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Nachhilfe in China

Nachhilfe ab sofort tabu

  • VonFabian Kretschmer
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In China nehmen viele Kinder und Jugendliche vor allem aus wohlhabenden Familien außerschulische Bildungsangebote wahr. Die Regierung verbietet das nun.

Wenn Chinas Aufsichtsbehörden eine Branche ins Visier nehmen, regulieren sie meist mit dem sprichwörtlichen Vorschlaghammer: Nach Fintech-Firmen und Online-Fahrdienstvermittlern trifft es nun den boomenden Nachhilfemarkt. Fachleute sprechen gar von einer regelrechten „Hinrichtung“ des Wirtschaftszweigs.

Am Sonntag publizierten Chinas Staatsmedien die neuen Regeln: Demnach ist künftig Nachhilfe für Schülerinnen und Schüler während Ferien und Wochenenden grundsätzlich verboten. Vor allem aber dürfen Anbieter mit außerschulischen Bildungsangeboten kein Geschäft mehr machen. Sämtliche bestehenden Konzerne müssen sich nun als „gemeinnützig“ registrieren lassen. Im chinesischen Recht bedeutet dies vor allem, dass die Gewinne nicht an die Firmenbesitzer:innen fließen. Zudem dürfen die Konzerne generell kein Kapital mehr anhäufen, ergo auch nicht wachsen.

Wie überraschend die Nachricht kommt, zeigt sich unter anderem an den extrem eingebrochenen Kursen. Fast sämtliche Aktien chinesischer Bildungskonzerne, die in den USA gehandelt werden, fielen um 90 Prozent oder mehr. Allein aufgrund der schieren Dimension ist dies beachtlich, denn Chinas Nachhilfesektor zählte zu den am schnellsten wachsenden Branchen mit einem gesamten Marktwert von bis zu 300 Milliarden Dollar.

Zwar war seit längerem klar, dass Pekings Staatsführung den Wirtschaftszweig regulieren würde. Doch noch im Frühjahr gingen Analyst:innen davon aus, dass die Aufsichtsbehörden den Markt lediglich gesundschrumpfen würden.

Die jetzt getroffenen Maßnahmen dagegen sind radikal. Doch gleichzeitig greifen sie ein gesellschaftliches Problem mit weitreichenden Folgen auf. In einer E-Mail-Notiz der Wirtschaftsberatung Trivium China heißt es, der rasant wachsende Nachhilfesektor habe teilweise öffentliche Schulen als Hauptanbieter von Bildung abgelöst, ohne jedoch der behördlichen Aufsicht unterstellt zu sein.

Der Lebensweg junger Chinesinnen und Chinesen entscheidet sich maßgeblich beim sogenannten „Gaokao“; der Universitätseingangsprüfung, die jeder Oberschüler absolvieren muss. Wer den mehrtägigen Test mit einer guten Note abschließt, kann auf eine Einschreibung an einer der renommierten Universitäten in Peking oder Shanghai hoffen.

Daran ist nicht nur eine gute Ausbildung geknüpft, sondern auch nachhaltige Karrierenetzwerke sowie der Zugang zum sogenannten Hukou – dem Bürgerrecht, an einem bestimmten Wohnort am Sozialsystem partizipieren zu können. An einem Tag also entscheidet sich maßgeblich das weitere Schicksal junger Leute.

Dementsprechend massiv ist der Konkurrenzkampf um die begehrten Uniplätze, der mit allen erdenklichen Mitteln geführt wird. Ehrgeizige Eltern investieren ihr Erspartes, um ihren Zöglingen einen Startvorteil zu verschaffen. Das führt unter anderem dazu, dass 16-jährige Chinesinnen und Chinesen oftmals bereit eine enorme Arbeitslast zu stemmen haben. Vor allem aber bestimmt das Einkommen der Eltern im modernen China immer stärker über die Bildungschancen der nächsten Generation. Ohnehin sind die qualifiziertesten Lehrer:innen in China längst in den Nachhilfemarkt abgewandert, weil es dort die sattesten Löhne zu holen gibt.

Doch natürlich setzen Pekings Maßnahmen vor allem bei den Symptomen eines gesellschaftlichen Übels an. Dessen Ursachen hingegen bleiben unangetastet. Die reichen Eltern der chinesischen Oberschicht werden wohl andere – und auch illegale – Wege finden, um ihren Kindern weiterhin einen Startvorsprung beim gesellschaftlichen Hamsterradrennen zu verschaffen.

Doch im Gegensatz zu vielen westlichen Marktwirtschaften scheut Chinas Staatsführung nicht davor zurück, seine erfolgreichsten Unternehmen massiv zu beschneiden. Dabei geht es nicht nur um politische Kontrolle, sondern um langfristiges Wirtschaftswachstum.

Denn laut der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua werden die jetzigen Regularien mit dem demographischen Wandel begründet: Der finanzielle Druck junger Eltern, die vor allem in den hohen Bildungskosten wurzeln, sei die größte Hürde, um mehr als ein Kind großziehen zu wollen. Und die niedrigen Geburtenraten wertet Pekings Staatsführung als die größte Bedrohung für den ökonomischen Aufstieg der Volksrepublik.

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