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Trollingerernte in Mundelsheim am Neckar.
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Trollingerernte in Mundelsheim am Neckar.

Spitzenweine

Neues Weingesetz: Alles eine Frage der Lage

  • Sophie Vorgrimler
    VonSophie Vorgrimler
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Zum Jahrgang 2026 führt Deutschland eine Qualitätsmessung für Wein nach dem sogenannten romanischen Prinzip ein. Damit liegt der Fokus nun auf der Herkunft statt dem Öchslegrad der Trauben – für kleine Anbaubetriebe ein großer Nachteil.

Bis zu vierzehn Stunden am Tag verbrachte Simon Lunkenheimer damit, den Weinjahrgang 2021 zu ernten und zu verarbeiten. Beim Weingut Ewald Lunkenheimer im rheinland-pfälzischen Nahetal legt man Wert darauf, die Trauben bei trockenem Wetter zu lesen, dann wird mit einem Refraktometer der Öchslegrad gemessen, der Zuckergehalt des Mosts. „Je höher der Öchslewert, desto besser“, sagt Lunkenheimer. „An diesem Punkt kann man auch schon errechnen, welchen Alkoholgehalt der Wein später haben kann.“ In Deutschland sind die Öchslegrade das Qualitätsmerkmal von Weinen. Das wird sich aber durch die Verabschiedung des neuen Weingesetzes zum Jahrgang 2026 bindend für die gesamtdeutsche Weinwirtschaft ändern.

Dann soll es um die Herkunft der Trauben gehen. Das Argument des Landwirtschaftsministeriums für die Neuregelung lautet: „Nicht jede Herkunft ist geeignet, einen Spitzenwein hervorzubringen.“ Lunkenheimer dagegen meint, dass „in jedem Weinberg und aus jeder Rebsorte ein guter Wein gedeihen kann“. Nun würden Prädikate nach Lage und Rebsorte und auch nur an bestimmte Lagen und Rebsorten vergeben und das größtenteils unabhängig von der eigentlichen Qualität des Leseguts.

Für das Familienunternehmen bringt die Gesetzesänderung Nachteile. Wegen der kleinen Fläche von acht Hektar, das es mit einer großen Sortenvielfalt bewirtschaftet, können nur sehr wenige Sorten als Lageweine – so werden die hochwertigsten Weine bezeichnet – gehandelt werden. Aber auch unabhängig davon hält Lunkenheimer die neue Gesetzgebung nicht für sinnvoll, da „der ausschlaggebende Einfluss des Klimas und mikroklimatischer Ereignisse auf die Lage in der neuen Gesetzgebung komplett ausgeklammert wird“. In den vergangenen Jahren, so erläutert er, hätten sie im Familienunternehmen „immer häufiger exzellente Qualitäten in einfachen Lagen“ gehabt. Manche Weine aus Lagen, die sich als Lagenwein qualifizieren, hätten weniger gutes Lesegut eingebracht.

Das neue System würde die Prädikate größtenteils unabhängig von der eigentlichen Qualität des Leseguts vergeben. „Die Herkunft täuscht dann über die eigentlichen Qualitäten hinweg.“ So entstehe in seinen Augen verbraucherunfreundliche Unklarheit.

Neues Weingesetz: Für kleine Betriebe bitter

Insgesamt schmeckt die neue Gesetzgebung für kleine Betriebe und Winzergenossenschaften im Abgang bitter. Andere Akteur:innen in der Weinbranche sehen in der Gesetzesänderung vom vergangenen Dezember dagegen einen nötigen Fortschritt.

Mit der Reform von Weinrecht und Weinverordnung hat das deutsche Landwirtschaftsministerium unter Julia Klöckner (CDU) eine EU-Vorgabe aus dem Jahr 2009 umgesetzt. Darin sieht das Ministerium aber nicht nur die Erfüllung seiner Pflicht, sondern propagiert vor allem Vorteile der Reform: für die Winzerinnen und Winzer hierzulande sowie Ruf und Absatz des deutschen Weins.

Doch in der Welt des Weins ist die Reform umstritten: Kleinere Winzereibetriebe und Winzergenossenschaften fühlen sich durch sie benachteiligt. Es gab Austritte aus dem Deutschen Weinbauverband (DWV), dem Dachverband der Winzerinnen und Winzer. Der wohl schmerzhafteste war der Rückzug des Deutschen Raiffeisenverbands (DRV), dem Dachverband der Genossenschaften. Genossenschaftsweine machen ein Drittel der Weinproduktion des Landes aus. Doch der Verband konnte seine Interessen nicht durchsetzen.

