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Neun-Euro-Ticket: „Busse und Bahnen wurden über Nacht cool“

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Von: Joachim Wille

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Die Berliner Mühlendammbrücke.
Die Berliner Mühlendammbrücke. © Dirk Sattler/Imago

Verkehrsforscher Andreas Knie über den Erfolg des Neun-Euro-Tickets, eine bundesweite Fahrkarte für 29 Euro, die auch im ICE gilt, und wie sie finanziert werden kann.

Für Bundeskanzler Olaf Scholz ist das Neun-Euro-Ticket „eine der besten Ideen, die wir hatten“. Trotzdem kann sich die SPD-geführte Regierung nicht auf eine Nachfolgeregelung einigen, Ende August läuft das Ticket aus. Der Verkehrsforscher Andreas Knie spricht über den Erfolg der Fahrkarte, mögliche Anschlusslösungen und deren Finanzierung.

Herr Knie, war das Neun-Euro-Ticket nun ein Erfolg oder nicht?

Ein riesiger Erfolg. Der öffentliche Nahverkehr ist plötzlich in aller Munde, Busse und Bahnen wurden gleichsam über Nacht cool. Wann haben wir das schon mal erlebt?

Allerdings sind nur relativ wenige vom Auto in Busse und Bahnen umgestiegen. Für die Verkehrswende hat es also kaum etwas gebracht…

Primäres Ziel des Neun-Euro-Tickets war ja die Entlastung der Bestandskunden, analog zum Tankrabatt für die Autofahrenden. Das hat funktioniert. Hier ist daran zu erinnern, dass im ÖPNV vor allen Dingen die unteren Einkommensklassen sitzen. Erfreulich war, dass während der drei Monate ganze Haushalte unterwegs waren, die das vorher nicht getan haben. Darüber hinaus sind auch Menschen mit dem Neun-Euro-Ticket gefahren, die mit dem ÖV eigentlich schon abgeschlossen hatten.

Viele Politiker:innen, vor allem von Grünen, SPD und Linken, fordern eine Anschlusslösung. Macht das Sinn? Und wie genau? Nochmal neun Euro, 29 oder 49 Euro, 365 fürs Jahresticket?

Das Neun-Euro-Ticket zeigt: Busse und Bahnen sind auch nach der Pandemie noch nicht ganz aus den Köpfen der Menschen verschwunden. Wir brauchen ja eine Verkehrswende, die bedeutet, dass wir weniger Auto fahren. Dies gelingt aber nur, wenn Busse und Bahnen eine attraktive Alternative darstellen. Das Neun-Euro-Ticket war sozusagen ein erster Schritt, der zeigt, wie es funktionieren könnte. Jetzt muss nachgelegt werden. Aus den Ergebnissen der sozialwissenschaftlichen Forschung wissen wir, dass ein Preis von über 29 Euro pro Monat nicht mehr attraktiv ist, und dass das Ticket einfach sein muss.

Finanzminister Christian Lindner (FDP) ist dagegen, so etwas fördere die „Gratismentalität“. Stimmt das?

Den Nutzenden des ÖV eine Gratismentalität zu unterstellen, ist mehr als zynisch. Das Auto wird jährlich mit mehr als 50 Milliarden Euro von allen Steuerzahlenden finanziert. Wenn es eine Gratismentalität gibt, dann ist es die, permanent den öffentlichen Raum für das Parken von privaten Autos in Anspruch zu nehmen.

Andreas Knie , 61, ist Berliner Mobilitätsforscher.
Andreas Knie , 61, ist Berliner Mobilitätsforscher. jw/David Ausserhofer © David Ausserhofer

Am 1. September droht nun wieder das teure Ticketdurcheinander, wie wir es von früher kennen. Gäbe es eine kurzfristig umsetzbar Alternative?

Aus unseren Befragungen wissen wir, dass rund 20 Millionen Menschen in Deutschland für den ÖV zu begeistern wären. Dazu wäre ein Angebot sinnvoll, das 29 Euro im Monat kostet und alles einschließt, was man braucht. Also ÖPNV, Regionalverkehr und dann auch noch die Angebote des Fernverkehrs, also ICE, EC und IC. Das Sahnehäubchen wäre dann noch die letzte Meile, also die Fahrt von der Endhaltestelle nach Hause mit dem Taxi. Ein Preis überall für praktisch alles.

Wie könnte ein solches Ticket denn finanziert werden?

Ein solches Angebot würde wahrscheinlich rund 14 Milliarden Euro jährlich zusätzlich zur Finanzierung des bisherigen ÖV kosten. Wenn man die Entfernungspauschale für die Autofahrenden sowie das steuerliche Privileg privat genutzter Dienstwagen sowie die permanente Dieselsubvention streichen würde, dann hätte man rund 16 Milliarden gespart. Klar, das würde das Autofahren für die mittleren und höheren Einkommen deutlich verteuern, aber die könnten sich das leisten und hätten mit dem 29-Euro-Ticket ja auch eine super Alternative.

Man würde erwarten, dass die Verkehrsunternehmen gemeinsam die Initiative für einen bundesweiten Neun-Euro-Nachfolger ergreifen. Bisher Fehlanzeige. Was glauben Sie, warum?

Eine wirklich sehr traurige Erfahrung mit dem Neun-Euro-Ticket ist, dass die Branche es selbst gar nicht will. Es gibt innerhalb der Branche überhaupt keinen Produktstolz, keinen Wunsch, mehr Fahrgäste zu bekommen. Vor allen Dingen die Gewerkschaften haben es ja klar kommuniziert: mehr Fahrgäste, mehr Ärger.

Immerhin hat Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) das Neun-Euro-Ticket mehrfach in den höchsten Tönen gelobt. Setzen Sie auf ihn?

Man hatte den Eindruck, dass dem Minister das Neun-Euro-Ticket Freude gemacht hat. Die Politik hat der ÖV-Branche wirklich mal die Leviten gelesen. Ja, er wäre eine Schlüsselperson bei der Durchsetzung.

Interview: Joachim Wille

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