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„Nicht Geld ist knapp, sondern reale Ressourcen“

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Investitionen in die Infrastruktur: „Hat man einmal das Geldsystem verstanden, wird die Frage nach der Finanzierung eine irrelevante“, sagt Maurice Höfgen.
Investitionen in die Infrastruktur: „Hat man einmal das Geldsystem verstanden, wird die Frage nach der Finanzierung eine irrelevante“, sagt Maurice Höfgen. © Imago

Der Wirtschaftswissenschaftler Maurice Höfgen spricht im Interview über die Modern Monetary Theorie, warum die Schuldenbremse ein Lieblingskind Liberaler und Konservativer ist und ein Staat in seiner eigenen Währung nicht pleitegehen kann. Von Louis Leible-Hammerer.

Die Modern Monetary Theory, kurz MMT, ist so etwas wie der Shooting Star unter den volkswirtschaftlichen Theorien. Sogar US-Präsident Joe Biden lässt sich von einer führenden MMT-Vordenkerin, Stephanie Kelton, beraten. Ein zentrales Plädoyer der Strömung: Geld ist zweitrangig, denn ein Staat kann – über seine Notenbank – Geld auf Knopfdruck erzeugen. Somit kann ihm die eigene Währung gar nicht ausgehen. Der Wirtschaftswissenschaftler Maurice Höfgen ist einer ihrer vehementesten Fürsprecher im deutschsprachigen Raum. Ein Gespräch über die Popularität des Denkgebäudes, kritische Stimmen und MMT-inspirierte Antworten auf die aktuellen Krisen.

Die Modern Monetary Theory versteht sich als Denkrichtung, die unser herkömmliches Verständnis von Geldschöpfung und Staatsfinanzen auf den Kopf stellt. Das müssen Sie erklären.

Ausgangsfragen der MMT sind: Wie funktioniert unser Geldsystem? Wie schöpfen Banken und Staat Geld? Sie ist, wie Sie richtig sagen, eine ökonomische Denkschule und kein politisches Reformpaket. Sie beschreibt das Hier und Jetzt, nicht einen wünschenswerten Zustand in der Zukunft. Der allgemeine Konsens wird nur auf den Kopf gestellt, weil der ökonomische Mainstream unempirisch arbeitet.

Inwiefern? Wodurch hebt sich die MMT vom Mainstream ab?

Der Mainstream-Konsens lautet: Das Geld ist knapp. Banken brauchen die Ersparnisse ihrer Kunden, um Kredite zu vergeben. Der Staat braucht Geld von seinen Steuerzahlern, um sich zu refinanzieren. All das stimmt aber nicht. Der Staat ist bei seinen Ausgaben nicht durch die Höhe seiner Steuereinnahmen eingeschränkt, er kann in eigener Währung nicht pleitegehen. Nicht der Steuerzahler finanziert den Staat, der Staat finanziert den Steuerzahler. Wenn es keine staatliche Währung gibt, kann der Bürger seiner Steuerpflicht ja überhaupt nicht nachkommen. Ein gutes Beispiel ist das Spiel Monopoly. Am Anfang des Spiels verteilt die Bank Geld. Nur deshalb ist der Spieler überhaupt in der Lage, Abgaben zu zahlen, wenn er auf das entsprechende Feld tritt. Die Bank hingegen kann Ausgaben tätigen ganz unabhängig davon, ob die Spieler Steuern gezahlt haben.

Vertreter:innen der MMT wie Dirk Ehnts sprechen von einem Paradigmenwechsel, den die Theorie einläuten könnte. Was ist denn das Revolutionäre an ihr?

Die Einsicht, dass Geld nicht knapp ist, sondern reale Ressourcen wie Produktionsmittel und Arbeitskräfte. Wenn wir erkennen, dass die Währung ein staatliches Monopol ist, verstehen wir, wie groß die Steuerungsmöglichkeiten sind. Zum Beispiel kann eine Regierung jederzeit für Vollbeschäftigung sorgen. Finanzierbarkeit stellt kein Problem dar. Wir können uns alles leisten, solange wir genügend Ressourcen dafür haben.