Der Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) hingegen begrüßt die Umsetzung einer Reform, die er in großen Teilen intern bereits seit Jahren schon so umsetzt. Der Weinbauverband warnt vor einer Spaltung und Schwächung der Branche durch Austritte.

Die Neuerungen beinhalten im Wesentlichen drei Punkte: Zum einen soll die Neuanpflanzung von Reben bis 2045 weiterhin maximal ein Prozent der gesamten Weinbaufläche Deutschlands betragen. Kritisiert wird, dass der Weinbau dadurch eventuell nicht schnell genug auf Trends eingehen kann.

Außerdem erhöht Deutschland die staatlichen Zuschüsse für Weinwerbung von 1,5 auf zwei Millionen Euro – allerdings nur für das Ausland. Ziel ist also , den Export zu fördern. Gleichzeitig ist Deutschland aber das Land mit dem größten Weinimport weltweit, denn die deutsche Weinbaufläche ist nur etwa so groß wie das Anbaugebiet von Bordeauxwein.

Deutschland nur auf Platz acht.

Für Zündstoff sorgt aber besonders die größte Neuerung im Gesetz, die ebenfalls eine Marketingangelegenheit ist: die Einführung einer Systematik, die die Wertigkeit und Qualität der Weine nach dem Herkunftsprinzip regelt. „Die romanischen Länder sind international sehr erfolgreich mit diesem System – und auch die Verbraucher:innen haben so mehr Klarheit und Orientierung“, heißt es vom Landwirtschaftsministerium. Der Standort – Boden, klimatische Bedingungen und Umwelteinflüsse – bestimmt zu einem Teil die Weinqualität. Den Rest beeinflussen aber eine dafür geeignete Rebsorte und das Geschick des Winzers.

Mit dem Herkunftsprinzip wird das sogenannte romanische Prinzip übernommen, das in Ländern wie Spanien oder Italien bereits angewendet wird: Aus Frankreich kennt man Grand Cru oder Premier Cru – „Großes Gewächs“ und „Erstes Gewächs“ – eine bestimmte Rebsorte in einer bestimmten Lage, eine bestimmte Auslese, die den Wein zu Premiumwein macht.

Das bisher gültige „germanische Prinzip“ mit der Qualitätsmessung an Öchslegraden läuft damit aus. Bezeichnungen wie Landwein, Tafelwein, Spätlese oder Auslese dürfen zwar weiterhin zusätzlich verwendet werden, doch gültig ist ab 2026 in erster Linie die vom Bundesamt für Landwirtschaft in Abstimmung mit dem Deutschen Weinbauverband festgelegte Herkunftspyramide.

Entspricht ein deutscher Wein keiner geschützten Herkunft, darf er nur als „Deutscher Wein“ vermarktet werden. Geografische Angaben oder eine noch genauere Ursprungsregion sind künftig geschützt. Je konkreter die Herkunft, desto höher sollen die Anforderungen und damit Qualität des Weins sein. Mindestens 85 Prozent der Weinsorte müssen dann genau dieser Herkunft entsprechen – so will es die EU-Vorgabe, das war bisher in Deutschland nicht nötig.

Ein Beispiel des Landwirtschaftsministeriums: Das Anbaugebiet Mosel oder eine Region wie Michelsberg könnten dann Qualitätsmerkmale sein. Noch besser sollen „Ortsweine“ wie beispielsweise aus dem Ort Trittenheim sein. An der Spitze stehen „Lagenweine“, dessen Trauben von einer besonderen Einzellage stammen, das könnte die „Trittenheimer Apotheke“ sein.

Auch in der Ausweisung liegt Konfliktpotenzial: Dazu sollen in allen deutschen Weinbauregionen sogenannte Schutzgemeinschaften gegründet werden. Kellereien, Weinbau und Genossenschaften der Region werden in diesem Gremium Regeln und Rebsorten für die Lagen festlegen, die sich am besten eignen und regionsspezifisch vermarkten lassen.

