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Noch viel ungleicher

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Von: Markus Sievers

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Nach einer neuen Studie besitzen die 45 reichsten Haushalte in Deutschland so viel wie die ärmere Hälfte der Bevölkerung.

Die im Dunkeln sieht man nicht“, heißt es bei Bertolt Brecht. Aus heutiger Sicht müsste man hinzufügen: Die im Licht erst recht nicht. Das Vermögen der Superreichen gehört zu den großen Unbekannten der Wirtschaftsforschung. Mit dieser Problematik setzt sich das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in einer aktuellen Analyse auseinander. Dabei kommt DIW-Experte Stefan Bach gemeinsam mit zwei Kollegen zu dem Ergebnis, dass die offiziellen Zahlen die Vermögenskonzentration gerade in Deutschland deutlich unterschätzen. Oder anders ausgedrückt: Die Ungleichheit ist noch drastischer als angenommen.

Laut dieser neuen Studie besitzen die 45 Haushalte an der Spitze so viel wie die ärmere Hälfte der Bevölkerung. Vom gesamten Vermögen befindet sich über die Hälfte in den Händen von fünf Prozent. In einer eigenen Untersuchung hatte die Europäische Zentralbank (EZB) eine weniger starke Schieflage ermittelt: Nach ihren Ergebnissen kamen die obersten fünf Prozent auf knapp ein Drittel des gesamten Reichtums. Die EZB-Forscher hatten aber bereits selbst Defizite bei den Daten eingeräumt. Kurz vor dem Weltwirtschaftsforum hatte auch die Nichtregierungsorganisation Oxfam die wachsende Reichtumsballung in wenigen Händen angeprangert und ebenfalls auf das Versteckspiel der Superreichen hingewiesen.

Damit beschäftigen sich auch Bach und seine Kollegen. Demnach krankt die Erfassung der realen Verhältnisse aus mehreren Gründen. Erstens gibt es so wenige vom Kaliber Bill Gates oder Warren Buffett, dass die kleine Zahl nicht für Stichproben reichen, die Wissenschaftler für ihre Berechnungen brauchen. Zudem basieren die Statistiken zumeist auf freiwilligen Angaben. Doch gerade die im größten Wohlstand schweigen lieber über das Thema Geld. Allerdings gibt es Hilfsmittel, um doch etwas von den sagenhaften Schätzen zu erfassen. So werteten die Wissenschaftler in der aktuellen Studie nicht nur die EZB-Vermögenserhebung aus, sondern auch die Reichenlisten des US-Magazins Forbes. Zusätzlich zogen sie entsprechende Veröffentlichungen von nationalen Wirtschaftszeitschriften in Deutschland, Spanien und Frankreich heran.

Hierzulande liefert die Reichenliste des Manager Magazins Einblicke. Auf die Forbes-Publikationen stützt sich auch Oxfam, das dafür von Volkswirten immer wieder heftig kritisiert wird. Einwände erhebt diesmal das Institut der deutschen Wirtschaft und beklagt: Gestern Oxfam, heute das DIW – die Studien überschlugen sich in alarmierenden Botschaften. Dabei werde auch das Vermögen der breiten Bevölkerung nicht korrekt erfasst, so das IW. So gingen die Ansprüche aus Versicherungen oder aus der gesetzlichen Rente meist nicht in die Zahlen ein.

Das stimmt und war bereits ein Hauptkritikpunkt an der Erhebung der EZB, nach der die Gräben zwischen Arm und Reich in Deutschland besonders tief sind. Für Wissenschaftler, die sich mit Vermögen und Verteilung befassen, bleibt viel zu tun. Die politische Botschaft ist aber schon auf der heutigen Grundlage nicht zweideutig: Der Reichtum ist extrem ungleich verteilt – und das gerade in Deutschland. Frankreich und Spanien schneiden in Sachen Verteilung auch in der DIW-Studie wesentlich besser ab als die Bundesrepublik.

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