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Broschüren des Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) zum Thema Existenzgründung.
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Broschüren des Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) zum Thema Existenzgründung.

Unternehmensgründung

„Nicht mehr nur Döner“

  • Tobias Schwab
    vonTobias Schwab
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Der Forscher René Leicht über Migrant:innen, die sich selbständig machen. Jede vierte Existenzgründung erfolgt hierzulande durch Migrant:innen.

Ein Gespräch mit dem Mannheimer Migrationsforscher René Leicht über ihren Beitrag zu Beschäftigung und Ausbildung im Mittelstand.

Herr Leicht, die Gründungsquote von Migrantinnen und Migranten ist zuletzt weiter angestiegen. Laut der Staatsbank KFW betrug die Zahl der migrantischen Gründer:innen je 10 000 Erwerbsfähige im vergangenen Jahr 137, während die Quote insgesamt bei 117 lag. Warum gehen so viele Migrant:innen in die Selbstständigkeit?

Das hat mehrere Ursachen. Absolut gesehen spielt erst einmal die verstärkte Zuwanderung der vergangenen Jahre eine Rolle, die das Gründungspotenzial generell erhöht. Zweitens sind unter den Newcomern derzeit viele mit höherer Bildung, was ein wesentlicher Treiber von beruflicher Selbständigkeit ist. Ein dritter Grund liegt darin, dass Migrantinnen und Migranten am Arbeitsmarkt noch immer benachteiligt sind, schlechtere Chancen haben und deshalb selbst initiativ werden.

Wie zeigt sich diese Benachteiligung?

Migrantinnen und Migranten verdienen als abhängig Beschäftigte in der Regel weniger als Herkunftsdeutsche, sie haben weniger Aufstiegsmöglichkeiten und Karrierechancen oder können ihre Kompetenzen nicht verwerten. Das liegt auch daran, dass ihre im Heimatland erworbenen Qualifikationen und Zertifikate oft nicht anerkannt werden.

Dann bleibt nur, eine Dönerbude, einen Gemüseladen oder ein Nagelstudio aufzumachen?

Das sind bei vielen Menschen immer noch die vorherrschenden Stereotype, wenn sie an migrantische Unternehmen denken, weil solche Geschäfte auch vielerorts das Stadt- und Straßenbild prägen.

Es stimmt also nicht mehr?

Wir sehen da in den vergangenen Jahren einen starken Wandel. Es gibt wesentlich weniger Gründungen in Handel und Gastronomie sowie auch in anderen einfachen Dienstleistungen. Und dafür mehr in den wissensintensiven Branchen, wo nun ein Viertel aller Selbständigen mit Migrationshintergrund tätig ist. Denken Sie an Steuerberater, Architekten, Ärzte, Ingenieure oder Kulturschaffende. Da sind also viele Menschen darunter, die in Büros arbeiten und die man gar nicht öffentlich wahrnimmt.

Welche Rolle spielen Migrant:innen bei innovativen Geschäftsideen?

Die Zahl der Gründungen von Start-ups wächst, nicht zuletzt, weil Migrant:innen hier teilweise über Vorteile verfügen. Viele kommen aus dem Kontext internationaler Forschung und greifen auf Produktentwicklungen zurück, die sie mit landesspezifischen Kenntnissen verknüpfen. Und sie können aufgrund ihrer Sprachkenntnisse und Beziehungen ins Herkunftsland leichter Geschäftsverbindungen aufbauen und Märkte in mehreren Ländern bedienen.

Welchen Beitrag leisten Migrant:innen hierzulande als Arbeitgeber zur Beschäftigung von Menschen?

Gründer und Gründerinnen mit Migrationshintergrund stellen wesentlich häufiger zusätzliches Personal ein als diejenigen deutscher Herkunft. Wir errechnen für inhabergeführte Migrantenunternehmen ein Beschäftigungsvolumen von mindestens 3,4 Millionen Arbeitsplätzen.

Zur Person

René Leicht ist Soziologe und war bis 2019 Leiter des Forschungsbereichs „Neue Selbständigkeit“ am Institut für Mittelstandsforschung der Universität Mannheim. Dort ist er jetzt Senior Advisor und befasst sich mit Integrations- und Migrationsforschung im Kontext von Existenzgründungen. Zuletzt war er Co-Autor der Studie „Migrantische Ökonomie“, die für die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration erstellt wurde. (tos)

Schaffen sie dabei bevorzugt Jobs für andere Migrant:innen?

