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„Mehr Schein als Sein“: Fachleute warnen vor High-Protein-Produkte

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Von: Tobias Utz

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Die Supermarktregale sind voll davon: Produkte mit besonders viel Proteinen. Fachleute warnen vor der Marketingmasche – und fordern Konsequenzen.

Frankfurt – Proteine sind wichtig für den Körper, das ist unumstritten. Zahlreiche Zellen benötigen Eiweiße, um Organfunktionen oder die Immunabwehr aufrechtzuerhalten – sprich: Proteine zu sich zu nehmen, ist gesund. Im Zuge der Sensibilisierung für gesunde Ernährung ist in den vergangenen Jahren allerdings ein regelrechter Hype um Eiweiß entstanden. Immer mehr Produkte mit besonders hohem Eiweißanteil füllen die Supermarktregale der Republik.

Die Produkte versprechen: „Eiweißreiche“ Produkte, wie es vielfach heißt, helfen beim Abnehmen und halten fit. Ob die Protein-Produkte tatsächlich die Gesundheit stärken und die gewünschten Effekte bewirken, ist jedoch sehr umstritten. Der Bundesverband der Verbraucherzentrale hat dazu im Mai eine Analyse veröffentlicht. Diese kommt zum ernüchternden Ergebnis: „Mehr Schein als Sein.“

Hype um Protein-Produkte: Teuer, aber auch wirkungsvoll?

In der Studie wurden 59 Protein-Produkte und 57 Vergleichsprodukte getestet. Kriterien waren beispielsweise der Preis und die Inhaltsstoffe. Als Beispiele wurden Lebensmittel, wie Brot, Käse, Müsli oder Pudding, genannt. 46 der 59 Protein-Produkte warben bereits im Namen mit einem besondere hohen Eiweißgehalt. 14 der 27 Protein-Produkte wiesen jedoch „keinen oder einen nur geringfügig höheren Proteingehalt als ein Vergleichsprodukt ohne Proteinwerbung“ auf.

Protein-Produkte
Der Bundesverband der Verbraucherzentrale hat Produkte unter die Lupe genommen, die besonders viel Eiweiß versprechen. (Symbolfoto) © Gregor Tholl / dpa

Hinzu kam der Aspekt der Inhaltsstoffe: „Nicht alle mit Protein beworbenen Produkte weisen eine günstige Nährwertzusammensetzung auf: Elf Produkte enthielten zu viel Salz. Neun Produkte zu viel Fett“, hieß es in einer Mitteilung des Bundesverbandes der Verbraucherzentrale. Außerdem war der Preis der Protein-Produkte oftmals höher: „49 von 57 Produkten der ‚Protein-Produkte‘ [...] waren teurer als Vergleichsprodukte mit ähnlichem Proteingehalt, aber ohne Protein-Werbung. Jedes fünfte Protein-Produkt war mehr als doppelt so teuer wie das Vergleichsprodukt“, so die Fachleute in ihrer Untersuchung.

Protein-Werbung garantiert keinen höheren Protein-Gehalt

Die Marketing-Abteilungen der Produkt-Hersteller machen sich dabei ein juristisches Schlupfloch zunutze: Die Werbung als „proteinreich“ ist laut Angaben der Fachleute zulässig, falls das Lebensmittel 20 Prozent Protein (bezogen auf den Brennwert) enthält. Mindestens zwölf Prozent Eiweiß ist notwendig, um die Formulierungen „enthält Protein“ oder „Proteinquelle“ verwenden zu können. „Tatsächlich sind Käse oder Hülsenfrüchte, die explizit mit ihrem Eiweißgehalt beworben werden, oft nicht proteinreicher als die herkömmlichen Produkte daneben“, erklärt Stephanie Wetzel, Koordinatorin des Projekts „Lebensmittelklarheit“ des Bundesverbandes der Verbraucherzentrale.

Schon gewusst?

Der Begriff Protein stammt aus dem Griechischen und wird von „Proton“ abgeleitet. Übersetzt heißt das: „das Wichtigste“.

Die Fachleute fordern deshalb eine eindeutigere Kennzeichnung auf den Protein-Produkten. „Bei Produkten mit ‚Protein‘ im Namen sollten Hersteller immer im selben Sichtfeld eine zugelassene nährwertbezogene Angabe wie „Proteinquelle oder „hoher Proteingehalt“ ergänzen, denn dahinter stehen verlässliche Proteinmindestgehalte“, so die Verbraucherschützer. Dies zu reglementieren, sei unter anderem Aufgabe der Europäischen Kommission. Neben der Angabe von Nährwertdaten müsse auch der Bezug deutlicher gemacht werden. Zahlreiche Hersteller von Protein-Produkten nutzen demnach die Verpackungsgröße, um den Eiweißgehalt höher erscheinen zu lassen als bei Vergleichsprodukten. Der Proteingehalt wird vielfach auf die Gesamtverpackung und nicht auf 100 Gramm des Produkts bezogen.

Die „Deutsche Gesellschaft für Ernährung“ warnt ebenfalls vor dem Hype um Protein-Produkte. „Hersteller vermarkten Proteinprodukte massiv. Der Großteil der Bevölkerung hat aber gar kein Problem mit der Proteinversorgung und ein gesundheitlicher Nutzen durch die Extraportion Protein ist auch nicht zu erwarten. Muskelaufbau oder Schlanksein passiert nicht allein durch mehr Protein bei unveränderter Ernährung und Bewegung“, heißt es in einem Statement. „Die Proteinversorgung in Deutschland ist vollkommen ausreichend und für die meisten bringt der Verzehr von Protein-Spezialprodukten keinen gesundheitlichen Nutzen. Dennoch boomt der Markt mit den oftmals teuren Proteinprodukten“, führt Verbraucherschützerin Wetzel laut der genannten Mitteilung aus.

Im Wirrwarr um gesunde Ernährung werden oftmals verschiedene Hausmittel zum Abnehmen empfohlen. Eines erscheint ungewöhnlich: Es handelt sich um Apfelessig. (tu)

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