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„Natur und Mensch - beide müssen profitieren“

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Von: Tobias Schwab

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Nachhaltiger Fischfang: Das GIZ-Projekt Terra Mar will die Artenvielfalt der Küste Brasiliens bewahren.
Nachhaltiger Fischfang: Das GIZ-Projekt Terra Mar will die Artenvielfalt der Küste Brasiliens bewahren. © GIZ

GIZ-Vorständin Ingrid-Gabriela Hoven spricht im Interview über den Schutz der Biodiversität, die Hilfe für Entwicklungsländer und die Verantwortung der Wirtschaft.

Der Wald als artenreicher Lebensraum hat es Ingrid-Gabriela Hoven schon früh angetan. Bis in die frühe Kindheit reichen Erinnerungen an ausgedehnte Spaziergänge zurück, auf denen es viel zu entdecken gab. Der Schutz dieser überlebenswichtigen Ressource und anderer wichtiger Naturschätze war Hoven dann auch in ihren verschiedensten beruflichen Funktionen der internationalen Zusammenarbeit ein zentrales Anliegen. Von der UN-Biodiversitätskonferenz in Montreal Anfang Dezember erhofft sich die GIZ-Vorständin einen Durchbruch für den globalen Artenschutz.

Frau Hoven, warum sollte uns das Schicksal von Chathamschaben, Feuersalamandern oder Afrikanischen Waldelefanten nicht gleichgültig sein?

Die Vielfalt von Arten, Ökosystemen und Lebensräumen ist unsere Lebensgrundlage. Und durch die Covid-19-Pandemie dürfte uns allen noch einmal bewusster geworden sein, dass wir Menschen von intakten Ökosystemen abhängig sind. Darauf basiert auch der One-Health-Ansatz: Die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt hängt eng miteinander zusammen. Wir brauchen gesunde Ökosysteme auch, um den Klimawandel einzudämmen und die globale Ernährung zu sichern.

Wie dramatisch ist der Verlust an Artenvielfalt?

Die Zahlen des Weltbiodiversitätsrates zeigen, dass wir auf einem sehr gefährlichen Pfad sind. Um nur eine Zahl zu nennen: Jeden Tag gehen 150 Tier- und Pflanzenarten verloren. Nehmen wir beispielhaft die Korallenriffe, von denen schon die Hälfte weltweit abgestorben ist, oder die ebenfalls stark bedrohten Mangrovenwälder, beide sind Paradiese der Artenvielfalt.

Welche Folgen hat das?

Wenn Riffe und Mangroven verschwinden, dann bedroht das zum Beispiel die Existenz vieler Kleinfischer:innen, zerstört ihre Nahrungs- und Einkommensquelle. Es hat auch Folgen für den Schutz von Uferzonen. Küstengebiete mit vorgelagerten Korallenriffen und intakten Mangrovenwäldern halten Riesenwellen besser stand. Sie schützen die Menschen effektiv vor Überschwemmungen und Stürmen.

Über den Klimawandel reden alle, viele haben ihren persönlichen CO2-Fußabdruck schon einmal errechnet. Warum ist das Artensterben dagegen so wenig im kollektiven Bewusstsein verankert?

Biodiversität ist komplex. Es gibt nicht diesen einen Indikator wie das CO2, der die Entwicklung plastisch zum Ausdruck bringt. Bislang ist es nicht gelungen, eine so greifbare Messgröße zu schaffen, die die Gesamtheit der Zerstörung von Ökosystemen abbildet. Und wir verfügen auch noch nicht über die weltweiten, standardisierten Monitoring-Systeme, wie es sie zur Erfassung der Erderwärmung gibt.

Woran liegt das?

Das ist nicht nur eine Frage der finanziellen Mittel. Drei Viertel des globalen Artenreichtums liegen in den Regionen des Globalen Südens und viele Entwicklungsländer haben den Schutz der Biodiversität vor allem als Forderung an sie verstanden. Einige empfinden das als Einschränkung ihrer Souveränität, die in ihren Ländern vorhandene Biodiversität nicht nach ihren eigenen Vorstellungen wirtschaftlich nutzen zu können.

Wie schätzen Sie die Chance ein, im Dezember bei der UN-Biodiversitätskonferenz einen globalen Vertrag für den Schutz der Artenvielfalt zu erreichen?

Ich erhoffe mir ein klares, verbindliches Rahmenwerk mit der Zielgröße, bis 2030 wenigstens 30 Prozent der Erde – jeweils terrestrische und maritime Zonen – unter Schutz zu stellen. Das wäre ambitioniert, denn 2030 liegt ja quasi um die Ecke. Zu erreichen sein wird das aber nur, wenn die Entwicklungsländer Unterstützung erhalten, finanziell, aber auch beim Aufbau ihrer Kapazitäten, um etwa den Schutz der Ökosysteme in der Politik verankern zu können. Nur dann wird Biodiversität nachhaltig geschützt.