Das ist noch häufig der Fall, aber insgesamt ein abnehmendes Phänomen. Gerade in den wissensintensiven Dienstleistungen kann Herkunft allein kein Beschäftigungskriterium sein, da geht es in erster Linie um Qualifikation. Das heißt ethnische Solidarität spielt immer weniger eine Rolle.

Wie stark engagieren sich migrantische Unternehmen in der Ausbildung?

Noch vor 20 Jahren haben sich Firmen, die von Migrant:innen geführt werden, kaum für die duale Ausbildung interessiert. Seitdem gab es eine überraschende Entwicklung. Während die Ausbildungsbeteiligung von migrantischen Betrieben in den vergangenen Jahren zugenommen hat, haben deutsche Firmen nachgelassen. Die Ausbildungsbereitschaft ist jetzt ähnlich groß. Schaut man aber auf die Ausbildungsintensität, also auf die Zahl der Azubis pro 100 Beschäftigte, schneiden Migrantenunternehmen sogar besser ab.

Woran könnte das liegen?

Das hat mit sektoralen, aber auch mit Integrationseffekten zu tun. Migrant:innen haben häufiger kleinere Betriebe, die generell ausbildungsintensiver sind. Und sie sind häufiger in arbeitsintensiven Branchen aktiv, wo ein hoher Bedarf an Nachwuchs besteht. Es zeigt sich aber auch, dass Migrant:innen mittlerweile viel stärker in alle Segmente der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft integriert sind daher ihren Ausbildungsbeitrag leisten.

Wird das Potenzial, das Migrant:innen als Gründer und Gründerinnen haben, schon genug genutzt?

Da gibt es noch erhebliche Reserven. Man darf ja nicht allein auf die Gründungsquote schauen. Es starten zwar viele mit ihrem Unternehmen, aber es geben auch viele wieder auf. Legt man daher die auf den Bestand bezogene Selbständigenquote zugrunde, dann liegt diese noch immer etwas unterhalb derjenigen von Personen deutscher Herkunft.

Wie könnte die Selbständigkeit von Migrant:innen besser gefördert werden?

In Deutschland ist der Zugang zur Selbständigkeit stark reguliert und zudem auch durch das Aufenthaltsrecht eingeschränkt. In vielen Bereichen kann sich nur selbständig machen, wer einen Meisterbrief oder einen akademischen Abschluss hat. Gleichzeitig aber werden die Qualifikationen von Menschen, die aus ganz andere Berufsbildungssystemen kommen, nicht oder nur schwer anerkannt. Da wird zwar daran gearbeitet, aber Selbständige stehen hier weniger im Fokus. Auch in der Gründungsberatung sind vielerorts noch mehr zielgruppengerechte Angebote für Migrant:innen denkbar. Es gibt hier zwar einige professionelle Anbieter, etwa in Frankfurt. Aber auch die vielen anderen Beratungsstellen müssten internationaler ausgerichtet werden. Und dann muss man auch mal Geschäftsideen akzeptieren, die vielleicht nicht so vertraut klingen. Erleichtern sollte man vor allem den Zugang zu Krediten. Zugewanderte bekommen immer noch schwerer Fremdkapital.

Warum sind wir da nicht weiter?

In den Beratungen der Regelinstitutionen sitzen eben oft noch Menschen, die nicht um die großen Erfolge von migrantischen Unternehmen wissen. Viele gehen noch davon aus, dass solche Gründungen eher zu prekären Arbeitsverhältnissen führen.

Aktuell steht das Mainzer Unternehmen Biontech wegen der Entwicklung eines hoffnungsvollen Corona-Impfstoffes im Fokus. Viele Menschen scheint besonders zu beeindrucken, dass es sich beim Gründerehepaar Ugur Sahin und Özlem Türeci um Kinder türkischer Gastarbeiter handelt. Was sagt diese Reaktion über unsere Gesellschaft aus?

Das zeigt, wie migrantische Gründungen immer noch unterschätzt werden und mit welchen Stereotypen wir noch leben. Dabei ist es überhaupt nicht verwunderlich, dass gerade in einem Bereich, der stark durch internationale Forschung und Kooperation geprägt ist, migrantische Gründer und Gründerinnen erfolgreich sind und es schaffen, einen solchen Impfstoff zu entwickeln.

(Interview: Tobias Schwab)

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