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Kapitalmarkt

Niedrigzinsen belasten Stiftungen

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Der anhaltend niedrige Zinssatz bringt Stiftungen in Bedrängnis. 82 Prozent der von Unternehmensberatern befragten Stiftungen erwarten, dass weniger Projekte gefördert werden können.

Viele Projekte in Deutschland, sei es im Bildungs-, Kultur- oder Umweltschutzbereich, müssen sich auf einen noch härteren Kampf um Finanzmittel einstellen. Denn Deutschlands Stiftungen, die viele gemeinnützige Vorhaben finanzieren, leiden stark unter den historisch niedrigen Zinsen.

Laut einer am Mittwoch veröffentlichten Umfrage der Unternehmensberatung Pricewaterhouse Coopers (PwC) erwarten 82 Prozent der befragten Stiftungen, dass die Fördermöglichkeiten gegenüber den vergangenen vier bis fünf Jahren sinken werden. Insbesondere Stiftungen aus den Bereichen Kunst und Kultur seien davon betroffen, sagte Berthold Theuffel-Werhahn, Leiter der PwC-Stiftungsberatung. 58 Prozent befürchten, dass es wegen der heiklen finanziellen Lage mehr Abwicklungen von und Fusionen zwischen Stiftungen geben wird und 40 Prozent nehmen an, dass künftig weniger Stiftungen neu gegründet werden.

PwC befragte 208 der vermögensstärkeren Stiftungen mit Ausgaben (Verwaltungs- wie Förderausgaben) von mindestens 50 000 Euro im Jahr. Kleinere Stiftungen könnten aber wegen ihrer geringeren Professionalisierung häufig noch größere Probleme haben als die finanzstärkeren – die Probleme der gesamten Branche könnten in der Umfrage daher sogar unterzeichnet sein.

Würzburg, Stadt der Stifter

Derzeit gibt es in Deutschland etwa 20 800 Stiftungen mit einem Gesamtvermögen von rund 100 Milliarden Euro. Deutschland wird oft als Land der Stifter bezeichnet. Die höchste Stiftungsdichte je Einwohner gibt es in Würzburg, gefolgt von Frankfurt am Main und Hamburg, auf Rang vier und fünf liegen Oldenburg und München. Laut Stiftungsrecht müssen Stiftungen ihr Vermögen ungeschmälert erhalten und gleichzeitig aus diesem ausreichend Erträge für ihre gemeinnützigen Zwecke generieren.

Das ist in Zeiten wie diesen gar nicht so einfach. Bedingt durch die Finanzkrise haben viele Stiftungen sehr wohl Vermögensverluste erlitten. Laut der PwC-Umfrage streben auch nur 61 Prozent der befragten Stiftungen einen realen Kapitalerhalt an, wobei auch bei denen oftmals Unsicherheit herrscht, ob das überhaupt möglich sein wird. Die übrigen Stiftungen haben sich davon schon verabschiedet, sie setzen nur auf einen Erhalt des nominellen Vermögens – die Inflation lassen sie also außer Acht.

„Der Stiftungsvorstand ist in einer Zwickmühle. Einerseits muss er auf Sicherheit gehen, um das Vermögen zu erhalten. Andererseits muss er Erträge generieren, die er für die Erfüllung des Stiftungszweckes braucht“, stellte Norbert Winkeljohann, Vorstandssprecher von PwC-Deutschland die Problematik am Mittwoch dar. Ein Investment in risikoreichere Anlagen zieht aber nur knapp ein Viertel der befragten Stiftungen in Betracht.

Ein Problem für die Stiftungen: Ihre Verwaltungskosten sinken nicht so schnell wie ihre Förderausgaben. „Wenn aber dauerhaft weniger als 50 Prozent der Ausgaben für die Förderung von Projekten genutzt werden, dann droht der Stiftung die Aberkennung der Gemeinnützigkeit und damit der Verlust der Steuervorteile“, warnte Andreas Schlüter, Generalsekretär des Stifterverbandes, der für Stiftungen Vermögen verwaltet.

In einer besseren Finanzlage waren laut PwC-Studie tendenziell solche Stiftungen, die ihr Vermögen breiter streuten und  etwas stärker auf Aktien sowie Firmenbeteiligungen und Edelmetalle setzten – und weniger nur auf sicherere Termingelder, Immobilien und festverzinsliche Wertpapiere.

Was also können Stiftungen tun, um mit der Niedrigzinsphase fertig zu werden? Vieles, fanden die Experten am Mittwoch. Schon jetzt versuchen viele Stiftungen, ihre Kosten zu senken und über Fundraising – sei es durch Spenden oder die Akquise öffentlicher Gelder – ihre Situation zu verbessern.

Ausweg Fusion

Kooperationen und Fusionen von Stiftungen seien eine weitere Möglichkeit. Gerade für kleine Stiftungen – mehr als ein Viertel der Stiftungen hat nur ein Kapital von bis zu 100 000 Euro – könnten Zusammenschlüsse eine Lösung sein, so Schlüter. Auch die Umwandlung in Verbrauchsstiftungen – also Stiftungen, die auf Zeit angelegt sind, bis ihr Kapital aufgebraucht ist – sei eine Option, die jedoch bislang nur selten genutzt werde.

Die PwC-Experten raten Stiftungen auch dazu, stärker von der Möglichkeit Gebrauch zu machen, bis zu einem Drittel ihres jährlichen Überschusses in die freie Rücklage zu stellen – die später wieder aufgelöst werden kann. „Das geht zwar zu Lasten der Fördermöglichkeiten. Dennoch kann es ein probates Mittel sein, das Vermögen zu stärken und so in den nächsten Jahren über die Runden zu kommen“, sagte Winkeljohann.

Zudem sei es wichtig, dass alle Stiftungen sich eine Anlagestrategie zulegten – rund ein Viertel von ihnen habe für die Geldanlage bisher keine internen Vorgaben und Ziele – und ihr Vermögen stärker zu streuen. Insbesondere kleineren Stiftungen riet Schlüter vom Stifterverband,, „nicht alles alleine zu machen“, sondern sich bei der Vermögensanlage mit anderen Stiftungen zusammenzuschließen – oder extern helfen zu lassen, wie etwa durch seinen Verband.

Fazit: Die Stiftungen stehen vor großen Herausforderungen. Grund zur Panik gebe es aber nicht, sagte Schlüter: „Es gibt kein Stiftungssterben.“

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