Der Finanzbedarf ist riesig ...

Ja – und die Lücke ist noch sehr groß. Es geht bei der Ausweisung von Schutzgebieten nicht nur um laufende Kosten, sondern auch darum, dass die lokale Bevölkerung und die Privatwirtschaft mitgenommen werden, damit sie den Schutz der natürlichen Ressourcen und ihre Nutzung klug und innovativ miteinander verbinden können. Die Interessen der Entwicklungsländer sind für den Prozess von großer Bedeutung. Um das Artensterben zu stoppen, brauchen wir global ein starkes Commitment, dazu gehört auch, den Schutz der Biodiversität beherzt zu finanzieren.

Wie steht es da um das Engagement Deutschlands?

Die jüngste Ankündigung von Bundeskanzler Olaf Scholz, den deutschen Beitrag zum internationalen Naturschutz bis 2025 auf 1,5 Milliarden Euro jährlich zu verdoppeln, ist ein starkes Signal im Vorfeld der UN-Konferenz in Montreal und hoffentlich ein Impuls für viele andere Länder, ähnliche Zusagen zu machen. Deutschland gehört beim Schutz der globalen Biodiversität traditionell zu den Vorreitern. Die GIZ hat dazu rund 100 Projekte in ihrem Portfolio, die wir für die Bundesregierung umsetzen. Wir sind zum Beispiel im Meeresschutz stark engagiert und haben allein im vergangenen Jahr Programme im Wert von knapp 260 Millionen Euro mit Biodiversitätsbezug aufgelegt.

GIZ-Vorstandsmitglied Ingrid-Gabriela Hoven.
Ingrid-Gabriela Hoven, GIZ Vorstand. © Gaby Gerster

Zur Person

Ingrid-Gabriela Hoven , Jahrgang 1960, ist seit Oktober 2020 Vorständin der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Die studierte Volkswirtschaftlerin und Politologin ist ausgewiesene Expertin auf dem Gebiet Entwicklungszusammenarbeit.

Im Bundesentwicklungsministerium (BMZ) verantwortete sie von 2004 an unter anderem die bilaterale Kooperation mit Asien und Lateinamerika.

Seit 2014 leitete Hoven die Abteilung „Globale Zukunftsaufgaben“ des BMZ mit den Schwerpunkten Flucht und Migration, Governance, Klimaschutz und Nachhaltigkeit.

In der Weltbankgruppe vertrat sie Deutschland von 2010 bis 2014 als Exekutivdirektorin. Hoven machte sich dabei für die Verankerung von Klima- und Nachhaltigkeitszielen im Reformkurs der Weltbank stark. tos Bild: GIz

Welche Rolle spielt Artenschutz in der Entwicklungszusammenarbeit?

Das ist von zentraler Bedeutung, weil sich in den Ländern des Globalen Südens fast 80 Prozent der weltweiten biologischen Vielfalt und damit auch ein Großteil der genetischen Ressourcen befinden. Und die Bevölkerung dort ist unmittelbar vom Schwund an Arten und geschädigten Ökosystemen betroffen. Es gefährdet ihre Existenzen und das Überleben, wenn deshalb beispielsweise die Erträge in der Landwirtschaft und Fischerei sinken oder die Einnahmen aus dem Tourismus zurückgehen.

Ist es nicht ein Konflikt, die Menschen davon zu überzeugen, Ressourcen zu schonen, von deren Nutzung sie leben?

Nur wenn Natur und Menschen gleichermaßen profitieren, sind Schutzkonzepte langfristig erfolgreich. Wir verfolgen deshalb einen Triple-win-Ansatz: intakte Ökosysteme, Jobs für die Menschen vor Ort und gesunde Produkte. Es geht darum, ökologische Ziele mit sozio-ökonomischen zu verbinden.

Können Sie uns ein Beispiel geben?

Mit dem Projekt Terra Mar sind wir im Auftrag des Bundesumweltministeriums an der Küste im Nordosten Brasiliens aktiv. Wir schulen Manager:innen von 15 Küsten- und Meeresschutzgebieten im Monitoring von Biodiversität. Die GIZ stellt dazu eine eigens entwickelte App zur Verfügung. Die lokalen Fischerinnen und Fischer dokumentieren anonymisiert ihren Fang oder geben ihre Daten an das Personal der Schutzgebiete zur Prüfung und Erfassung weiter. Und die Behörden bekommen so einen Überblick darüber, welche Fischarten wo in welchem Maße gefischt werden, und wie gesund der Bestand ist.