Vollbeschäftigung ist eine der zentralen Forderungen aus der MMT. Welche Politiken lassen sich aus der MMT noch ableiten?

Es gibt keine „MMT-Forderungen“ an die Politik. Man kann aus linker oder progressiver politischer Überzeugung Vorschläge machen, zum Beispiel Vollbeschäftigung, größerer Sozialstaat, Investitionen in erneuerbare Energien, Jobgarantie. Liberale könnten aus der MMT aber auch folgern, gewisse Steuern zu senken, weil sie nicht zur Kompensation von Ausgaben gebraucht werden. Konkrete Vorschläge sind also hochpolitisch.

Die Theorie findet aber eher im linken Spektrum Anklang, weniger im liberalen oder konservativen.

Stimmt, was auch folgerichtig ist, denn: Liberale und Konservative beziehen sich in ihren politischen Forderungen sehr stark auf die Prämisse „Geld ist knapp“. Und die ist nützlich, wenn man viel Markt und wenig Staat will. Sie rechtfertigt zum Beispiel Schuldenbremse und Privatisierung.

Einerseits heißt es, die MMT sei vornehmlich deskriptiv, andererseits fällt oftmals eine direkte Vermengung mit ehrgeizigen Reformvorschlägen auf. Lässt sich die behauptete Trennung von Beschreibendem und Wertendem aufrechterhalten?

Für die Theorie ja. Für deren Vertreter nein. Ich zum Beispiel habe natürlich gewisse politische Überzeugungen, und wenn ich über die MMT rede, verknüpfe ich das. Beispielsweise, wenn ich einen Green New Deal oder eine Jobgarantie fordere. Aber rein für die Theorie kann ich keine politische Schlagseite erkennen.

Für viele Unterstützer:innen der MMT ist ein staatliches Defizit nicht schlimm, es kann sogar wünschenswert sein, da die Schulden des Staates die Einnahmen der Privatwirtschaft darstellten. Die Bundesregierung plant aber, 2023 zur Schuldenbremse zurückzukehren.

Das ist nicht gut, weil wir immer noch Millionen Arbeitslose haben und die Energiewende dringender denn je stemmen müssen. Wir bräuchten eigentlich viel höhere Investitionen, da ist die Schuldenbremse hinderlich. Ohne Kontext hat die Staatsbilanz aber keinerlei Informationsgehalt. In Griechenland hat die Austeritätspolitik zu einem Defizit geführt, das mit Massenarbeitslosigkeit einhergeht. Mit Investitionsprogrammen hätte man vielleicht auch ein Defizit gehabt, aber eines mit mehr Beschäftigung, mehr Wohlstand.

Maurice Höfgen.
Maurice Höfgen. © privat

Zur Person

Maurice Höfgen hat Betriebswirtschaft in Neuss und Volkswirtschaft in Maastricht studiert und ist Autor des Buches „Mythos Geldknappheit“. Der ehemalige Unternehmensberater arbeitet inzwischen als finanzpolitischer Referent des Bundestagsabgeordneten Christian Görke (Die Linke). Sein wissenschaftliches Interesse gilt der Modern Monetary Theory. prll

Gibt es gar keine sinnvollen Grenzen für Staatsverschuldung?

Für ein Land mit eigener Währung nicht, siehe Japan mit einer Schuldenquote von circa 260 Prozent des BIP. Für Länder, die nicht die eigene Währung nutzen oder hohe Schulden in ausländischer Währung haben, schon. Etwa Liberia, das den US-Dollar als Fremdwährung nutzt.

Wie kann man aus Ihrer Sicht Herausforderungen wie die Energiewende, Armut und Ernährungsunsicherheit angehen?

Wir müssen massiv in Infrastruktur investieren und mehr für den Sozialstaat ausgeben, also höhere Renten zahlen, mehr Lehrkräfte und Pflegepersonal anstellen. Und global gesehen mehr Entwicklungsgelder zahlen. Wenn man weltweite Klimaziele erreichen will, dürfen Länder des Globalen Südens ja nicht die gleiche „braune“ Wirtschaftsentwicklung durchmachen, wie wir es gemacht haben. Das ist alles eine Frage des Geldes, aber Geld alleine ist nicht die Lösung, sondern die notwendige Bedingung.

