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Das Projekt Textilbündnis soll in Kambodscha starten. Ziel ist, die Einkommenssituation der Näherinnen und Näher zu verbessern.

Textilbündnis

Kaum Engagement für existenzsichernde Löhne

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Näherinnen in Kambodscha sollen fair bezahlt werden. Doch im Textilbündnis ziehen viele Firmen nicht mit.

Es ist das Projekt von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU): Das Textilbündnis, 2014 als Reaktion auf verheerende Unfälle in Fabriken in Bangladesch und Pakistan initiiert, soll die Arbeitsbedingungen in Zulieferbetrieben deutscher Modehändler verbessern und für menschenwürdige Beschäftigung sorgen. Rund 80 Unternehmen haben sich der freiwilligen Initiative mittlerweile angeschlossen - doch es geht nur schleppend voran auf dem Weg hin zu ökologisch und sozial fair produzierter und gehandelter Kleidung. 

Müller ist deshalb jetzt der Geduldsfaden gerissen. Wie am Montag bekannt wurde, soll ein „Wertschöpfungsketten-Gesetz“ die Firmen verpflichten, Menschenrechtsstandards einzuhalten. Ein Entwurf wurde im Ministerium bereits erarbeitet. Denn freiwillig sind die meisten Unternehmen nicht bereit, ihre Verantwortung wahrzunehmen. 

Das zeigt sich aktuell an einer Initiative des Textilbündnisses (TB), mit der existenzsichernde Löhne erreicht werden sollen. Das Projekt soll in Kambodscha starten. Ziel ist es, mit einem koordinierten Vorgehen die Einkommenssituation der Näherinnen und Näher zu verbessern. Damit wollte das Bündnis in diesem Jahr so richtig durchstarten. Bis Mitte Februar sollten die Mitgliedsunternehmen sich zur Mitarbeit verpflichten. Doch bislang liegt dazu offenbar keine Zusage vor. 

Im TB-Sekretariat gibt man sich angesichts des zähen Prozesses zugeknöpft und teilte auf Anfrage lediglich mit, „aufgrund der Komplexität des hier verfolgten umfassenden Ansatzes können wir noch keine Ergebnisse kommunizieren“.

Etwas „systematisch verändern“

Die zivilgesellschaftlichen Vertreter im Steuerungskreis des Bündnisses sind jedenfalls stinksauer. Nur das „verbale Commitment der Firmen ist groß“, sagt Berndt Hinzmann vom Inkota-Netzwerk. „Dabei müssten die Unternehmen jetzt Flagge zeigen. Die sind jetzt am Zug.“ Auch Sabine Ferenschild vom Südwind-Institut zeigt sich frustriert. „Die Wirtschaft ist viel zu passiv“, kritisiert die Textilexpertin. 

Wie es gehen kann, zeigt die internationale Initiative Action, Collaboration, Transformation (ACT), zu der sich mittlerweile 21 Modeunternehmen mit dem globalen Gewerkschaftsverbund IndustriALL zusammengeschlossen haben – darunter Firmen wie Tchibo, C & A, H & M und Inditex. ACT will existenzsichernde Löhne in den Lieferländern erreichen und damit ebenfalls in Kambodscha beginnen. Die Beschäftigten in den Zulieferbetrieben und ihre Familien sollen von ihren Verdiensten gut leben können – auch ohne Überstunden. 

ACT-Geschäftsführer Frank Hoffer spricht von einem „radikal neuen und ambitionierten Ansatz“. Denn erstmals versuche eine größere Gruppe von konkurrierenden Unternehmen gemeinsam, etwas „systematisch zu verändern“. Erreichen will ACT das über einen Flächentarifvertrag, den Arbeitgeber und Gewerkschaften in dem südostasiatischen Land aushandeln sollen. Ein Prozess, auf den sich alle Beteiligten sowie die Regierung in Phnom Penh mittlerweile eingelassen haben. Auch wenn noch eine Menge Fragen zu klären sind, wie Hoffer berichtet, der zuvor 20 Jahre lang für die International Labour Organization (ILO) tätig war.

Kambodscha hat den Mindestlohn für Textilbeschäftigte in den vergangenen fünf Jahren zwar von 60 auf mittlerweile 182 Dollar angehoben. Doch von einem existenzsichernden Einkommen kann deshalb noch lange nicht die Rede sein. Eine expansive Tarifpolitik soll diesem Ziel nun schrittweise näher kommen. Noch im Laufe des ersten Halbjahres könnte ein erster Abschluss auf dem Tisch liegen.

Die ACT-Mitgliedsunternehmen haben den Prozess für einen Flächentarifvertrag mit einer verbindlichen Zusage unterstützt: Bis mindestens 2022 wollten sie in Kambodscha ordern, auch wenn die Löhne kräftig stiegen, erläutert ACT-Geschäftsführer Hoffer. Sollten ihre Bestellmengen global wachsen, wollen sie auch in Kambodscha zulegen. Schrumpfen ihre weltweiten Orders, soll das Land weniger betroffen sein. Die Karawane, so die Idee, soll nicht wie bislang einfach ins nächste Billiglohnland weiterziehen, wenn die Produktionskosten steigen.