Neues Weingesetz: Bisherige Bezeichnungen, Marken, Qualitätsmerkmale gelten nicht mehr

„Wenn eine Region beispielsweise für ihren Riesling schon sehr bekannt ist, würde es mich wundern, wenn dieser keine besondere Rolle einnimmt“, sagt Andreas Köhr, Sprecher des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Pfalz Süd und Hessen. „Das können aber auch ein begrenzter Ertrag pro Fläche oder die Höhe des Alkoholgehaltes sein.“ Ein Zeitplan oder Verfahren stünde noch nicht. Man stehe „ganz am Anfang“, die Akteure seien im Meinungsbildungsprozess. Kontroverse Diskussionen sind absehbar.

Beim Vorgehen der Schutzgemeinschaften fordert nicht nur der Verein Deutscher Prädikatsweingüter (VDP), der 200 Winzerinnen und Winzer vertritt, die Spitzenweine herstellen, klare Kriterien zur Kennzeichnung der Herkunftsebenen. Der VDP vermarktet seinen Wein bereits seit 1996 nach dem Herkunftsprinzip und hatte sich in den jahrelangen Verhandlungen für diese Regelung eingesetzt. Insgesamt begrüßt er die Gesetzgebung also. „Möchte der deutsche Weinbau international ernst genommen werden, braucht es hier absolute Exzellenz – bei allen Kriterien der Erzeugung, vor allem aber dem Herkunftsbezug zu den besten Weinbergen der Gebiete“, heißt es vom VDP. Er behält sich ausdrücklich vor, bei „Nichteinhaltung unbedingter Kriterien“ eigene Wege zu gehen.

Dennoch hätte man sich dort „erst eine intensive Diskussion, dann eine Festlegung in Verordnungsform“ gewünscht und mahnt zu „Behutsamkeit und Bedacht“ mit den Begriffen „Großes Gewächs“ und „Erstes Gewächs“, die der VDP bereits verwendet, die nun aber auch in der Verordnung festgeschrieben sind. Bei aller Unterschiedlichkeit der Erzeuger- und Vermarktungszweige hält der VDP es dennoch für wichtig, „den einzelnen Vertreterinnen und Vertretern eine größtmögliche Freiheit zu gestatten“.

Klar ist: Die neue Ausrichtung bringt bisherige Bezeichnungen, Marken, Qualitätsmerkmale durcheinander, weswegen viele Betriebe jetzt um ihre mühsam aufgebauten Marken bangen.

Das bemängelt unter anderem Henning Seibert, Vorsitzender der Winzergenossenschaft Moselland im rheinland-pfälzischen Bernkastel-Kues. Kundinnen und Kunden im Supermarkt würden „ab der Ernte 2026 die gewohnten Großlagenbezeichnungen nicht mehr finden, die für sie bisher Orientierung waren“. Es dürfe dann aus seiner Region beispielsweise die „Zeller Schwarze Katz“ und den „Kröver Nacktarsch“ – zumindest unter dieser Bezeichnung – nicht mehr geben. „Für unsere Kunden waren das markenähnliche Begriffe, die gelernt waren – das wird fehlen.“

Seibert glaubt nicht an die besseren Orientierungsmöglichkeiten für Verbraucher:innen, da „auch aus einer engen Herkunft, sprich Einzellage, nicht nur Spitzenprodukte entstehen können“. Außerdem bemängelt er, dass die Reform „doch sehr in Richtung VDP gehe, der allerdings nur eine Kleinstgruppe vertritt“. Genossenschaften und Kellereien würden circa 80 Prozent des deutschen Weines vermarkten. In der Winzergenossenschaft Moselland werde man daher verstärkt auf Marken oder zumindest markenähnliche Konzepte setzen und sich vermehrt mit der Kellereiseite abstimmen.

Auch Winzer Lunkenheimer findet, das System benachteilige „vor allem mittelständige und kleine Traditionsweingüter gegenüber den großen, marketingstarken Unternehmen und Lobbyverbänden“. Diese besäßen den Großteil der Lagen, die für das neue Prädikatssystem als hochwertig zum Weinanbau gelten.

Beim Deutschen Weinbauverband begrüßt man dagegen den „politischen Kompromiss“ und die „Fortschritte für den Weinsektor“. Für einen Kompromiss ist die Lage zwischen den Weinbergen aber ziemlich angespannt. (Sophie Vorgrimler)

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