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Zwei Kinder gucken den Film „Madagascar“ auf Netflix.

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Netflix vor epischer Schlacht

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Der Film- und Serien-Anbieter verliert in den USA erstmals seit 2011 Abonnenten - und die eigentliche Herausforderung kommt erst noch.

Der US-Streamingdienst Netflix ist immer für einen Schocker gut. Nicht nur in den Filmen, die die Nutzer täglich millionenfach abrufen, sondern auch bei den Geschäftszahlen. Erstmals seit 2011 hat der Unterhaltungskonzern Abonnenten im Heimatmarkt verloren. 130 000 weniger waren es in den drei Monaten zwischen Anfang März und Ende Juni. Zwar stieg die Zahl der Nutzer weltweit um 2,7 Millionen auf 151 Millionen. Aber das Management hatte ein Plus von 4,7 Millionen zahlenden Kunden erwartet.

Für Investoren waren diese Zahlen der blanke Horror. Sie trennten sich nicht nur eilig von Netflix-Aktien, sondern auch von zahlreichen weiteren Technologieaktien. Diese Reaktion lässt sich als Kommentar auf die Lage im Streaming-Geschäft lesen. Es ist in den vergangenen vier, fünf Jahren rasant gewachsen. Doch die Goldgräberstimmung hat viele potente Unternehmen angelockt, so dass nun ein Kampf der Giganten ansteht.

Netflix erwartet, dass in den nächsten zwölf Monaten Disney, Apple, Warner, NBC und andere in das Geschäft mit Filmen und Serien auf Abruf einsteigen werden. Der Kampf der Konzerne um die freie Zeit der Konsumenten sei für die Kunden eine tolle Sache, für die Unternehmen werde es hingegen bitter.

Alleine ist Netflix schon jetzt nicht. Amazon, Youtube, Sky und in Europa die Mediatheken zahlreicher privater und öffentlich-rechtlicher TV-Sender machen der globalen Nummer eins im Filmstreaming harte Konkurrenz. Hierzulande liegt Netflix laut Marktforschern mit gut fünf Millionen Abonnenten deutlich hinter Amazon auf Platz zwei der Bezahldienste.

Die jüngsten Geschäftszahlen könne man als Vorschau auf das betrachten, was auf Netflix zukomme, sagte Michael Pachter vom Investmenthaus Wedbush Securities bei Bloomberg-TV. Im nächsten Jahr werde das Unternehmen in mehreren Quartalen Abonnenten verlieren.

Derweil sind die aktuellen Quartalszahlen gar nicht so schlecht. So kletterte der Umsatz um 26 Prozent auf 4,9 Milliarden Dollar. Das würde in anderen Firmen als Riesenerfolg gefeiert. Und es blieb immerhin ein Nettogewinn von 271 Millionen Dollar übrig. Die Investoren richten ihr Augenmerk aber auf die Mechanismen, die der schwachen Entwicklung offensichtlich zugrunde lagen. Netflix erhöhte die Abo-Preise im zweiten Quartal in vielen Ländern. Zugleich kamen nur wenige neue Filme und Serien aus eigener Produktion auf die Online-Plattformen.

Daraus schließen Analysten wie Pachter, dass Netflix zunehmend unter Druck stehen dürfte, viel Geld für selbstgemachte, hochwertige Filme auszugeben, um beim Kampf um Bildschirmzeit vor allem auf dem US-Markt bestehen zu können.

Zwar gibt es Potenziale: Netflix-Strategen gehen davon aus, dass die Zahl der US-Kunden von derzeit 60 Millionen auf bis zu 90 Millionen steigen könnte. Aber Netflix muss sich dafür erst einmal gegen Unternehmen behaupten, die über eine gewaltige Finanzkraft verfügen. Apple etwa hat nach jüngsten Zahlen 225 Milliarden Dollar als verfügbare Mittel auf der hohen Kante. Damit können einige schöne Streifen gedreht und die Wettbewerber in die Ecke gedrängt werden.

Das Management erwartet indes, dass im laufenden Quartal noch einmal sieben Millionen zahlende Kunden hinzukommen werden, weil neue Folgen erfolgreicher Formate ins Angebot kommen oder bereits gekommen sind. Etwa die dritte Staffel der Mystery-Serie „Stranger Things“ oder die neuen Geschichten aus dem Frauen-Knast in „Orange Is the New Black“. Auch die filmische Erzählung über das britische Königshaus wird in „The Crown“ fortgeführt. Und viele Cineasten fiebern „The Irishman“ entgegen. Altmeister Martin Scorsese führt Regie. In den Hauptrollen der Netflix-Produktion sind Al Pacino und Robert De Niro zu sehen.

„Unsere Position ist exzellent“, sagte Vorstandschef Reed Hastings in einer Videokonferenz. Sein Unternehmen baue eine erstaunliche Kapazität an Inhalten auf. Das Produkt sei niemals in einer besseren Verfassung gewesen. Für dieses Jahr verfügen die Filmemacher über ein Budget in Höhe von 15 Milliarden Dollar, die für exklusive Inhalte ausgegeben werden sollen. Die dürften auch dringend gebraucht werden, im anstehenden Kampf um Kunden.

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