Und was haben die Fischerinnen und Fischer davon?

Aufgrund der Informationen wurden mittlerweile für drei Schutzgebiete ein lokaler Fischereimanagement-Plan erstellt und Umweltzonen eingerichtet. Die Menschen wissen dadurch, wer in welchem Gebiet maximal wie viel von welcher Fischsorte fangen darf. Rund 3900 Familien in den drei Zonen profitieren davon. Sie haben sicherere Fischbestände und können damit ihre Lebensgrundlage und ihr Einkommen langfristig erhalten oder sogar verbessern. Ähnliche Ansätze verfolgen wir beispielsweise auch beim Schutz von Wäldern in Bolivien oder von Mangroven in Vietnam. Es geht immer darum, die lokale Bevölkerung zu beteiligen und ihnen auch einen Gewinn zu verschaffen.

Es reicht nicht, nur immer weitere Schutzgebiete auszuweisen, wir brauchen auch biodiversitätsfreundliche Lieferketten. Wie steht es da um das Engagement der Unternehmen?

Der Beitrag der Wirtschaft ist von zentraler Bedeutung. Wir wissen, dass sieben Agrarprodukte Haupttreiber des Artensterbens sind. Die Produktion von Soja, Palmöl, Kautschuk, Kaffee, Kakao, Holzfasern und Fleisch hat in den vergangenen zwei Dekaden massiv Wald vernichtet. Wir müssen die Methoden der Bewirtschaftung und auch unsere Konsummuster konsequent verändern. Freiwillige Initiativen allein reichen da nicht aus. Es ist gut, dass das deutsche Lieferkettengesetz und die geplante EU-Richtlinie über die Nachhaltigkeitspflichten von Unternehmen alle Akteure in die Verantwortung nehmen.

Die GIZ kooperiert auch mit Firmen, die sich auf den Weg der Transformation ihrer Geschäftsmodelle begeben?

Im Auftrag des Bundesentwicklungsministeriums unterstützen wir Unternehmen dabei, nachhaltige, entwaldungsfreie Lieferketten aufzubauen, vor allem in den drei großen Tropenwaldregionen. Auf Borneo arbeiten wir beispielsweise mit dem Reifenhersteller Continental zusammen.

Welche Wirkung hat das Projekt?

Bislang wurden rund 2000 Kleinbäuer:innen im biodiversitätsfreundlichen Anbau von Kautschuk geschult, etwa wie die Bäume angeschnitten werden müssen, wie sie Pflanzenkrankheiten erkennen und was Kriterien für soziale und ökologische Nachhaltigkeit sind. Da sie dann qualitativ hochwertigeren Kautschuk produzieren können, erzielen sie auf dem Markt höhere Preise. Das wiederum reduziert den Druck, weitere Gebiete zu entwalden. Jeder der kleinbäuerlichen Betriebe wurde mit GPS-Daten in ein digitales System zur Rückverfolgbarkeit aufgenommen. Das verhindert, dass Continental Ware bezieht, die statt aus den vorgesehenen Parzellen aus einem geschützten Waldgebiet oder aus illegal gerodeten Arealen stammt.

Wie können Verbraucherinnen und Verbraucher beim Einkauf auf den Artenschutz achten?

Es gibt mittlerweile eine Reihe von Zertifizierungen und Labels, auf die man schauen kann. Auch wenn es nicht ganz einfach ist, bei der Vielzahl der Siegel den Überblick zu behalten. Orientierung kann da die Webseite siegelklarheit.de geben, die die GIZ im Auftrag des Bundesentwicklungsministeriums konzipiert hat. Dort kann man sich gezielt über die Art und Qualität von Siegeln informieren.

Die britische Kunsthistorikerin Caroline Good Markides fordert eine Revolution im Artenschutz. Sie schlägt eine Copyright-Gebühr vor, die fällig wird, wenn Menschen beispielsweise Leoparden-Muster auf Kleidungsstücke drucken. Eine gute Idee?

Lassen Sie mich noch einmal die Dimension der Herausforderung benennen: Der Financing Nature Report der Umweltorganisation The Nature Conservancy beziffert die Finanzierungslücke für den Schutz der weltweiten Biodiversität auf rund 700 Milliarden Euro jährlich. Die Mittel können nicht allein durch öffentliche Haushalte aufgebracht werden. Wir brauchen dafür langfristig angelegte Finanzierungssysteme. Kreative Ansätze wie eine Copyright-Gebühr für Wildtier-Optiken auf Konsumgütern sind da mehr als willkommen.

Interview: Tobias Schwab

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