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Menschen, die Hoffnung machen 

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Von: Johannes Dieterich, Antje Mathez, Joachim Wille, Jan Christoph Freybott, Nina Luttmer, Steffen Herrmann

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Catherine Nakalembe.
Catherine Nakalembe hat sich auf die Auswertung von Satellitenbildern spezialisiert, um Landwirt:innen bei der Entscheidung zu helfen, was und wann sie anpflanzen sollen: Ein Service, der in Afrika nicht selten über Leben oder Hungertod entscheidet. © Privat

Krise – gefühlt in fast allen Lebensbereichen. Da braucht es Lichtblicke. Eine kleine Auswahl von Menschen, die uns dieses Jahr beeindruckt haben, stellen wir auf hier vor.

Eine Wissenschaftlerin, die mit Hilfe von Satellitenbildern gegen die Klimakatstrophe kämpft; eine Biologin, die aus Mücken Elefanten macht und damit den Artenschwund aufhält; ein Banker, der in Krisenlagen schnell Geld locker macht; ein Vater, der an der Seite vieler Mütter gegen den Hunger der Kinder angeht: Vier von neun Menschen, die wir hier vorstellen – weil sie Hoffnung machen.

Catherine Nakalembe: Besschützerin aus dem All

Wäre alles mit rechten Dingen zugegangen, würde Catherine Nakalembe heute ein Team ugandischer Fußballerinnen trainieren oder in einer Sportbehörde sitzen. Doch als sich die Tochter eines Automechanikers und einer Restaurantbesitzerin vor zehn Jahren in der Makarere-Universität in Kampala für Sportwissenschaften einschreiben wollte, war die Frist bereits abgelaufen: Kurzentschlossen immatrikulierte sie sich für Umweltwissenschaften: Bereut hat Nakalembe ihre Verspätung nie. Heute ist sie Professorin an der Universität von Maryland (USA) und leitet gleichzeitig das Nasa-Programm „Harvest Africa“ (Ernte Afrika). Die Forscherin hat sich auf die Auswertung von Satellitenbildern spezialisiert, um Landwirt:innen bei der Entscheidung zu helfen, was und wann sie anpflanzen sollen: Ein Service, der vor allem in Afrika nicht selten über Leben oder Hungertod entscheidet. Nakalembe berät auch Staaten bei deren Agrarpolitik oder beim Krisenmanagement: Vor sieben Jahren kam sie einer sich anbahnenden Missernte in der ugandischen Karamoja-Region auf die Spur, sodass die Regierung rechtzeitig darauf reagieren konnte. Vor zwei Jahren wurde Nakalembe mit dem angesehenen „Africa Food Prize“ ausgezeichnet.

Und ihre Arbeit wird angesichts des Klimawandels immer wichtiger. „Man kann die Bedeutung verlässlicher Daten für den Erfolg von Millionen afrikanischer Landwirte gar nicht überschätzten“, sagt die mit einem deutschen Physiker verheirateten Forscherin. Ein Glück, dass Nakalembe fürs Sportstudium nicht schnell genug war.

Frauke Fischer: Biologin mit Faible für Bartmücken

Frauke Fischer
Frauke Fischer. © Privat

Sie hat es mit den Mücken - und macht aus ihnen gerne Elefanten. Könnte man sprichwörtlich sagen - dabei übertreibt sie nicht, will nur die Bedeutung von Insekten für die Ökosysteme veranschaulichen. Wenige können so begeistert und begeisternd über Biodiversität erzählen wie Frauke Fischer. Die Frankfurterin und Biologin lehrt an der Universität Würzburg Internationalen Naturschutz. Nach Abschluss ihrer Promotion in Tropenbiologie war sie mehrere Jahre lang Leiterin einer Forschungsstation im Comoé-Nationalpark (Elfenbeinküste).

„Die Natur ist ein Netzwerk, in der jeder Organismus eine wichtige Rolle spielt. Zerstören wir unbedacht die biologische Vielfalt, gefährden wir auch unsere eigene Existenz“, heißt es im preisgekrönten Buch „Was hat die Mücke je für uns getan“ (Oekom), das Frauke Fischer gemeinsam mit Hilke Oberhansberg verfasst hat. Im Vorfeld der Weltnaturkonferenz in Montreal im Dezember war Fischer eine gefragte Gesprächspartnerin - aber für ihren Geschmack noch lange nicht oft genug angesichts des dramatischen Artenschwundes, der im öffentlichen Bewusstsein viel weniger eine Rolle spielt als der Klimawandel. Schon seit 2003 berät sie mit ihrer eigenen Agentur auch Unternehmen auf dem Weg zum Schutz der Biodiversität. Und stellt fest, dass sich auch immer mehr Finanzdienstleister für das Thema interessieren.

