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Textilfabrik in Bangladesch - als vor der Coronakrise noch Arbeit war. Bild: rtr

Modebranche

Näherinnen in Not

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Modenschauen abgesagt, Läden geschlossen: Die Textilbranche steht unter enormem Druck – und gibt ihn gnadenlos an die Schwächsten in der Lieferkette weiter.

Die Laufstege der Fashion Weeks bleiben im Frühjahr und Sommer leer: Paris wurde abgesagt, Mailand verschoben. Die Corona-Krise trifft auch die Modebranche hart. Die Umsätze des Handels in den Einkaufsstraßen und Shopping-Centern sind hierzulande im März gegenüber dem Vorjahresmonat um 60 Prozent eingebrochen, wie das Fachmagazin „Textilwirtschaft“ am Mittwoch nach einer Branchenumfrage berichtete.

Erste Unternehmen sind schon schwer in Not. Esprit zum Beispiel hat ein Schutzschirmverfahren für mehrere deutsche Tochtergesellschaften beantragt, um die Modekette in den nächsten Monaten vor Forderungen der Gläubiger zu schützen. Auch der Warenhauskonzern Galeria-Kaufhof, der mit Textilien eigentlich einen Großteil seines Umsatzes erzielt, kämpft ums Überleben und hat sich unter den Schutzschirm geflüchtet.

Am Beginn der Lieferketten sind die Folgend verheerend

Und H&M-Konzernchefin Helena Helmersson warnt angesichts des massiven Einbruchs der weltweiten Erlöse vor Konsequenzen für mehrere Zehntausende Beschäftigte. „Die Situation, in der wir uns wiederfinden, ist mit nichts zu vergleichen, was wir zuvor erlebt haben“, sagte Helmersson am vergangenen Freitag bei der Vorstellung der Quartalszahlen.

Ganz am Beginn der globalen textilen Lieferkette sind die Folgen noch viel verheerender. Denn der Druck, unter dem sich viele Labels und Händler sehen, wird offenbar gnadenlos weitergegeben. Aufträge bei Zulieferern in Bangladesch, Pakistan oder Indien werden einfach storniert, bereits fertiggestellte Ware oft nicht mehr abgenommen. Produzenten melden, dass die Auftraggeber ihre Order nicht bezahlen, wie der indische Textil-Exportverband AEPC berichtet.

Für die Näherinnen und Näher in den Fabriken ist das ein Desaster. Hinzu kommt, dass die Bestellungen für die Kollektionen der nächsten Saison komplett ausfallen könnten. Vor Ort verbinde sich das „wachsende Risiko einer Covid-19-Infektion bei schlechter Gesundheitsversorgung mit extremer wirtschaftlicher Not durch fehlenden Lohn“, schlagen die zivilgesellschaftlichen Akteure im deutschen Bündnis für nachhaltige Textilien Alarm.

Indiens Wanderarbeiter sind in besonderer Not

nothilfe

Die Corona-Krisehat in Indien vor allem für Kinder aus armen Familien unmittelbare Folgen. Weil Kindertagesstätten und Schulen wegen des landesweiten Lockdown geschlossen bleiben, erhalten die Mädchen und Jungen kein kostenloses Mittagessen mehr. Viele Familien seien darauf angewiesen, berichtet Barbara Küppers von Terre des Hommes (TDH). Gemeinsam mit sechs anderen Kinderhilfswerken wie World Vision und Plan International hat Terre des Hommes deshalb jetzt an Ministerpräsident Narendra Modi appelliert, die Einrichtungen zumindest für kostenlose Speisung offen zu halten.

Im BundesstaatTamil Nadu hat Terre des Hommes in Gemeinde- und Ausbildungszentren schnell auf die staatlich verordnete Maskenpflicht in der Öffentlichkeit reagiert. Schülerinnen, die dort eine Lehre absolvieren, nähen jetzt Gesichtsmasken. Viele der Mädchen wurden zuvor in Baumwollspinnereien wie Sklavinnen gehalten und von Partnerorganisationen von Terre des Hommes aus den Fabriken befreit. tos

Das trifft Millionen von Heimarbeiterinnen in der pakistanischen Provinz Punjab, die nun ohne Beschäftigung sind, ebenso wie mehr als eine Million Textilbeschäftigte, die in Bangladesch bereits ihren Fabrikjob verloren haben. In besonderer Not sind in Indien Wanderarbeiter, die nach Beginn des nur mit wenigen Stunden Vorlauf angekündigten Lockdowns am 23. März nicht wissen, wie sie zurück in ihre Heimatdörfer kommen. Tausende seien noch zu Fuß unterwegs, berichten nationale Medien.

