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Nestlé Waters ist seit vielen Jahren einer der großen Sponsoren der Tour de France.

Skandal in Frankreich

Nestlés europäisches Watergate

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Der Schweizer Lebensmittelkonzern Nestlé soll für die langsame Austrockung der Wasserquellen in Vittel verantwortlich sein.

Das stille Wasser „Vittel“ kommt aus Vittel, einem kleinen Ort in Ostfrankreich. Der Lebensmittelmulti Nestlé fördert dort pro Jahr 2,5 Milliarden Liter Quellwasser, um es unter anderem für den Export in deutsche Supermärkte abzufüllen. Es ist ein höchst profitables Geschäft für das Unternehmen, und jahrzehntelang war es auch eines mit geringem Aufregerpotenzial. Doch plötzlich gibt es Ärger – die Rede ist von Nestlés europäischem „Watergate“.

Die Bürger in der Vogesen-Gemeinde sind sauer. Eigentlich handelt es sich um eine wasserreiche Gegend, doch die Grundwasserreserven schwinden – besonders im Sommer ist die Lage prekär. Die Einwohner des 5000-Seelen-Ortes und die Landwirte im Umkreis werden aufgerufen, sparsam mit Wasser umzugehen, während Nestlé sein Wassergeschäft ungehindert weiterbetreiben kann. Das Muster erscheint bekannt. Wiederholt sich hier mitten in Europa das, weswegen der Schweizer Multi ein schlechtes Image besonders in Entwicklungsländern wie Pakistan und Äthiopien hat? Privatisierte Gewinne mit einem öffentlichen Gut, sozialisierte Schäden in Form von sinkendem Grundwasserspiegel?

Nestlé verkauft weltweit Wasser in Plastikflaschen. Es sind bekannte Marken, neben Vittel zum Beispiel Contrex, Perrier oder Pure Life, und es ist ein Milliardenmarkt, den auch Konkurrenten wie Coca Cola (Vio) und Danone (Volvic, Hayat) bedienen – vor allem in Entwicklungsländern, wo die öffentliche Trinkwasserversorgung oft so marode ist, dass man das Wasser allenfalls abgekocht trinken kann. Doch auch in den Industrieländern wächst der Durst auf Flaschenwasser, auch in Deutschland. Im vorigen Jahr hat die Bundesrepublik rund 1,2 Milliarden Liter abgepacktes Wasser importiert, davon einen Großteil aus Frankreich, umgerechnet 90 000 Lkw-Ladungen.

Vittel ist eine der Hauptquellen dafür. Nestlé gewinnt hier Wasser aus drei Grundwasserleitern, und an einer davon, „Bonne Source“ (Gute Quelle) genannt, drohen langfristig – bis 2050 – mehrere Bohrstellen auszutrocknen, weil mehr Wasser abgepumpt wird als sich durch Regenzulauf neu bildet. „Es besteht daher dringender Handlungsbedarf“, räumt Nestlé ein.

Allerdings verweist der Konzern darauf, selbst nur für rund 28 Prozent der abgepumpten Menge verantwortlich zu sein, weitere 20 Prozent verbrauche ein bei Vittel ansässiger Käseproduzent und 40 Prozent gingen ins öffentliche Wassernetz. Der Konzern gibt an, die entnommene Wassermenge in den vergangenen zehn Jahren bereits um ein Viertel auf 750 Millionen Liter jährlich abgesenkt zu haben, etwa, indem er weniger Wasser für interne Prozesse in der Abfüllanlage benutzt.

Das allerdings reicht nicht, um „Bonne Source“ langfristig zu erhalten. Deswegen soll nun eine örtlichen Wasser-Kommission unter anderem über den Bau einer Pipeline beschließen, mit der Quellwasser aus der Nachbarschaft herangeschafft werden soll. In dem Gremium sitzen über 40 Mitglieder, darunter neben Nestlé die betroffenen Kommunen sowie Bauern- und Umweltverbände.

„Nestlé hat hier nur eine Stimme“, betont Unternehmenssprecher Achim Drewes gegenüber der FR. Man werde für die Lösung stimmen, „die den Erhalt der natürlichen Ressource Wasser und deren Schutz langfristig sichert“, und sich an der Finanzierung beteiligen. Ein Manager des Konzerns sicherte jüngst bei einem Besuch in Vittel zu, der französische Steuerzahler werde auf keinen Fall für die Pipeline zahlen. Die Aussicht, dafür aufkommen zu müssen, hatte in der Gemeinde für viel Ärger gesorgt.

Eine Art Modell für die anderen Quellen

Überhaupt stellt Nestlé seinen Umgang mit den Vittel-Quellen als vorbildlich dar. Man engagiere sich seit über 25 Jahren für eine nachhaltige Wasserwirtschaft in der Region. „Agrivair“ heißt das Modellprojekt, in dem 20 Umweltprojekte zusammen mit Kommunen, Landwirten und Umweltgruppen durchgeführt werden. So verwenden 30 Bauern in der Region zwecks Grundwasserschutz keine chemischen Pestizide mehr und keinen oder nur wenig Mineraldünger, wofür sie von Nestlé finanzielle Zuschüsse bekommen. Seit der Umstellung habe sich die Biodiversität in der Region deutlich verbessert, so Drewes.

Der Nestlé-Standort Vittel sei sogar eine Art Modell für die anderen Quellen im Konzern, sagt er. Die in Frankreich ansässige Sparte Nestlé Waters betreibt 92 Fabriken in 34 Ländern, und alle sollen laut einem aktuellen Beschluss der Unternehmensspitze bis 2025 nach dem unabhängigen Nachhaltigkeitssiegel „Alliance for Water Stewardship“ (AWS) zertifiziert werden, das unter anderem von der Umweltstiftung WWF entwickelt wurde. Vorgeschrieben sind hier unter anderem eine gute Wasserqualität, eine ausgeglichene Wasserbilanz von Entnahme und Neubildung, eine chemiefreie Landwirtschaft und eine verbesserte Zusammenarbeit mit den Interessengruppen vor Ort. Vittel soll die AWS-Zertifizierung 2019 bekommen.

Ob Nestlé damit sein „Watergate“-Image wegbekommt? „AWS bringt nicht automatisch die heile Welt, aber es ist ein gutes Instrument, um gemeinsam Lösungen zu finden“, meint Sprecher Drewes. Die Hoffnung allerdings, damit Umweltgruppen zu überzeugen, dass das massenhafte Verkaufen von Wasser in Plastikflaschen eine gute Sache ist – die hat er nicht.

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