Ihren Kundinnen und Kunden beweist sie dabei selbst, wie es unternehmerisch gehen kann. 2013 gründete Fischer die Firma „Perú Puro “, die in Südamerika Kakao nach Agroforstmethoden anbaut. Ein aktiver Beitrag zum Erhalt der Biodiversität, für den Kleinbäuerinnen und -bauern fair entlohnt werden. Und da kommen sie wieder ins Spiel, die Insekten, deren Bedeutung für Frauke Fischer gar nicht hoch genug einzuschätzen ist. „Ohne sie keine Schokolade“, sagt sie. „Denn nur zwei Arten der Bartmücken sind überhaupt in der Lage, Kakaoblüten zu bestäuben.“

Michelle Reed: Unternehmerin in Zeiten des Versandhandels

Michelle Reed
Michelle Reed. © Privat

Anklicken, schicken lassen, auspacken – und die Verpackung ab in den Müll. Pro Jahr werden in Deutschland über vier Milliarden Pakete und Päckchen verschickt, und 99 Prozent der Verpackungen werden nur einmal benutzt. Sie landen im Papiercontainer oder gar in der Restabfall-Tonne. „Das ist Verschwendung pur“, dachte sich Michelle Reed, die mit ihrem Partner Philip Bondulich eine Firma gegründet hat, die dieses Ex-und Hopp-Prinzip stoppen will: Send Me Pack.

Reed, die in Florida aufgewachsen ist, wohnt mit Mann und zwei kleinen Kinder in Berlin. Dort ist auch der Sitz ihrer Firma. Geschäftskonzept: Send Me Pack gibt gebrauchten Kartons ein neues Leben, die bei Logistikern nach Retouren anfallen und sonst in der Papierpresse landen würden. Sie werden auf Stabilität getestet, wenn nötig aufgearbeitet, mit einem „Reused“-Aufkleber versehen und erneut in den Umlauf gebracht. Etwa 90 Prozent taugen zumindest für einen zweiten Umlauf. Versender können die Reused-Kartons in verschiedenen Größen bestellen.

„Das Klima- und Umwelt-Entlastungspotenzial ist enorm“, sagt Reed, die auch privat versucht, mit dem Kauf langlebiger Produkte gegen die „Wegwerfgesellschaft“ zu agieren. Bei der Herstellung eines Kartons entstehen rund 260 Gramm CO2 und werden vier Liter Wasser verbraucht. Send Me Pack hat mit seinen 15 Mitarbeiter:innen bisher bereits rund eine Million Pakete neu in Umlauf gebracht. Reeds Vision ist es, zumindest die Hälfte von Deutschlands Versandhandel nachhaltig zu gestalten. Zukünftig sollen auch Privathaushalte ihre Alt-Verpackungen in Partnerläden abgeben können.

Stefan Wintels: Staatsbanker mit wachsendem Einfluss

Stefan Wintels
Stefan Wintels. © Alex Habermehl

Vor zehn, 15 Jahren wäre es für einen erfolgreichen Banker verdammt unsexy gewesen, zur staatlichen KFW zu wechseln. Die Arbeit bei Förderbanken galt als langweilig; Bürgerinnen und Bürgern waren die Institute selten ein Begriff. Das hat sich geändert. Und so verließ Stefan Wintels 2021 die amerikanische Citigroup und wurde Chef der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KFW). Die Förderbank hat in den vergangenen Jahren immer mehr Aufgaben übernommen und ist nach Bilanzsumme zum drittgrößten Kreditinstitut der Republik aufgestiegen. Immer wenn es im Land kriselt und der Bund rasch Geld verteilen will, muss die KFW ran. In Windeseile schaffen deren Beschäftigten dann die Voraussetzungen für die Auszahlung. Seien es die zahlreichen Corona-Hilfsprogramme oder die Soforthilfen im Zuge der Energiekrise: Immer ist die KFW mit im Boot. Auch in Zukunft wird sie wichtig bleiben. Denn das Institut ist ein Instrument der Bundesregierung, um etwa das energieeffiziente Bauen und die Digitalisierung der Wirtschaft voranzutreiben. Die KFW beweist den Nutzen einer Staatsbank. Unter Wintels ist der Vorstand paritätisch mit Frauen und Männern besetzt. Auch das: vorbildlich und für die Finanzbranche ungewöhnlich.

