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Bald Anführer einer IT-Macht? Nordkoreas Staatschef Kim Jong Un.

Nordkorea

Kims Coder

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Aller Isolation zum Trotz ist Nordkorea auf dem Weg, ein wichtiges Offshore-Zentrum für Programmieraufträge zu werden – für ausländische Kundschaft wird bereits gecodet.

Wer die Satellitenbilder über der koreanischen Halbinsel bei Nacht gesehen hat, sollte einen klaren Eindruck bekommen: Im Süden liegt ein ewig leuchtendes Hightechland, in dem rund um die Uhr Computer und andere Elektronik läuft. Darüber, im Norden, ein schwarzer Fleck. So zeigt sich der Unterschied zwischen dem wohlhabenden Südkorea und dem isolierten, viel ärmeren Nordkorea, wo viele Gegenden auch im Jahr 2018 noch keinen Strom haben.

Worüber solche Bilder aber hinwegtäuschen: Auch im Norden gibt es Computer und vor allem Menschen, die damit viel anstellen können. Unter Beobachtern, die sich mit den in Nordkorea vorhandenen Technologiekenntnissen beschäftigen, wird immer häufiger erwähnt, dass das Land ein wichtiger Standort für IT-Lösungen werden könnte. Teilweise ist es das sogar bereits, allen UN-Sanktionen und nur sehr begrenzter Verfügbarkeit von Internetzugängen zum Trotz. Und es könnte mehr werden.

Seit Jahren schließen Nordkoreaner bei länderübergreifenden Coding-Wettbewerben gut ab. 2016 landete ein Team nordkoreanischer Studenten beim „International Collegiate Programming“-Wettbewerb, wo Lösungen auf verschiedene Programmierprobleme gefordert waren, von 100 Mannschaften auf Platz 28. Damit lagen sie vor dem Team der IT-Hochburg Stanford University. Bei der Internationalen Mathematik-Olympiade, einem Wettbewerb von Studenten aus insgesamt mehr als 100 Ländern, ist Nordkorea in der Gesamtwertung bisher jedes Mal mindestens unter den ersten 19 gelandet.

Seit Jahren werden IT-Leistungen, von der Programmierung von Videospielen über Gesichtserkennung bis zu Animationen, von Ländern auf der ganzen Welt nach Nordkorea outgesourct. Offizielle Zahlen über die Größe dieses Wirtschaftszweigs sind nicht bekannt. Sicher scheint aber, dass auch die zuletzt verhängten UN-Sanktionen, die dies eigentlich unterbinden sollen, es nicht völlig verhindern. Es ist ein offenes Geheimnis, dass sich chinesische und russische Firmen über die Bestimmungen hinwegsetzen. Das dürfte den IT-Sektor nicht ausschließen.

„Viele Unternehmen, die Dienste aus dem Ausland beziehen, wissen gar nicht genau, wo einige Leistungen tatsächlich erbracht werden. Und man hört, dass es in Nordkorea ein etabliertes Geschäftsmodell ist, für das Ausland zu programmieren“, sagt Nils Weisensee, ein in Shanghai ansässiger Unternehmer, der für die Nichtregierungsorganisation Choson Exchange regelmäßig Menschen in Nordkorea unternehmerische Kenntnisse beibringt. Weisensee kann sich vorstellen, dass Nordkorea als Destination für Outsourcing in Zukunft beliebter wird, wenn die Sanktionen wieder gelockert werden, schon weil es im Land dazu die passenden Arbeitskräfte gebe.

„In unseren Kursen über Unternehmensgründung, die wir im Land geben, haben wir immer wieder Teilnehmer, die kreative IT-Lösungen für ihre Probleme finden“, sagt Weisensee. Einer zum Beispiel sei der Gründer einer Drogeriemarktkette, die ein System für die Vereinheitlichung der Einnahmen in allen Filialen finden musste. „Da mangels Internetzugang für die Durchschnittsbevölkerung keine Filiale mit der anderen drahtlos verbunden ist, operiert jeder Laden separat in einer Buchhaltungssoftware und am Ende werden die Dateien über USB-Sticks an einem zentralen Ort zusammengetragen.“ Das klingt nicht nach Hightech, sei aber eine kreative Lösung in Anbetracht der Möglichkeiten.