Einige Linke werfen der MMT aber vor, sie versteife sich zu sehr auf das Monetäre und lasse strukturelle Ungerechtigkeit außer Acht.

Das Gegenteil ist wahr: Hat man einmal das Geldsystem verstanden, wird die Frage nach der Finanzierung eine irrelevante. Die MMT ermöglicht es, Aufmerksamkeit auf die wirklich entscheidenden Fragen zu richten: Wie ist die Kapazität unserer Wirtschaft? In welchen Bereichen besteht Inflationsdruck, wo brauchen wir welche Infrastruktur, welche Produkte sind strategisch wichtig? Wären wir aufgrund vergangener Fehler nicht so angewiesen auf fossile Importe, sprich, hätten wir mehr investiert, hätten wir heute einerseits weniger Inflation und wären andererseits weniger abhängig von Putin.

In eigener Währung mögen Staaten nicht bankrottgehen können, in fremder schon. Ist also das Einfrieren von Devisen ein probates Mittel gegen Putins Angriffskrieg?

Ja. Zwar läuft Putins fürchterliche Kriegswirtschaft leider relativ autark; er hat Benzin, Weizen und Waffen. Russische Soldaten und Panzer werden in Rubel bezahlt, und die können Putin nicht ausgehen. Das sagt auch unser Wirtschaftsminister Habeck. Wenn wir ihm allerdings die Euroreserven einfrieren, dann erschwert das der russischen Zentralbank, den Wechselkurs des Rubels zu verteidigen.

Was ist von einem vollständigen Energieembargo gegenüber Russland zu halten?

Wir haben bereits scharfe Sanktionen. Leider ist die Wirkung auf den Krieg nur sehr indirekt, weil Russlands Kriegswirtschaft leider relativ autark läuft. Macht hat, wer über die realen Ressourcen und Rohstoffe verfügt. Ein Öl- und insbesondere Gasembargo würde extrem hohe Kosten für uns verursachen: eine Wirtschaftskrise und die Unwägbarkeit, welche Industrien pleitegehen. Ein Embargo würde Putins Krieg nicht unmittelbar stoppen. Jetzt sind eher diplomatische Lösungen gefragt.

Thema Inflation: Die Teuerungsrate liegt aktuell bei 7,4 Prozent und damit so hoch wie schon lange nicht mehr. Einige konservativere Ökonominnen und Ökonomen machen dafür eine „Geldschwemme“ der Europäischen Zentralbank (EZB) mitverantwortlich…

Geldschwemme ist ein falsches Bild. Die EZB hat Geschäftsbanken Staatsanleihen abgekauft, folglich stieg deren Guthaben bei der Zentralbank. Das Guthaben kann aber gar nicht in der realen Wirtschaft landen, denn wir als Privatpersonen oder Firmen haben ja gar kein Konto bei der EZB. Die momentane Inflation ist angebotsseitig, sie liegt an unterbrochenen Lieferketten wegen der Pandemie und an der Energieproblematik. Die EZB hat damit nichts zu tun.

Was kann man gegen die Inflation tun?

Grundsätzlich gilt: Wenn die Preise für Energieimporte steigen, werden wir als Land ärmer. Wie hart es uns trifft, ist eine Verteilungsfrage. Der Staat kann diejenigen entlasten, die es am dringendsten brauchen, indem er Steuern senkt, pauschale Zuschüsse erteilt, Hartz IV und Renten erhöht.

Zum Schluss der Versuch eines Ausblicks: Wie können wir – mit den Einsichten der MMT – unsere realen Ressourcen im Sinne des Gemeinwohls denn bestmöglich bewirtschaften?

Wir müssen alle verfügbaren Ressourcen einsetzen, sprich: durch ein Investitionsprogramm für Vollbeschäftigung sorgen. Über Regulierung sollte man den Finanzsektor verkleinern, das Steuersystem vereinfachen und Anreize setzen, damit produktive Jobs, etwa im Handwerksbereich, attraktiver werden.

Interview: Louis Leible-Hammerer

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