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Jetzt rückt uns das Extremwetter auf die Pelle.

Analyse

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Den Bauern dämmert, dass sie zu den ersten Opfern des Klimawandels zählen. Die deutsche Landwirtschaft muss sich anpassen. Die Analyse.

Waldbrände in Mecklenburg, Berlin und Brandenburg, weiterhin zu trockene Böden – und nun eine offizielle Warnung der Bauern vor „schwierigen Vegetationsbedingungen“: Den Verantwortlichen in Deutschland dämmert langsam, dass sie um eine Diskussion über eine Anpassung der Landwirtschaft an den Klimawandel nicht herumkommen. Zu lange herrschte das Gefühl vor, zu den Reingewinnern der Verbrennung von Kohlenstoff zu gehören: Erst gibt es günstige Energie, dann wird das Wetter schöner. Klimaschäden betreffen doch vor allem Afrika und die Fidschi-Inseln. Weit weg.

Doch jetzt rückt uns das Extremwetter auf die Pelle – genauso, wie in den Computermodellen schon vor 20 Jahren für heute vorhergesagt. Es wird also langsam konkret. Die Landwirtschaft hat sich über Jahrhunderte auf Niederschlagsmuster eingestellt, die sich nun verändern. Es regnet nicht mehr genug.

Die diesjährige Ernteprognose der Landesbauernverbände stand jedenfalls ganz im Zeichen des ungewöhnlichen Wettergeschehens mit Wechseln zwischen Hitzerekord und Bodenfrost oder Dürre und Hagel. Daten des Deutschen Wetterdienstes zufolge war auch der Juni erneut deutlich trockener als üblich. Die Landwirte erwarten auf ganz Deutschland gesehen zwar eine durchschnittliche Ernte. Doch die Folgen der Trockenheit des vergangenen Jahres seien noch längst nicht überwunden, warnte der Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV), Joachim Rukwied.

Auffällig sind vor allem die Unterschiede je nach Landesteil. Im Südwesten, wo es geregnet hat, erwarten die Höfe eine besonders gute Ernte. In Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Niedersachsen finden sich jedoch Regionen, die weiter schlimm von der Dürre betroffen sind. Starkregen und Hagel haben das Getreide auf den Feldern zusätzlich geschädigt.

Auch die Versicherer machen sich über dieses Thema Gedanken. Von „erheblichem Trockenheitsstress“ spricht der Leiter der Klimaforschungsabteilung des Rückversicherers Munich Re, Ernst Rauch. Die Dürre des vergangenen Jahres hat nach seinen Berechnungen Schäden in Höhe von 3,2 Milliarden Euro verursacht. Davon war der Löwenanteil nicht versichert.

Rauch zufolge entsprechen die Phänomene genau dem, was für den Beginn des Klimawandels zu erwarten ist. Die Betonung liegt hier auf „Beginn“ – die Veränderung geht gerade erst los. „Die Indizienlage ist mittlerweile so stark, dass wir davon ausgehen müssen, dass sich diese Entwicklung in den nächsten Jahren und Jahrzehnten ähnlich fortsetzen wird“, so Rauch.

Die Bauern in Deutschland werden sich anpassen. Sie werden robustere Pflanzen anbauen und notfalls gentechnisch veränderte Sorten verwenden, die sowohl mit Trockenheit als auch mit Nässe umgehen können. Auch das sagte Verbandspräsident Rukwied. Er fordert eine Lockerung der europäischen Bestimmungen zur Gentechnik, um diese Sorten künstlich erschaffen zu können.

Ob Gentechnik der richtige Weg aus der Klimakatastrophe ist, sei dahingestellt. Fest steht, dass Deutschland sich anpassen muss. Doch letztlich steckt ein Körnchen Wahrheit in der Phantasie von Mitteleuropa als Klimagewinner. Denn immerhin ist die Anpassung möglich. Auf den Fidschi-Inseln siedelt bereits ein Dorf um, weil es von Überschwemmung bedroht ist.

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