Amadou: Mutiger Mann unter starken Frauen 

Amadou
Amadou. © Privat

Wir dürften ihn Amadou nennen, sagt der 42-Jährige und strahlt dabei übers ganze Gesicht. In einer Gruppe von Frauen, die sich in einem Dorf im tiefen Süden von Niger versammelt haben, um von ihrem Engagement gegen die Mangelernährung zu erzählen, ist Amadou der einzige Mann. Mamans Lumière (Mütter des Lichts) nennen sich die Frauen, die unterstützt vom Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen den jungen Müttern im Dorf vermitteln, wie sie vielfältiger ackern, vitaminreicher kochen und ihre Kinder damit gesünder ernähren. Niger ist eines der ärmsten Länder der Welt, hat die höchste Geburtenrate und leidet mit den anderen Sahelstaaten unter den Folgen des Klimawandels. Jedes achte Kind erlebt seinen fünften Geburtstag nicht - chronische Mangelernährung spielt dabei eine große Rolle. Früher hat Amadou es allein seinen beiden Frauen überlassen, seine neun Kinder irgendwie satt zu kriegen. Als eine Frau krank wurde und die Mädchen und Jungen vor Hunger weinten, „da habe ich gemerkt, dass ich mich selbst kümmern muss“, erzählt Amadou. Mittlerweile gehört er zum Kreis der auserwählten Mütter, die über die eigene Familien hinaus Verantwortung übernehmen. Er ist weit und breit der erste Papa Lumière und wird von den Mamans dafür gefeiert - sie klatschen begeistert, als Amadou den Besuchern im Dorf seine Geschichte erzählt. Der 42-Jährige weiß jetzt auch mit dem farbcodierten Messband für den Oberarmumfang umzugehen, mit dem die „Mütter des Lichts“ die Entwicklung der Kleinkinder im Dorf kontrollieren. Noch ist ihm kein anderer Vater in die neue Rolle gefolgt. „Aber ich habe schon einige zum Nachdenken gebracht“, sagt Amadou, die Lichtgestalt unter den Männern im Dorf.

Luisa Benning: Herrin der Soldatenfliegen

Luisa Benning
Luisa Benning. © Benjamin Schenk

Der Mensch ist die einzige Spezies, die Abfall produziert.“ Mit diesem Satz will Luisa Benning vor Augen führen, was in unserem Wirtschaftssystem falsch läuft. Und seit März 2021 setzt sie dem auch etwas entgegen. Zusammen mit ihrem Mann Christian führt sie das Pfungstädter Unternehmen Probenda. Ihr Geschäftsmodell: Futter auf Basis von Insekten - in ihrem Fall der Schwarzen Soldatenfliege - soll herkömmliche Futtermittel in der Landwirtschaft ersetzen. Denn für Letztere fällt die CO2-Bilanz oft verheerend aus. Um den Kreis zu schließen, sollen sich die Sechsbeiner von unserem Abfall ernähren – und daraus noch hochwertigen Dünger machen. Kann das funktionieren? Ja, findet die Jury des Hessischen Gründerpreises, die das Start-up im November auszeichnete. Auf ihrem Feld leisten Luisa und Christian Benning in Deutschland Pionierarbeit. „Schon im Studium habe ich gemerkt, dass in der Landwirtschaft viel falsch läuft“, erinnert sich die studierte Agrarwissenschaftlerin. Etwa mit Blick auf das viele Wegwerfen oder die Abhängigkeit von Importen wie Soja und Fischmehl. Erst kürzlich sei das wieder zutage getreten, als explodierte Preise etwa für Dünger das System an seine Grenzen brachten. Luisa Bennings Antwort auf diese Krise lautet: Kreislaufwirtschaft. In der sind Insekten nicht nur ein Instrument, sondern auch die Ideengeber. „Denn die machen es uns seit Millionen von Jahren vor.“

Raphael Kneer: Revolutionär im Arbeitsrecht

Raphael Kneer
Raphael Kneer. © Privat

Ein spannendes erstes Jahr habe er hinter sich, erzählt Raphael Kneer am Telefon. Seine Stimme zeigt: Der Jurist ist euphorisiert. Denn wenige Tage zuvor erreichte er einen Meilenstein: Mit seinem Start-up Laboraid begleitete Kneer die Beschäftigten von Tom Tom, dem Hersteller von Navigationssystemen, durch die Gründung eines Betriebsrats. Wahl, konstituierende Sitzung, erste Schulungen – das volle Programm. Weitere Unternehmen sollen folgen, Kneer hat Anfragen aus dem Mittelstand oder dem Spitzensport. Laboraid ist eine digitale Plattform für Arbeitnehmer:innen. Kneer, der selbst Rechtsanwalt ist, setzt mit dem Start-up auf Legal Tech, also die Digitalisierung juristischer Arbeit. Bislang geht es vor allem darum, Betriebsräten zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Dokumente zur Verfügung zu stellen. Übergeht der Arbeitgeber ihre Rechte, verweist Laboraid an eine komplementäre Kanzlei, die dann vor Gericht ziehen kann. Schulungen für die neugewählten Betriebsratsmitglieder bietet Kneer über eine Akademie an. Laboraid steht also auf drei Beinen. Die ambitionierte Vision dahinter: „Ich will Betriebsräte und Gewerkschaften wieder cool machen“, sagt Kneer. Laboraid, ist er überzeugt, kann die Arbeitsbedingungen der Menschen fundamental verbessern.

