Länder, die stark vom Tourismus abhängen, hat es besonders schwer getroffen.
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Länder, die stark vom Tourismus abhängen, hat es besonders schwer getroffen.

Wirtschaftentwicklung

Noch weiter bergab

  • Frank-Thomas Wenzel
    vonFrank-Thomas Wenzel
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Die EU-Kommission sagt einen noch stärkeren Absturz der Wirtschaft voraus aber das Schlimmste könnte überstanden sein.

Es wirkt beinahe so, als wolle sich die EU-Kommission schon vorab gegen Fehlprognosen absichern. In der Mitteilung über die Wirtschaftsentwicklung in der Union wird über weite Passagen die „außergewöhnlich hohe Unsicherheit“ beschrieben. Schließlich musste die Brüsseler Behörde nun binnen weniger Monate ihre Vorhersagen deutlich nach unten korrigieren. Jetzt rechnen die Experten damit, dass der Wert der Waren und Dienstleistungen in diesem Jahr in der EU um 8,3 Prozent einbricht. In der Euro-Zone mit ihren 19 Mitgliedern sollen es sogar 8,7 Prozent weniger werden – nach minus 7,7 Prozent noch im April.

„Die wirtschaftlichen Folgen der Ausgangsbeschränkungen sind schwerwiegender als ursprünglich erwartet“, sagte Valdis Dombrovskis, Vize-Präsident der Kommission, am Dienstag. Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni betonte, dass sich die Ungleichheiten in den Staaten weiter verstärkt hätten. Da spielt vor allem sein Heimatland Italien eine wichtige Rolle. Mit minus 11,2 Prozent hat es in der aktuellen Tabelle die rote Laterne. Ähnlich schlimm wird es nach den Hochrechnungen Spanien, Kroatien und auch Frankreich erwischen.

Damit müssen drei der wichtigsten Volkswirtschaften der EU schwere Einbußen hinnehmen. Ein maßgeblicher Faktor dürfte dabei die große Abhängigkeit der Länder vom Tourismus sein – genauer gesagt von ausländischen Gästen, von denen viele in diesem Jahr wegbleiben dürften.

Die Länder im Norden kommen deutlich besser davon. Für Polen und Schweden etwa wird ein Schrumpfen der Wirtschaftsleistung um deutlich weniger als sechs Prozent erwartet, für Finnland und Deutschland soll das Minus knapp über dieser Marke liegen. Im ersten Quartal war es hierzulande nur um 2,2 Prozent nach unten gegangen, allerdings spielte der Lockdown in den drei Monaten nur eine geringe Rolle.

Die Wechselwirkungen zwischen den Ländern sind nur schwer zu ermessen. Insbesondere für Deutschland kann das wichtig werden: In keinem anderen Land sind Firmen so stark von Exporten abhängig.

Zu den zahlreichen Warnungen zählen natürlich auch die Hinweise durch die Gefahren einer zweiten Infektionswelle. Dass sie nicht unbegründet sind, haben die Ausbrüche der Infektionen in hiesigen Schlachtbetrieben gezeigt und die neuerlichen Ausgangsbeschränkungen im spanischen Katalonien.

Auch die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt und deren Folgen für das Konsumverhalten der Verbraucher sind nur schwer zu antizipieren. Es könnte noch richtig heftig werden. So rechnet die Industriestaaten-Organisation OECD für ihre Mitglieder mit einer Arbeitslosenquote von bis zu 9,4 Prozent im vierten Quartal – das wäre für die 30 Staaten der höchste Wert seit der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre. Und bei einer zweiten Welle würden es noch deutlich mehr.

Doch die EU-Kommission will die Schwarzmalerei offenbar nicht übertreiben, schließlich könnte das die Verunsicherung der Konsumenten noch weiter verstärken. So betont die Brüsseler Behörde denn auch: „Erste Daten für Mai und Juni deuten jedoch darauf hin, dass das Schlimmste überstanden sein könnte.“ Zu diesen Daten zählt auch, dass hierzulande im Mai die Produktion der Industrie, der Energie- und der Baubranche im Vergleich zum April um 7,8 Prozent geklettert ist. Vor allem bei Investitionsgütern ging es laut Statistischem Bundesamt deutlich nach oben. Auch mehr Konsumgüter wurden hergestellt. Allerdings hatten Analysten insgesamt ein stärkeres Plus erwartet – viele Unternehmen kommen offenbar doch viel langsamer aus dem Tal, als erwartet wurde. Und im Vergleich zum Vorjahr wurde etwa ein Fünftel weniger hergestellt.

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