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Der neue Neue Markt

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Von: Markus Sievers

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Die Deutsche Börse in Frankfurt.
Die Deutsche Börse in Frankfurt. © dpa

Philipp Rösler (FDP) will die Finanzierung von Start-Ups über die Börse verbessern und denkt deshalb über eine Wiederbelebung des Neuen Marktes nach. Die Firmen hätten heute „gute Substanz“, meint der Wirtschaftsminister.

Seit zehn Jahren liegt der Neue Markt auf dem Friedhof der Finanzbranche – und damit dort, wo er nach Ansicht vieler so genannter Kleinanleger hingehört. Klein waren für sie zu oft nicht die Verluste, sondern ihre Vermögen, vor allem nach den ersten und letzten Aktienkäufen ihres Lebens. Am 5. Juni 2003 schloss die Deutsche Börse das Handelssegment für Wachstumswerte, das zum Synonym für Aktieneuphorie und Hype, Betrug und Kapitalvernichtung geworden war.

Nun soll der Neue Markt wiederbelebt werden. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) strebt nach eigenen Angaben einen neuen Neuen Markt an und führt dazu Gespräche mit der Deutschen Börse und Branchenverbänden. Seinen Vorstoß begründet er mit einem ernsten Anliegen: den Schwierigkeiten von Unternehmen, an Kapital zu kommen, sobald sie die erste Aufbauphase hinter sich gelassen haben.

Deutsche Börse skeptisch

Ziel sei es, die Finanzierung von jungen innovativen Firmen (Start-Ups) zu verbessern, erklärte ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums. Allerdings sind die Pläne nicht weit gediehen. „Wir sind noch sehr am Anfang“, erklärte Rösler selbst.

Zurückhaltend äußerte sich auch die Deutsche Börse. Es gebe mit dem Marktsegment „Entry Standard“ bereits ein Angebot für wachstumsbereite und börsenreife Unternehmen. „Die Transparenzanforderungen sind in diesem Segment mit vertretbarem Aufwand auch für kleinere Unternehmen erfüllbar“, heißt es in der Stellungnahme der Börse.

Bedarf sieht Rösler dennoch. Die Lage sei auch ganz anders als beim ersten Versuch mit dem Neuen Markt. „Wenn man sich die Szene heute ansieht, also unsere digitalen Unternehmen, gerade die jungen Start-Ups, dann weiß man, anders als noch 2000 haben jetzt fast alle Unternehmen durchweg eine gute Substanz“, sagte Rösler der Nachrichtenagentur Reuters. Es lohne sich also, in diese Firmen zu investieren. Dies funktioniere auch in der Gründungsphase. „Aber schon, wenn es in die weitere Wachstumsphase hineingeht, dann braucht man nicht nur Geld, sondern auch mehr Geld.“

Grüne sehen keine Chance

Freilich ist fraglich, ob ein neues Handelssegment wirklich solche Probleme lösen kann. Umgekehrt lässt sich der Aktienhype und die folgende Ernüchterung kaum damit erklären, dass die Börse 1997 einen eigenen Handelsplatz für junge, technologieorientierte Unternehmen geschaffen hatte. Dadurch mag sich die wahnwitzige Hausse verstärkt haben, durch die Internetklitschen plötzlich mehr wert sein sollten als Konzerne wie Daimler oder Siemens. Die eigentlichen Ursachen aber reichen tiefer.

Wer danach sucht, muss sich mit dem naiven Glauben an neue Techniken und den Segen der Kapitalmärkte beschäftigen, mit Gier und dem Herdentrieb bei Anlageentscheidungen. Genauso sollte die Idee für den neuen Neuen Markt nicht überschätzt werden: Es wird die Börsenwelt nicht revolutionieren, wenn bestimmte Firmen in einem Handelssegment zusammen geführt werden.

Die Grünen geben einer Wiederbelebung des Neuen Marktes keine großen Chancen. „Da bin ich relativ skeptisch“, sagte ihr Spitzenkandidat Jürgen Trittin. Heute seien kapitalkräftige Unternehmen wie Google oder Microsoft beherrschend. Ein nostalgisches Zurück zur „Garagenmentalität und Aufbruchmentalität“ sei zweifelhaft.

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