprochen effektiv und hat enorme Macht“, urteilt Harald Stanghelle, Ex-Chefredakteur von „Aftenposten“. Für ihn besteht trotzdem kein Zweifel, dass die neue Steuer zum Jahreswechsel eingeführt wird, weil der gesellschaftliche Konsens darüber „sehr breit ist“. Aber die erfolgreiche Kampagne der Branche hat die Regierung „Kompromissbereitschaft“ signalisieren lassen. Für Freitag haben Vedum und Skjærjan die Branchenführer zum Gespräch eingeladen. Fünf „Lachsbarone“ mit Milliarden im Rücken treffen auf zwei Minister mit sowieso lebensbedrohlich schlechten Umfragezahlen ihrer beiden Parteien. Die „grundrente“ wird wohl billiger ausfallen.

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