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Nicht alles eitel Sonnenschein

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Von: Antje Mathez

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Auf der Caravan Motor Touristik (CMT) in Stuttgart stellt die Branche noch bis zum 22. Januar Camperträume aus.
Auf der Caravan Motor Touristik (CMT) in Stuttgart stellt die Branche noch bis zum 22. Januar Camperträume aus. © Marijan Murat/dpa

Die Nachfrage nach Reisemobilen ist auch weiterhin ungebrochen. Das verschafft der Caravaning-Branche zwar einen Rekordumsatz, doch gibt es auch drängende Probleme.

Außergewöhnlich. Das sei wohl das Wort, mit dem man das vergangene Jahr am treffendsten beschreiben könnte, sagt Hermann Pfaff. Der Präsident des Deutschen Caravaning Industrie Verbandes (CIVD) ist sichtlich zufrieden, als er am Montag via Youtube zum neunten Mal in Folge einen neuen Rekordwert verkünden kann, den seine Branche 2022 umgesetzt hat: 14,03 Milliarden Euro, 0,5 Prozent Plus im Vergleich zum Vorjahr.

Die Schlussfolgerung ist schnell gezogen: Der Caravaningboom hält an. Mit dem Wohnmobil oder -anhänger zu verreisen war schon vor Corona beliebt und hat mit der Pandemie noch einmal deutlich mehr Fans gewonnen. Im vergangenen Jahr gaben sie 7,5 Milliarden Euro für neue Wohnmobile oder Wohnanhänger aus, der Gebrauchtwagenhandel brachte der Branche 5,2 Milliarden Euro ein und das Zubehörgeschäft 1,3 Milliarden. Und: Die Nachfrage übertraf das Angebot bei weitem.

Reisemobile und Caravane: Es fehlen Chassis und Fachkräfte

Also alles eitel Sonnenschein, wie man es im Camping-Urlaub am liebsten hat? Ganz so einfach ist es wohl nicht. „Eine so komplexe und herausfordernde Situation hat unsere Branche in dieser Form noch nie erlebt“, sagt Pfaff und gibt einen Einblick in die Probleme der Caravaning-Industrie. 2022 habe die Branche massiv unter Lieferkettenproblemen gelitten, erklärt der CIVD-Chef. „Insbesondere der Mangel an Fahrzeugchassis hat die Produktion und Auslieferung von Reisemobilen stark beeinträchtigt.“ Die Lieferkettenprobleme hätten bereits im Jahr 2021 eingesetzt und sich in den letzten zwölf Monaten noch einmal verschärft. Zudem kämpft die Branche laut Pfaff mit einem bedrohlichen Fachkräftemangel. Caravan- und Reisemobiltechniker:innen würden händeringend gesucht. „Die Auftragsbücher sind voll. Das ist schon eine frustrierende Situation für die Unternehmen, wenn sie ihren Auftragsbestand nicht abarbeiten können“, so Pfaff.

Die Zahl der neuzugelassenen Reisemobile und Caravans verdeutlicht das Dilemma: 2020 und 2021 wurden in Deutschland pro Jahr über 100 000 Freizeitfahrzeuge neu zugelassen – das waren - auch coronabedingt – historische Rekordwerte für die Branche. 2022 lagen die Neuzulassungen allerdings unter der 100 000er Marke: Insgesamt wurden 90 985 Freizeitfahrzeuge in Deutschland neu zugelassen. Das entspricht im Vergleich zum Vorjahr zwar einem Minus von 14,3 Prozent, ist aber gleichzeitig das dritthöchste Neuzulassungsergebnis überhaupt. Das zeigt, die Nachfrage ist ungebrochen. Das zeigt aber auch, dass das Rekordergebnis von 14 Milliarden Euro Umsatz vor allem auf Kostenerhöhungen beruht, mit dem Hersteller und Händler gestiegene Energie- und Materialkosten kompensiert haben.

Caravan-Industrie schafft spezialisierte Ausbildung

Damit das nicht so bleibt, will der CIVD neue Fachkräfte in die Industrie bringen. Der Verband hat mit der Fachrichtung „Caravan- und Reisemobiltechnik“ die erste eigene Ausbildungsform der Branche entwickelt. Im August dieses Jahres fangen die ersten Auszubildenden an.

Ein anderes Problem, das angesichts der Zulassungszahlen jedes Jahr an Brisanz zunimmt, ist die Zahl der Stellplätze in den angefahrenen Urlaubsgebieten. Deutschland hat zum Beispiel derzeit 5000 Reisemobilstellplätze zu bieten. Zwar sei ein grundsätzlicher Mangel an Stellplätzen noch nicht zu erkennen, so Pfaff. „In besonders nachgefragten Regionen kann es aber bereits heute zu Engpässen bei den Übernachtungsangeboten kommen.“ Daher engagiere sich der CIVD seit einigen Jahren im Bereich Infrastrukturausbau. Dafür biete der Verband Leitfäden zur Planung und Umsetzung von Stellplatzprojekten an – natürlich unter nachhaltigen Gesichtspunkten.

Eine Prognose für das Jahr 2023 will der CIVD-Chef noch nicht abgeben. Zu außergewöhnlich die Umstände. Aber so viel sagt er schon zum Abschluss: „Der Caravaningboom ist gekommen um zu bleiben.“

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