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Plastikmüll am Strand der Nordesee-Insel Memmert.

Kunststoffabfälle

Die Nordsee, ein Plastikmeer

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Die Nordsee ist weiter mit viel zu viel Kunststoffabfällen belastet - in den vergangenen Jahren hat sich nichts gebessert. Das bedroht die dort lebenden Arten und auch unsere Ernährung.

Die „Meeresstrategie-Richtlinie“ der EU fordert: Die Meere sollen bis zum Jahr 2020 einen „guten Zustand“ erreichen. In der Nordsee wird das kaum zu schaffen sein. Das zeigt der nationale Zustandsbericht zu dem Meer, den der niedersächsische Umweltminister Olaf Lies (SPD) jetzt in Hannover vorgestellt hat. Das jüngste Unglück des Frachters „MSC Zoe“, der in der vergangenen Woche in der Nordsee 281 Container verloren hat, darunter auch solche mit Gefahrgut, ist dabei sozusagen nur die Spitze des Eisbergs.

Vor allem Kunststoff-Abfälle, die Übersättigung mit Nährstoffen aus Düngemitteln und die Einleitung von Schadstoffen belasten die insgesamt 575 000 Quadratkilometer große Nordsee weiterhin. Laut dem Bericht gefährden diese Einflüsse die biologische Vielfalt, wobei besonders große Fischarten wie Haie und Rochen, die sehr langsam wachsen, betroffen sind. Aber auch Lachse, Störe und Aale leiden, die in ihrem Lebenszyklus zwischen Süß- und Salzwasser wandern. Den Schweinswalen wiederum fehlen Rückzugsräume vor Störungen durch die Aktivitäten des Menschen im und auf dem Meer.

Bei einigen Arten gibt es allerdings auch positive Nachrichten, so haben sich die Bestände von Seehunden und Kegelrobben erholt.

Das Müllproblem der Nordsee ist vor allem ein Plastikproblem. Knapp 90 Prozent des Abfalls an den Stränden und auf dem Grund im südlichen Teil des Meeres bestehen laut dem Bericht aus Kunststoffen. Im untersuchten Zeitraum 2011 bis 2016 gab es auch keine Abnahme der Belastung. Pro 100 Meter Strandabschnitt wurden bis zu 389 Müllteile gefunden, davon waren 88,6 Prozent aus Plastik. Besonders kleine Kunststoffabfälle seien ein großes Problem, da sie durch die Einflüsse von Wind und Sonne zu Mikroplastik zerfallen und von Meereslebewesen aufgenommen werden können.

Lies sagte: „Müll ist überall an der Küste vorhanden und am Meeresboden weit verbreitet.“ Es sei zu befürchten, dass das Mikroplastik sich mittelfristig über die marine Nahrungskette auch in der menschlichen Nahrung wiederfindet. Bei 60 Prozent der untersuchten Eissturmvögel in der deutschen Nordsee seien bereits Plastikpartikel im Magen gefunden worden. Das könne dazu führen, dass die Vögel nicht mehr fressen und verhungern, warnte Lies. Der Minister appellierte an die Verbraucher, Plastikmüll zu vermeiden, etwa möglichst auf Einwegverpackungen zu verzichten. Er verwies auch auf die Aktivitäten des „Runden Tisches Meeresmüll“, den Niedersachsen zusammen mit dem Bundesumweltministerium und dem Umweltbundesamt eingerichtet hat. Hier geht es zum Beispiel um das Projekt „Fishing for Litter“, bei dem Küstenfischer ihren Plastik-„Beifang“ aus den Netzen in den Häfen kostenlos entsorgen können.

Weiterhin hohe Belastung der Nordsee

Auch die weiter hohe Belastung der Nordsee mit Nährstoffen, von Fachleuten Eutrophierung genannt, ist ein ungelöstes Problem. Hauptursache sind die über Flüsse eingeleiteten Reste von Düngemitteln und Gülle sowie Luftschadstoffe, die mit dem Regen ins Meer gelangen. Folgen dieser Überdüngung sind etwa Algenblüten, eine Trübung des Wassers und die Änderung der Plankton-Zusammensetzung. Nur sechs Prozent der deutschen Nordseegewässer erreichen hinsichtlich der Nährstoffbelastung einen guten Zustand, 55 Prozent sind eutrophiert, für die restlichen 39 Prozent fehlt laut dem aktuellen Bericht noch eine abschließende Bewertung.

Lies betonte, Niedersachsen arbeite an einer Reduzierung der Nährstoffbelastung der Gewässer. So sollten „rote“, besonders nitratbelastete Gebiete, ausgewiesen werden, in denen entsprechende Maßnahmen ergriffen und Kontrollen durchgeführt werden. Für Gebiete mit intensiver Viehhaltung empfahl er den Bau von speziellen Behandlungsanlagen, die die Gülle entwässern und weitere Bestandteile wie Phosphor und Ammoniak abtrennen und besser handhabbar machen.

Schadstoffe erreichen die Nordseegewässer vor allem über direkte Einleitungen aus Schiffen, durch Unfälle sowie Einträge über die Flüsse und die Luft. „Sie können sich in Sedimenten und in Meeresorganismen anreichern und erreichen nach wie vor umweltschädliche Konzentrationen“, wird gewarnt. Um die Folgen von Unfällen wie dem des Frachters „MSC Zoe“ besser beherrschen zu können, forderte Lies, Gefahrgut-Container mit Peilsendern auszustatten, damit sie gegebenenfalls schnell aufgefunden und gesichert werden können. „Technisch gesehen ist dies möglich und heutzutage kein erheblicher Kostenfaktor mehr“, sagte der Minister. Er kündigte eine Bundesratsinitiative an, damit der Bund „international auf diese Einrichtung mit Peilsendern hinwirkt“.

Der Frachter „MSC Zoe“ hatte seine Ladung vergangene Woche auf dem Weg von Antwerpen nach Bremerhaven verloren. 220 der 281 Container sind inzwischen mit Sonartechnik auf dem Meeresboden geortet worden, wie das niederländische Ministerium für Infrastruktur und Wasserwirtschaft in Den Haag mitteilte. 18 weitere respektive deren Ladung wurden an Land gespült, vor allem an den west- und ostfriesischen Inseln. Ein Behälter mit 250 Säcken giftiger Peroxide in Pulverform war aufgebrochen, einige Säcke wurden angespült. Von einem weiteren Gefahrgut-Container mit 1400 Kilogramm Lithium-Batterien fehlte noch jede Spur.

Die Nordsee-Studie ist vom Land Niedersachsen federführend für die „Bund-Länder-Arbeitsgemeinschaft Nord- und Ostsee“ (Blano) erstellt worden. Als Teil eines bundesweiten Berichts ist sie Ende 2018 der EU übergeben worden.

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