Eine Frage von Fairness und Vernunft

Für Achim Lohrie, Direktor für soziale Unternehmensverantwortung bei Tchibo, ist die Beteiligung an ACT eine Frage der Fairness und der Vernunft. „Wir sollten keinen Wettbewerb mehr auf Kosten der Beschäftigten machen“, sagt Lohrie. Mehr als drei Jahrzehnte lang habe man im Konkurrenzkampf die „Flexibilität“ vor allem bei den Arbeitskosten gesehen. „Das hat dann zu einer Abwärtsspirale geführt. „Damit muss jetzt mal Schluss sein.“ 

Die Arbeitskosten wollen die ACT-Mitgliedsunternehmen deshalb künftig aus dem Wettbewerb herausnehmen. Sie sollen nicht mehr wegverhandelt werden. „Wir werden die unverändert in unsere Einkaufspreise übernehmen.“ Lohrie rechnet mit erheblichen Steigerungen bei den Verdiensten, die ein Leben in Würde ermöglichen sollen. Im Durchschnitt könne der bisherige Mindestlohn um den Faktor drei bis vier wachsen.

Funktionieren kann das Lohnprojekt Kambodscha aber nur, wenn genügend Textilfirmen mitziehen – sonst käme es zu einer Wettbewerbsverzerrung. Das ist auch die Sorge der kambodschanischen Arbeitgeber. Denn alle müssten sich an einen Flächentarifvertrag halten – auch die Firmen, deren Kunden sich nicht wie die ACT-Mitglieder verpflichten. 

Bislang stehen die ACT-Unternehmen nach Aussagen von Geschäftsführer Hoffer immerhin schon für rund 50 Prozent der Nachfrage nach Textilien aus Kambodscha. Aber es sollen noch mehr werden. „Wir werben unablässig, um weitere Brands zu gewinnen“, sagt Lohrie. 

Das ist auch das Ziel der strategischen Kooperation, die das Textilbündnis nun mit ACT eingegangen ist. Der Appell an die Mitglieder, sich dem Kambodscha-Projekt mit konkreten Zusagen anzuschließen, verhallt nun aber offenbar ungehört. Adidas blieb jedenfalls eine Antwort auf die FR-Nachfrage nach einer Beteiligung schuldig und teilte lediglich mit: „Entsprechend unserer Arbeitsplatzstandards erwarten wir von unseren Zulieferern, das Recht ihrer Arbeitnehmer anzuerkennen und zu respektieren, Vereinigungen nach eigener Wahl beizutreten sowie an Tarifverhandlungen teilzunehmen.“ 

Der Textildiscounter KIK hält den Ansatz von ACT zwar grundsätzlich für sinnvoll. Die Durchsetzung von höheren Löhnen durch Flächentarifverträge könne „jedoch nur erfolgreich sein, wenn so viele Unternehmen wie möglich die Ergebnisse mittragen“, schreibt KIK auf FR-Anfrage. „Dies gilt es abzuwarten“, schließt die Erklärung der Bekleidungskette. Von einer eigenen Beteiligung an der Bündnisinitiative Kambodscha ist allerdings keine Rede. 

„Die Beteiligung von Unternehmen wie Adidas, Puma und Lidl wäre besonders wichtig“, betont Sabine Ferenschild vom Südwind-Institut. „Denn diese Firmen sind für einen wesentlichen Anteil der Bekleidungsexporte aus Kambodscha verantwortlich.“ 

Tchibo-Nachhaltigkeitschef Lohrie hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben und baut darauf, dass sich Firmen noch anschließen, wenn der erste Flächentarifvertrag für Kambodscha bald vorliegt. „Dann haben die Einkäufer etwas in der Hand und können das durchrechnen.“ 

Einen scharfen Wettbewerb werde es im Textilhandel auch künftig geben, betont Lohrie. Unternehmen müssten dann eben in der Logistik oder im Marketing smarter sein, „aber nicht mehr beim Drücken der Arbeitskosten“.

Es hängt viel daran, dass das Projekt Kambodscha gelingt. Denn der Prozess dort soll als Blaupause für weitere Länder dienen. ACT ist schon in Verhandlungen mit Myanmar, der Türkei. Bangladesch und Vietnam.

Vortragsreihe

„Gute Arbeit weltweit“ – unter diesem Motto steht anlässlich des Jubiläums 100 Jahre Internationale Arbeitsorganisation (ILO) eine vierteilige Vortragsreihe in Frankfurt. Veranstalter sind das „Haus am Dom“ und das „Entwicklungspolitische Netzwerk Hessen“.

In der Einladung heißt es: „Armutslöhne, fehlende Gewerkschaftsfreiheit, Kinderarbeit – die Liste der Arbeitsrechtsverletzungen weltweit ist lang. Wer sich für bessere Arbeitsbedingungen in globalen Wertschöpfungsketten einsetzt, bezieht sich meist auf die ILO. Deren Kernarbeitsnormen gelten als Menschenrechte.“

Das ILO-Jubiläum ist Anlass, die Themen informelle Arbeit, prekäre Beschäftigung, existenzsichernde Löhne, Digitalisierung und Gewerkschaftsfreiheit zu untersuchen. Der erste Vortrag beschäftigt sich an diesem Mittwoch mit der Frage: „Wie schafft die ILO gute Arbeit auch im digitalen Kapitalismus?“ Zu Gast sind im „Haus am Dom“ Prof. Christoph Scherer und David O’Connell (Uni Kassel). Beginn: 19 Uhr. 

Infos unter: https://hausamdom-frankfurt.de/

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