Guya Merkle: Schmuckdesignerin der Zukunft

Guya Merkle
Guya Merkle. © Privat

Es sind junge Unternehmerinnen und Unternehmer wie Guya Merkle, die zeigen, dass nachhaltiges Wirtschaften möglich ist. Wo ein Wille ist, ist offenbar auch ein Weg. Merkle erbte 2007 im Alter von nur 21 Jahren nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters ein Schmuckunternehmen, das bereits ihr Großvater gegründet hatte. Sie reiste nach Peru, um sich selbst ein Bild von den Arbeitsbedingungen in kleinen Goldminen zu machen - eine Reise, die ihr Leben veränderte, wie sie selbst sagt. Sie sah, unter welchen menschenverachtenden und umweltschädlichen Bedingungen Gold oftmals gefördert wird. Etwa 25 bis 30 Millionen Menschen, darunter eine Million Kinder, arbeiten heutzutage in kleinen Goldminen unter gesundheitsschädlichen Bedingungen, betont Merkle. Im Jahr 2015 gründete sie als Konsequenz ihre Schmuckmarke Vieri, die inzwischen auch weltweit bekannt ist, da Stars wie Rihanna und Emma Watson sie öffentlichkeitswirksam tragen. Als Rohstoff verwendet Vieri inzwischen ausschließlich Recycling-Gold, vor allem aus alten Handys und anderem Elektroschrott. Die Hälfte des Gewinns reicht das Unternehmen eigenen Angaben zufolge an Merkles eigene Stiftung Earthbeat Foundation weiter. Diese hat sich zum Ziel gesetzt, die Lebensbedingungen der Menschen in Goldabbau-Regionen dauerhaft zu verbessern.

Benedikt Bösel: Landwirt im Einklang mit der Natur

Benedikt Bösel
Benedikt Bösel. © Privat

Mörderische Hitzewellen, ausbleibende Ernten, alles verschlingende Fluten und Waldbrände, der Verlust vieler Tier- und Pflanzenarten – eine Katastrophenmeldungen jagt die nächste. Daran können auch Klimakonferenzen, Diversitätsgipfel oder aus Protest irgendwo festgeklebte Menschen wenig ändern. Denn Wandel geschieht nur, wenn jeder und jede einzelne seine Art zu leben und wirtschaften grundlegend ändert. Klar ist das einfacher gesagt als getan. Aber es gibt Menschen, die es anpacken und damit eine Menge bewegen. Benedikt Bösel ist so einer – und fällt deshalb für mich in die Kategorie Hoffnungsträger. Der 37-Jährige hat vor sechs Jahren seinen äußerst lukrativen Job als Investmentbanker an den Nagel gehängt und den landwirtschaftlichen Betrieb seiner Eltern in der wohl trockensten Region Deutschlands, in Alt-Madlitz in Ost-Brandenburg, übernommen. Er habe etwas Sinnvolles machen wollen, erklärte Bösel in diversen Interviews, die die Presse mit ihm geführt hat, weil er zum Landwirt des Jahres 2022 gekürt wurde. „Die Landwirtschaft ist viel mehr als nur ein Produzent von Lebensmitteln. Sie ist der mit Abstand wichtigste Hebel, um die großen Probleme unserer Zeit zu lösen: Klimaanpassung, Biodiversität, Gesundheit genauso wie die Entwicklung ländlicher Räume, Chancengleichheit und Bildung.“ Dafür müsse man aber beginnen, diese ökologischen und sozialen Leistungen anzuerkennen, so der Biolandwirt. Nicht der maximale Ertrag stehe im Vordergrund: „Wir müssen versuchen, wieder mehr Leben, mehr Wachstum, mehr Biomasse auf die Felder und in die Wälder zu bekommen.“ Sein Rezept gegen die Bodenverödung: multifunktionale Landnutzung. Er hat auf seinen Äckern Baum- und Sträucherreihen gepflanzt, die Bodenerosion verhindern, Schatten spenden und Lebensraum für viele Tierarten schaffen. Und er zieht Zwischenfrüchte, die dann von Rindern abgeweidet werden, die wiederum für die natürliche Düngung des Bodens sorgen. Angesichts des noch immer geringen Anteils der Biolandwirtschaft an der Nahrungsmittelerzeugung hierzulande kann man nur hoffen, dass es ihm viele Landwirt:innen nachtun.

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