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Das Podium: Kirsten Schüttler, Kizito Odhiambo, Tobias Schwab, Matida Ndlovu und Nora Seddig.

Forum Entwicklung

"Nicht nur Geld überweisen"

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Diaspora kann eine große Rolle für die ökonomische Entwicklung der Heimat spielen.

Was vom Geld übrig blieb, habe ich immer gleich nach Hause geschickt“, erzählt Kizito Odhiambo. Der 27-Jährige kommt aus Kenia, lebt aber im südhessischen Darmstadt, wo er Elektrotechnik an der Technischen Universität studiert hat. Bafög bekam Odhiambo als Ausländer keins, ein Stipendium hatte er auch nicht, er musste sich also komplett selbst finanzieren. Er schaffte es, eine Hiwi-Stelle an der Uni zu ergattern, außerdem machte er noch einen Minijob. Zusammen ergab das 1300 Euro, genug für Miete, Leben – und eine regelmäßige Überweisung an die Familie zu Hause in Afrika. Eine enorme Leistung, zumal der Kenianer sein Studium mit einem guten Abschluss beendet hat. 

Odhiambo ist kein Einzelfall. Viele Migranten aus dem globalen Süden, die wegen Ausbildung, Arbeit oder aus anderen Gründen ihre Heimat verlassen, bleiben ihren Familien verbunden und unterstützen sie – unter anderem finanziell. Rund 466 Milliarden US-Dollar hat die „Diaspora“ 2017 laut Weltbank global an Verwandte oder Freunde in Ländern des Südens überwiesen. 

Es ist eine riesige Summe - immerhin dreimal soviel wie die offizielle Entwicklungshilfe, die von den Regierungen der Industriestaaten an arme Staaten gezahlt wird. Ein in der Öffentlichkeit unterbelichtetes Phänomen, dem sich jetzt das „Forum Entwicklung“ annahm, das von Frankfurter Rundschau, hr-iNFO und Deutscher Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit veranstaltet (GIZ) wird. Migranten, die in Deutschland leben, bringen weltweit – nach den USA und Saudi-Arabien – mit 24 Milliarden Dollar die drittgrößte Summe auf. 

Dass in der Diaspora noch weitaus mehr Potenzial steckt, betonte in der Diskussion GIZ-Expertin Nora Seddig, die Projektmanagerin im Programm „Migration für Entwicklung“ ihrer Organisation ist. Die Migranten seien bereits jetzt sehr aktiv, eben durch die Geldüberweisungen oder in einem der 20 000 Diaspora-Vereine hierzulande, sagte sie. Aber noch immer sei vielen von ihnen nicht bewusst, dass sie auch eine bedeutende aktive Rolle für die ökonomische Entwicklung ihrer Heimatländer spielen könnten. Wie gut das aber funktionieren kann, belegte Seddig am Beispiel eines Unternehmens in Marokko zum Olivenanbau und -vermarktung, gegründet von einem marokkanischen Ingenieur, der in Deutschland studiert hat. „Dort sind bereits 50 Arbeitsplätze entstanden“, berichtete Seddig. 

Viele in der Diaspora haben, so die GIZ-Expertin, Geschäftsideen für die Heimatländer, doch ihnen fehlten das nötige Kapital und das Know-how zur Geschäftgründung. Die GIZ setzt mit ihrem Programm hier an. Sie wirbt bei den Diaspora-Vereinen, als „Agent of Change“ für Entwicklung zu wirken. Sie organisiert unter anderem in „Pitch Days“ Kontakte zur Start-up-Szene der jeweiligen Heimatländer und fördert Projekteinsätze, damit Migranten das in Deutschland erlernte Wissen weitergeben können. 

Die beiden Migranten auf dem Podium zeigten, was mit guten Geschäftsideen und entsprechendem Engagement tatsächlich erreicht werden kann. Odhiambo kam während seines Studiums zu der Überzeugung, dass er „noch etwa anders tun muss, als nur Geld nach Hause zu überweisen“. Gedacht, getan. Der Kenianer hat in seinem Heimatland inzwischen sogar zwei Start-ups gegründet, das erste zusammen mit seiner Mutter. Bei dieser Firma geht es um die Vermarktung von Soja-Produkten, sie ist inzwischen auf 47 Mitarbeiter angewachsen. Dann kam das Unternehmen, für das der Kenianer vorige Woche sogar den Hessischen Gründerpreis erhielt. Es entwickelt einen regional differenzierten Wettervorhersage-Service für die Bauern in Kenia - wichtig für Aussaat und Ernte. 

Auch die Simbabwerin Matida Ndlovu, die in Deutschland Elektrotechnik und Management mit einem Stipendium der Kofi-Annan-Stiftung studiert hat und in Berlin lebt, ist eine Unternehmensgründerin. Bei ihr reichte das Geld während des Studiums nicht für eine regelmäßige Unterstützung der Familie zu Hause. Doch jetzt, da sie bei einem Venture-Capital-Unternehmen arbeitet, das in junge Tech-Firmen investiert, hat sie eine eigene Firma gegründet. Es fördert junge IT-Talente in ihrer Heimat und bietet dort Ausbildungsprogramme für Software-Entwickler an. 

Ndlovu sagte: „Simbabwe war 20 Jahre lang im Loch, es hatte fast keinen Kontakt zur Außenwelt“ - nämlich bis zum Sturz von Diktator Mugabe im Jahr 2017. Trotzdem gebe es dort viele junge Leute mit guten Ideen für den IT-Sektor. Ein neue App ermögliche es, von überall auf der Welt per Handy ein Stromkontingent für Haushalte in Simbabwe zu kaufen, berichtete sie. „Eine andere Idee ist der elektronische Klingelbeutel“, erzählte die Jung-Managerin. Statt in der Kirche Münzen in das Sammelgefäß zu werfen, kann man die Spende dann einfach per Handy-App „einwerfen“. 

Alle Podiumsteilnehmer waren sich einig, dass die Diaspora-Hilfe gerade bei einer solchen Ausgestaltung eine gute Ergänzung zur klassischen Entwicklungshilfe ist und durch den Austausch auch positive Rückwirkungen auf Deutschland hat. Aber auch die reinen Geldzahlungen seien für viele überlebenswichtig. „Sie können durchaus ein Beitrag zur Armutsreduzierung sein“, betonte die Weltbank-Expertin Kirsten Schüttler. „Es sind Zahlungen, die auch tatsächlich bei den Bedürftigen ankommen“, sagte die Expertin - die allerdings durchaus die Gefahr einräumte, dass die Regierungen in manchen Entwicklungsländern sich auf den Geldzuflüssen quasi ausruhen und nötige Reformen nicht angehen.

Immerhin: Auch die Vereinten Nationen haben in der „Agenda 2030“ den positiven Beitrag der „Heimatüberweisungen“ für ein nachhaltiges Wachstum anerkannt. Das darin in diesem Zusammenhang ausgegebene Ziel, die Überweisungsgebühren auf maximal drei Prozent der jeweiligen Summe zu senken, ist allerdings noch längst nicht erreicht. Im Schnitt verlangen die Geldübermittler derzeit noch sieben, teils sogar zehn oder mehr Prozent. „Da muss noch viel mehr passieren“, sagte Schüttler. Denn bei nur drei Prozent blieben immerhin 20 Milliarden Dollar mehr für die Hilfe vor Ort. 

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