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IAA 2019 - Volkswagen

Abschalteinrichtung

Hat VW auch beim Euro 6 betrogen?

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Der Motor mit der Bezeichnung EA 189 brockte VW die Abgasaffäre und schwerste Krise der Firmengeschichte ein. Gab es auch beim Nachfolger EA 288 Manipulationen? Konzern und Behörden weisen das zurück.

Ein Dieselmotor des Volkswagen-Konzerns sorgt wieder für Aufregung. Laut Südwestrundfunk (SWR) kam bei dem Aggregat mit der Bezeichnung EA 288 eine illegale Software zum Einsatz, die die Reinigung der Abgase unter bestimmten Bedingungen abschaltet.

Das Bundesverkehrsministerium widerspricht allerdings: Das Kraftfahrtbundesamt habe bereits im Jahr 2016 eigene Messungen, Untersuchungen und Analysen zum EA 288 durchgeführt. „Unzulässige Abschalteinrichtungen konnten nicht festgestellt werden – auch nicht in Gestalt einer unzulässigen Zykluserkennung“, so das Ministerium. Die Vorwürfe gegen den Autobauer seien im Übrigen nicht neu.

Auch VW dementierte die Darstellungen des SWR – was in Medien und in der Opposition die Skepsis eher nährt. So wirft der Vorsitzende des Verkehrsausschusses im Bundestag, Cem Özdemir (Grüne), der Bundesregierung Kumpanei mit den Autokonzernen und Versagen im Umgang mit dem Diesel-Skandal vor.

Es wäre „ein Paukenschlag, wenn sich jetzt bewahrheitet, dass VW auch bei Euro 6-Dieseln munter weiterbetrogen hat“, sagte Özdemir. „Warum nicht weitermachen‘, werden sich die Verantwortlichen gedacht haben, denn zu befürchten haben sie ja nichts“, kritisierte der Grüne. „Seit Jahren vernachlässigen die CSU-Verkehrsminister und nachgelagerte Behörden ihre Kontrollaufgabe gegenüber der Autoindustrie. Dass sie damit Deutschlands wichtigstem Industriezweig mehr schaden als nutzen, scheinen sie immer noch nicht begriffen zu haben“, sagte Özdemir.

Doch was verbirgt sich hinter den Vorwürfen? Mit Zykluserkennung ist gemeint, dass der Bordcomputer „bemerkt“, wenn sich das Fahrzeug auf einem Prüfstand für eine offizielle Abgasmessung befindet. Solche Programme sind illegal. Volkswagen hatte beim Vorläufer des EA 288, bei dem Motor EA 189, genau diese Abschaltvorrichtungen eingesetzt. Die Manipulationen waren im Herbst 2015 bekannt geworden und lösten den Abgasskandal aus.

Der Abschlussbericht der von der Bundesregierung eingesetzten „Untersuchungskommission Volkswagen“ kam aber zu dem Ergebnis, dass sich Hinweise auf unzulässige Manipulationen beim EA 288 als unbegründet erwiesen hätten.

Gleichwohl sind derzeit vor mehreren Gerichten Klagen von Besitzern von Pkw mit besagtem Dieselmotor anhängig. Das Landgericht Wuppertal erklärte im Frühjahr ein Verfahren zu einem sogenannten Prüffall. Ein Sachverständiger wurde mit einer Expertise beauftragt. Anwälte werteten dies als Erfolg. Nach Angaben des Gerichts kann es aber noch Monate dauern, bis das Gutachten vorliegt. Im Kern geht es dabei um sogenannte Thermofenster. Das sind Programme, die etwa beim Unterschreiten bestimmter Außentemperaturen die Abgasreinigung reduzieren oder komplett abschalten. Der Kläger im Wuppertaler Fall behauptet, dies sei bei weniger als 15 Grad der Fall.

Thermofenster haben auch zahlreiche andere Autobauer eingesetzt. Sie halten diese Steuerung für rechtskonform und verweisen dabei auf einen Passus im Regelwerk der EU: Dort wird das zeitweise Abschalten der Abgasreinigung als zulässig definiert, wenn es dazu dient, den Motor vor Beschädigungen zu schützen. Experten streiten darüber, wie dies genau auszulegen ist. Das Oberlandesgericht Stuttgart hat Anfang August die Klage eines Mercedes-Fahrers abgewiesen. Das EU-Recht mache den Einsatz von Thermofenstern vertretbar, hieß es in der Begründung.

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