Nachts vom All aus nicht zu sehen: Nordkorea liegt zwischen Südkorea (r.) und China (oben).

Dass es in Nordkorea ausgeprägtes Programmierwissen gibt, ist eigentlich kein Geheimnis. Anfang des laufenden Jahrzehnts sollen im Land rund 10 000 Menschen mit einer Informatikausbildung gelebt haben, mittlerweile könnten es doppelt so viele sein. Seit 2002 arbeitet das Land an seinem eigenen Betriebssystem Red Star, das in seiner aktuellen Version 3.0 vor allem auf Backendcomputern genutzt wird. Das auf Linux basierende System hat als vorinstallierte Programme einen Texteditor, Applikationen zum Öffnen von Bildern, Videos und Audiodateien, eine Funktion zum Schreiben von Emails sowie mehrere Computerspiele. Auch wenn mehrere Elemente von Windows oder Mac OS nachgeahmt scheinen, ist laut einer Analyse für den Chaos Computer Club vor drei Jahren der Großteil des Codes nordkoreanischen Ursprungs.

Zu den Besonderheiten gehört demnach das Überwachungspotenzial von Red Star. Eine Funktion erlaube es, im Betriebssystem geöffnete Dateien anhand der Seriennummer der Festplatte mit einem Wasserzeichen zu versehen, wodurch sich die Verbreitung solcher Dateien nachverfolgen lässt. Auch USB-Sticks und SD-Karten, über die in Nordkorea gewöhnlich verbotene Inhalte wie Filme und Texte geteilt werden, lassen sich so markieren. Zudem diene ein Antivirenprogramm, das auf Red Star installiert sei, tatsächlich der heimlichen Löschung von Dateien, in denen unerwünschte Charakteristika entdeckt werden.

Von den Inhalten des Internets wissen die meisten User offenbar ebenfalls wenig. Schließlich ist das staatliche Intranet Kwangmyong keine Verbindung zur Welt, sondern bloß eine Einbahnstraße zu Universitäten, Bibliotheken und anderen offiziellen Institutionen des Landes.

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Doch hält diese Einschränkung das Land als Ganzes nicht davon ab, qualitativ hochwertige Programmierleistungen zu erreichen. Denn während die Mehrheit der Bevölkerung gar keinen Zugang zu Computern hat, werden vielversprechende Köpfe schon im jungen Alter unter privilegierten Bedingungen in Spezialschulen ausgebildet.

Wer dort wiederum heraussticht, kann an chinesischen Universitäten studieren und dort einige Früchte des Internets genießen. Denn bisher ist dieser Mangel an Informationszugang, vielmehr als die UN-Sanktionen, die stärkste Bremse für die Entwicklung einer größeren IT-Branche in Nordkorea.

Laut Martyn Williams wiederum, der die auf Technologie in Nordkorea spezialisierte Website NK Tech betreibt, wird dieses Wissen oft nicht direkt konstruktiv eingesetzt. Dem Onlinemagazin „Mic.com“ sagte er: „Dort geht es nicht einmal vor allem um die Entwicklung von Software, die für das Bauen von Fabriken helfen wird. Der Fokus liegt auf dem Hacken.“

Nordkorea

Das Land auf dem nördlichen Teil der koreanischen Halbinsel ist ein wirtschaftlicher Zwerg. Unter anderem infolge der enormen Aufwendungen für ihr Nuklearprogramm und das Militär, hat die Regierung kaum Geld in die wirtschaftliche Entwicklung stecken können. Das kaufkraftbereinigte Bruttoinlandsprodukt pro Kopf schätzt das CIA-Factbook für das Jahr 2015 auf lediglich 1700 US-Dollar. In Deutschland lag derselbe Wert zu diesem Zeitpunkt bei 49 100 Dollar. Der größte Wirtschaftszweig in Nordkorea ist die Industrie mit einem Anteil an der Wirtschaftsleistung von 47,6 Prozent, es folgen Dienstleistungen (29,9) und Landwirtschaft (22,5 Prozent). Der wichtigste Handelspartner des isolierten Landes ist China. Dorthin gehen rund 86 Prozent der Ausfuhren. (FR)

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