Die indische Menschenrechtsorganisation Jan Sahas, mit der das Hilfswerk Terre des Hommes kooperiert, rechnet denn auch mit einem dramatischen Anstieg der Schuldknechtschaft. Weil viele Menschen sich nun Geld leihen müssten, um Lebensmittel zu kaufen, so Jan Sahas. Im Gegenzug verpfändeten sie den Gläubigern dann ihre oder die Arbeitskraft ihrer Kinder – ein Zwangsverhältnis, aus dem sich viele nur schwer wieder befreien können.

„Arbeiterinnen und Arbeiter stehen vor dem Nichts“

In dieser verzweifelten Lage befindet sich auch die Inderin Tangeshwari, Mutter von zwei kleinen Kindern, die im südlichen Bundesstaat Tamil Nadu sieben Jahre lang in einer Baumwollspinnerei beschäftigt war. Wie ihr Mann steht sie nun auf Straße. „Wir haben kein Geld mehr“, sagt Tangeshwari, deren Nachname nicht genannt werden soll. Bis zur Ausgangssperre habe sie gearbeitet. „Aber die Fabrik zahlt uns den Lohn dafür nicht aus. Ich weiß nicht, ob wir jemals wieder Arbeit bekommen.“ Tangeshwari, Anfang 20, weiß nicht, wie sie jetzt die Familie durchbringen soll. „Wir haben nichts mehr zu essen. Was soll ich meinen Kindern morgen geben?“

„Alles, was vor der Corona-Krise schon schwierig war, wächst sich jetzt zu einer Katastrophe für die Schwächsten in der Lieferkette aus: Arbeiterinnen und Arbeiter stehen vor dem Nichts“, stellt Barbara Küppers von Terre des Hommes fest. Um die ärgste Not zu lindern, hat das Hilfswerk mit Partnern in Tamil Nadu begonnen, Lebensmittel an gestrandete Arbeiterinnen zu verteilen, und macht sich bei den regionalen Behörden dafür stark, Lebensmittelkarten auszugeben.

Bei allem Verständnis für die aktuellen, coronabedingten wirtschaftlichen Probleme hiesiger Unternehmen sieht Sabine Ferenschild vom Südwind-Institut für Ökonomie und Ökumene aber auch den Textilhandel in der Verantwortung für die Zulieferer und ihre Beschäftigten. „Das ist jetzt der Test- und Ernstfall für die unternehmerischen Sorgfaltspflichten und nachhaltiges Wirtschaften“, sagt Ferenschild, die die Zivilgesellschaft im Steuerungskreis des Textilbündnisses vertritt. Bereits produzierte Ware müsse bezahlt werden, auch für schon begonnene Aufträge sollte anteilig Geld fließen. Bei den Lieferfristen sei nun Flexibilität gefragt. Die könnten ja auch in beiderseitigem Einvernehmen angesichts der Krise verlängert werden, sagt die Textilexpertin.

„Eine ganze Branche steht vor dem Aus“

Einzelne Unternehmen seien in diesem Sinne schon auf ihre Zulieferer zugegangen, heißt es bei Branchenkennern. H&M hat immerhin auch öffentlich erklärt, für bestellte und bereits gefertigte Kleidung zu bezahlen. „Aber ich vermisse ein breites, öffentliches Bekenntnis der Firmen, zu den erteilten Aufträgen zu stehen“, sagt Ferenschild.

Konkretes war dazu am Mittwoch von den Branchenlobbys nicht zu erfahren. Der Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie teilte auf Anfrage mit, Handel und Industrie arbeiteten derzeit gleichermaßen an den immensen Herausforderungen, vor denen die Corona-Pandemie die Unternehmen stelle. „Eine ganze Branche mit Hunderttausenden von Arbeitsplätzen steht vor dem Aus“, sagte eine Sprecherin.

Tobias Schwab

Das Textilbündnis reagiert auf die Corona-Krise: Die Unternehmen müssen 2020 nicht über ihre Anstrengungen für nachhaltigere Lieferketten berichten. Dabei waren die Kriterien gerade erst verschärft worden.

Moderne Sklaverei: Die Corona-Krise überrollt die globale Wirtschaft. Auf der Strecke bleiben nicht nur die großen Konzerne, sondern vor allem ihre Arbeiter. Zum Beispiel in der Produktion von Handschuhen in Malaysia.

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