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Folgen von Krieg und Inflation: Noch sprudeln die Gewinne

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Von: Stephan Kaufmann

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Arbeiter kontrollieren Stahlrollen beim Metallkonzern Salzgitter. Der hat ein unerwartet gutes Quartalsergebnis hingelegt.
Arbeiter kontrollieren Stahlrollen beim Metallkonzern Salzgitter. Der hat ein unerwartet gutes Quartalsergebnis hingelegt. © Morris Mac Matzen/AFP

Die meisten Konjunkturindikatoren zeigen nach unten, doch vielen Unternehmen geht es weiter gut. Auch für die Zukunft sind viele Fachleute vorsichtig optimistisch.

Wiesbaden – Der Ukraine-Krieg, Lieferprobleme bei Vorprodukten und Rohstoffen sowie eine starke Nachfrage haben die Inflationsrate in die Höhe springen lassen. Das Statistische Bundesamt bestätigte am Mittwoch (11. Mai) seine erste Schätzung, wonach die Inflationsrate im April bei 7,4 Prozent lag. Die Bundesbank rechnet inzwischen für das Gesamtjahr mit einer Inflationsrate von knapp sieben Prozent, wie Bundesbankpräsident Joachim Nagel ebenfalls am Mittwoch sagte.

Angesichts der steigenden Preise erleiden viele abhängig Beschäftigte reale Kaufkraftverluste. Bei den großen Unternehmen dagegen bleibt der Schaden bislang gering: Ihre Gewinne sind in den vergangenen Quartalen in die Höhe geschossen. Fachleute warnen jedoch, dass die Zeiten härter werden.

Wirtschaft trotzt aktuell Folgen von Krieg und Inflation: 2022 ist gut gestartet

Insgesamt haben die Unternehmensgewinne einen jahrelangen guten Lauf hinter sich. Laut Berechnung der französischen Bank Natixis sind die Gewinne vor Steuern, Zinsen und Dividenden seit Anfang der Neunzigerjahre in den USA von zehn auf über 14 Prozent der Wirtschaftsleistung gestiegen, in der Eurozone ging es von etwa 14 Prozent auf über 18 Prozent in die Höhe.

Nach einem deutlichen Rückgang im Corona-Jahr 2020 stiegen die Überschüsse insbesondere im vergangenen Jahr steil an. Als Folge schütten die 100 deutschen Unternehmen aus dem Aktienindex H-Dax in diesem Jahr laut DZ-Bank Dividenden über rekordhohe 57 Milliarden Euro aus – 30 Prozent mehr als 2021.

Das Jahr 2022 ist für die Firmen ebenfalls gut gestartet, die „schlimmsten Erwartungen von Anfang März haben sich nicht bewahrheitet“, so die Fondsgesellschaft DWS. Das belegt auch der Blick auf die laufende Berichtssaison für das erste Quartal für die Unternehmen aus den US- und europäischen Aktienindizes. Hierbei handelt es sich allerdings um große Unternehmen, die eine entsprechende Preismacht haben, steigende Kosten also häufig leichter auf die Verkaufspreise umlegen können.

Wirtschaftswachtum 2022: Unternehmen im US-Index S&P500 steigern Gewinne auch 2022

Die Unternehmen aus dem US-Index S&P500 konnten nach einem glänzenden Jahr 2021 ihre Gewinne in den ersten drei Monaten 2022 um weitere zehn Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal steigern. Nach oben gezogen wird diese Zahl allerdings vom Energiesektor, der massiv vom höheren Ölpreis profitiert. Das führt zu Gewinnsteigerungen von knapp 270 Prozent. Beim Sektor Grundstoffe führt die Rohstoffhausse zu einem Plus von 45 Prozent. Klammert man den Energiesektor aus, so erwarten Analyst:innen für das zweite Quartal in den USA allerdings nur noch eine Stagnation der Überschüsse.

Ähnlich ist die Situation für die 600 Unternehmen aus dem europäischen Stoxx-Aktienindex. Nach Gewinnsteigerungen zwischen 60 und 150 Prozent in den Vorquartalen bleibt für den Jahresbeginn 2022 voraussichtlich noch ein Plus von rund 35 Prozent. Die größten Zuwächse gibt es auch in Europa im Bereich Rohstoffe: Der Energiesektor dürfte seine Überschüsse laut Analystenschätzungen im ersten Quartal rund verdreifachen. Der Ölkonzern BP arbeitet laut DZ-Bank derzeit in einem „äußerst profitablen Umfeld“, auch ENI Total hat ein hervorragendes Quartal hinter sich. Aus den Zahlen speisen sich derzeit Forderungen, die Branche mit einer Übergewinnsteuer zu belegen, da sie von kriegsbedingt höheren Ölpreisen profitiert.

Aktuelle Wirtschaftstrends weltweit: Geschäft mit China läuft schlechter

Auch die Unternehmen aus den deutschen Aktienindizes Dax und M-Dax konnten in der Mehrzahl die Analystenschätzungen im ersten Quartal übertreffen. Rekordgewinne erzielten Stahl- und Kupferproduzenten wie Salzgitter und Aurubis. Autobauer wie Mercedes-Benz leiden zwar unter Lieferproblemen, profitieren allerdings von der guten Nachfrage. Und auch die energieintensive Chemieindustrie konnte die hohen Ölpreise gut wegstecken: Nach einer Gewinnverdopplung 2021 verdiente BASF im ersten Quartal noch mal ein Fünftel mehr.

Expert:innen sind sich allerdings einig, dass sich der gute Jahresbeginn nicht nahtlos fortsetzen wird. Die Probleme deuteten sich bereits im März an: Der Export ging um 3,3 Prozent zurück, die Industrieproduktion schrumpfte um 4,6 Prozent, die Autoproduktion sogar um 14 Prozent. „Alle Paradepferde der deutschen Industrie – Chemie, Elektroindustrie, Maschinenbau – lahmten“, so die Deka-Bank. Dass die Unternehmen im März auch 4,7 Prozent weniger Aufträge einsammelten, bedeutet, dass die Probleme in den nächsten Monaten anhalten werden.

Wirtschafts-Prognosen: Immer mehr Unternehmen senken Geschäftsziele

Das wird die Gewinnentwicklung bremsen. „Die hohen Produktionskosten und der Mangel an Vorprodukten zeigen Wirkung, so dass immer mehr Unternehmen für das laufende Geschäftsjahr ihre Geschäftsziele senken“, so Markus Wallner von der Commerzbank. Belastend wirkt insbesondere, dass das Geschäft mit China schlechter läuft, da die Regierung dort umfangreiche Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus umsetzt.

Richtig schlimm wird es laut DZ-Bank aber für Deutschlands Aktiengesellschaften nicht werden. „Auch wenn die bisherigen Ergebnisse bei weitem nicht pauschal auf die gesamte Unternehmenslandschaft übertragen werden können, sind weitere positive Überraschungen bei den Gewinnerwartungen durchaus möglich.“ Gründe für eine negative Dividendenentwicklung seien somit nicht erkennbar. Die an die Anleger:innen ausgeschüttete Summe werde daher im nächsten Jahr um zehn Prozent steigen und 2023 nochmals um über fünf Prozent auf dann 66 Milliarden Euro, glauben die DZ-Bank-Fachleute. (Stephan Kaufmann)

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