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Fertigung des E-Autos ID.3 in der VW-Fabrik in Zwickau.

Autobauer

Nur nicht auf Halde produzieren

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Die deutschen Autohersteller fahren die Fertigung ganz vorsichtig wieder hoch. Doch der Weg zurück zu alten Produktionszahlen wird lang.

Sindelfingen und Bremen, Wolfsburg und Zwickau. Das sind die Orte, an denen es wieder losgeht. Die Autobauer wollen nach rund vier Wochen Pause die Fertigung vorsichtig wieder hochfahren. Doch eine Produktion wie vor der Corona-Krise wird es hierzulande womöglich für viele Jahre nicht mehr geben. Bis zu 100 000 Jobs könnten gefährdet sein.

Bei Volkswagen hat das Werk im sächsischen Zwickau Priorität. Dort wird vom nächsten Montag an wieder das Elektroauto ID.3 montiert. Der Wagen ist ein Hoffnungsträger für den gesamten Konzern. Im Sommer soll der Verkauf starten. Auch bei Daimler wird dann wieder geschafft. Zunächst gelte das für die hiesigen Werke, die Motoren und Getriebe fertigen, teilen die Stuttgarter mit. Es folgen die großen Pkw-Werke in Sindelfingen und Bremen. Auch in Lkw- und Buswerken von Daimler entstehen von der nächsten Woche an wieder Fahrzeuge.

„Es geht den Autobauern zunächst einmal darum, die noch ausstehenden Aufträge abzuarbeiten“, sagte Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität St. Gallen dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. In einer zweiten Welle werde vor allem die Produktion der Modelle mit den höchsten Verkaufszahlen wieder aufgenommen – in der Hoffnung, dass diese Fahrzeuge auch in den nächsten Monaten bei den Käufern beliebt sein werden. Doch der Autoexperte geht davon aus, dass die Stückzahlen in diesem Jahr massiv schrumpfen werden. Dudenhöffer rechnet für 2020 in einem optimistischen Szenario mit noch 3,8 Millionen Autos. Es könnten aber auch nur 3,4 Millionen werden. Im vergangenen Jahr waren es noch 4,7 Millionen.

Alles wird davon abhängen, wie sich die Auto-Kauflaune hierzulande, aber noch viel stärker in den wichtigen Exportmärkten entwickelt – knapp drei Viertel der hiesigen Produktion werden im Ausland verkauft. Das sind in der EU zuallererst ausgerechnet Italien, Spanien und Frankreich: Diese drei Länder leiden besonders stark unter der Corona-Pandemie. Deshalb kalkuliert Dudenhöffer hier mit Absatzeinbrüchen von 25 bis 30 Prozent in diesem Jahr. Das gilt ebenso für die USA, einem weiteren maßgeblichen Exportmarkt.

Immerhin, die Bundesregierung hat beschlossen, dass die hiesigen Autohäuser von nächster Woche an wieder öffnen dürfen. Dafür gibt es aus der Branche auch jede Menge Applaus. Aber das wird nach Ansicht von Thomas Peckruhn, Vize-Chef des Zentralverbandes des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes, nicht genügen. Es seien nun zusätzliche Kaufprämien für Elektro- und Hybridautos und für saubere Verbrenner nötig. Der Autohandel ist nicht nur wegen der Schließung der Autohäuser weitgehend zum Erliegen gekommen. Auch im Online-Geschäft mit den Fahrzeugen ging es in den vergangenen Wochen steil nach unten. Massenweise Kurzarbeit und die Angst um den Job haben der Kundschaft die Stimmung verdorben.

Das verdeutlicht, dass das vorsichtige Hochfahren der Fertigung nicht nur mit dem Schutz der Beschäftigten und mit Lücken in der Versorgung mit Zulieferteilen zu tun hat. So verfolgt denn auch BMW unter den deutschen Autobauern die defensivste Strategie. Die Fertigung soll auf jeden Fall bis zum 30. April stillstehen. Wann wieder produziert wird, hängt nach Worten eines Sprechers von der Entwicklung der Nachfrage ab. Opel lässt noch offen, wann es wieder losgeht. Mit dem Betriebsrat seien aber mehr als 100 Schutzmaßnahmen vereinbart worden. „Ziel der Autobauer ist, in jedem Fall zu vermeiden, dass sie auf Halde produzieren“, betont Dudenhöffer.

Wobei die aktuelle Konstellation komplex ist: Der mutmaßlich tiefste Einbruch in der Geschichte der Autobranche kommt just in einer Phase, da die Elektromobilität deutlich an Boden gewinnt (+50 Prozent im März). Die Manager überlegen sehr genau, bei welchen Verbrennermodellen sie die Produktion überhaupt noch hochfahren.

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