Eine Kombination aus altem Gehäuse und neuer Hardware: das iPhone SE-
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Eine Kombination aus altem Gehäuse und neuer Hardware: das iPhone SE-

Smartphones

Die neue Bescheidenheit

  • Frank-Thomas Wenzel
    vonFrank-Thomas Wenzel
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Smartphone-Verkäufe brechen ein. Die Mobilfunkbranche erlebt gerade den größten Rückschlag ihrer Geschichte.

Das ist ein Überraschungserfolg: Ein technisch veraltetes Smartphone führt die Bestsellerlisten an: das iPhone SE. Ein Gerät, das im April mitten in der Corona-Krise ohne großes Getöse sein Debüt feierte. Innerhalb kurzer Zeit ist es in der Amazon-Liste der meistverkauften Handys von null an auf den ersten Platz hochgeschnellt und hält sich nun dort. Deutlich vor den Konkurrenzprodukten von Samsung und Huawei. Das Apple-Handy überzeugt vor allem durch einen günstigen Preis. Das passt in die Zeit. Denn die Mobilfunkbranche erlebt gerade den größten Rückschlag ihrer Geschichte.

Nach den Berechnungen der Marktforscher der International Data Corporation (IDC) ist der Absatz der Geräte im ersten Quartal um knapp zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahr eingebrochen. Es handele sich um den stärksten Rückgang seit es Handys gebe, so die IDC. Am heftigsten traf es China mit einem Minus von gut 20 Prozent – allein dies würde für eine schwere Erschütterung genügen, denn die Volksrepublik steht für ein Viertel der weltweiten Verkäufe. Aber auch in den USA (minus 16 Prozent) und in Westeuropa (minus 18,3 Prozent) ging es deutlich bergab – obwohl die Pandemie dort noch nicht voll durchgeschlagen hatte.

Zahlen für das zweite Quartal liegen noch nicht vor. Für die IDC-Experten ist aber klar, dass es noch schlimmer kommt. Sie prognostizieren nämlich, dass der Absatz im gesamten ersten Halbjahr weltweit sogar um 18,2 Prozent zurückgegangen ist. Die Krise habe mit Engpässen bei Zulieferern begonnen, erläutert die IDC-Analystin Sangeetika Srivastava. Inzwischen habe es die Branche aber mit einem globalen Problem auf der Nachfrageseite zu tun. Fürs Gesamtjahr wird ein Minus von knapp zwölf Prozent auf 1,2 Milliarden verkaufte Geräte erwartet.

Bei den potenziellen Handy-Käufern macht sich nach Ansicht der US-Marktforscher allenthalben Verunsicherung breit. Die Arbeitslosigkeit steigt in vielen Ländern. Da liegt es nahe, teure Anschaffungen wie ein Smartphone zur Disposition zu stellen – zumal das neue Gerät vielfach nicht unbedingt benötigt wird. Also weiter Twittern, Simsen, Chatten und Telefonieren mit dem alten Handy oder zumindest ein preiswertes neues anschaffen. Wie das iPhone SE. Der Preis wurde kürzlich noch einmal reduziert. Es ist aktuell bei Amazon für 466,90 Euro zu haben und ist damit das günstigste Handy von Apple.

Das Gehäuse stammt vom iPhone 8 (Jahrgang 2017), die elektronischen Innereien sind weitgehend vom iPhone 11, das es seit September 2019 zu kaufen gibt. Damit verfügt es über den aktuellen A13-Prozessor. Käufer können sich also sicher sein, dass sie die nächsten vier, fünf Jahre noch mit Updates für ihr Betriebssystem versorgt werden: Die Nutzer gehen in Krisenzeiten zu günstigen Konditionen auf Nummer sicher.

Das bestätigt auch eine Befragung des US-Markforschungsunternehmens Cirp. Knapp drei Viertel der Käufer hätten zuvor iPhones besessen, die schon drei Jahre oder mehr gefunkt hätten. Drei bis fünf Jahre – das ist mittlerweile die Zeitspanne für den Einsatz der Apple-Handys. Alle paar Jahre bringe der Konzern ein Billiggerät mit aktueller Technik auf den Markt, um Nutzer mit den ältesten iPhones einzusammeln, so Cirp-Partner Mike Levin. Die Pandemie ist für so eine Aktion offenbar bestens geeignet.

Für IDC-Manager Ryan Reith steht indes fest, dass einige Herausforderungen vor allen Handy-Herstellern liegen. Corona werde Verschiebungen in den Verkaufs- und Preisstrategien bringen.

Dabei wollte die Branche nach einer weitgehenden Stagnation in 2019 eigentlich in der zweiten Hälfte 2020 wieder richtig durchstarten. Vor allem mit Geräten für die neue Mobilfunktechnik 5G. So will Samsung am 5. August seine neuen Flaggschiffe vorstellen – das Galaxy Note 20 und das Klapp-Smartphone Galaxy Fold 2. Die Südkoreaner hat es im ersten Quartal unter den großen Herstellern am heftigsten erwischt. Mit 58,3 Millionen verkaufen Geräten mussten sie Einbußen von fast 19 Prozent hinnehmen.

Einige Wochen nach Samsung – vermutlich im September – wird wohl Apple Novitäten präsentieren. Branchenkenner sind sich mittlerweile einig, dass dann gleich vier neue Geräte vorgestellt werden; das größte soll auf eine Bildschirm-Diagonale von 6,7 Zoll (17 Zentimeter) kommen und unter anderem gleich drei Kameras auf der Rückseite haben. Eine soll mit 3D-Technik ausgestattet sein. Aber Apple will offenbar auch auf Bescheidenheit setzen, mit einem „nur“ 5,4 Zoll messenden iPhone, das ohne viel Schnickschnack daher kommen soll, allerdings immer noch mehr als 700 Euro kosten könnte. Ob die Preisvorstellungen aber auch durchsetzbar sind, darf indes bezweifelt werden. IDC-Experte Reith: „Wir glauben, dass sich die aktuelle Lage in aggressiven Preisen für 5G-Smartphones niederschlagen wird. Anbieter die dies geschickt ausnutzen, können ihre Marktanteile steigern.“

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