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Den Schülerinnen und Schülern von "Fridays for Future" haben sich inzwischen auch viele Firmenchefs und Führungskräfte angeschlossen.

Firmenpolitik

Nachhaltigkeit: Nur gepredigt statt gelebt

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Immer mehr Firmen verfügen über einen Wertekodex. Bei den Entscheidungen ihrer Top-Manager spielt dieser aber kaum eine Rolle. Die Analyse.

VW-Boss Herbert Diess will seinen Konzern und die Autos bis spätestens 2050 klimaneutral machen. Die Chefin des Outdoor-Herstellers Vaude, Antje von Dewitz, engagiert sich für die „Gemeinwohl-Ökonomie, bei der der Geschäftserfolg auch an sozialen Kriterien gemessen wird. Der Inhaber des Reinigungsmittelherstellers Werner & Mertz, Reinhard Schneider, bringt mit seiner Marke „Frosch“ die Kreislauf-Wirtschaft für Plastikverpackungen voran und lädt andere Unternehmen ein, bei dieser „Open Innovation“ mitzumachen.

Die Beispiele zeigen: Es gibt sie also, die Leuchturm-Unternehmer und Top-Manager, denen es nicht nur um Umsatz und Profit geht. Besonders deutlich wurde das in diesem Jahr, als sich viele Firmenchefs und Führungskräfte – inzwischen sind es fast 2500 – der Klimastreik-Bewegung der Schüler anschlossen und die Gruppe „Entrepreneurs for Future“ bildeten, die eine wirksame CO2-Bepreisung in allen Wirtschaftssektoren, eine Verkehrswende sowie eine „Divestment“ aus fossilen Energie-Anlagen bis 2025 fordern.

In der Breite der Unternehmen allerdings steht nachhaltiges Handeln offenbar nicht besonders hoch im Kurs, wie die jüngst veröffentlichte „Führungskräftebefragung 2019“ zeigt. Es findet sich bei den als wichtig erfragten Werten erst an fünfter Stelle. An der Untersuchung haben 545 Manager teilgenommen, zumeist aus der oberen und mittleren Führungsebene.

Überhaupt ist das Ergebnis der Studie, die seit 2008 von der Wertekommission und der TU München regelmäßig durchgeführt wird, ziemlich ernüchternd. Sie zeigt nämlich: Die meisten Manager bescheinigen sich zwar persönlich grundsätzlich hohe moralische Werte. Ganz vorne stehen bei ihnen hier Vertrauen, Verantwortung, Integrität und Respekt. Sie räumen aber dann ein, dass diese Werte im Alltag der Unternehmen häufig nicht umgesetzt werden. Nur 23 Prozent der Führungskräfte gaben an, regelmäßig über moralische Fragen nachzudenken, und ein Fünftel räumte ein, nur teilweise oder aber gar nicht nach den moralischen Kriterien zu entscheiden. Sogar 40 Prozent urteilten, dass in ihren Unternehmen unethisches Verhalten zum Beispiel im Umgang mit Mitarbeitern, Lieferanten oder der Konkurrenz nicht ausreichend aufdeckt und sanktioniert wird. Zwar hätten immer mehr Firmen einen Wertekodex und gäben vor, Mitarbeiter respektvoll zu behandeln und ökologisch langfristig zu denken, sagte die Studienleiterin und TU-Professorin Claudia Peus. In vielen Unternehmen würden die Werte aber „nur gepredigt statt gelebt“.

Auffällig ist das schwache Ranking für die „Nachhaltigkeit“ vor allem angesichts der Tatsache, dass der Klimaschutz und die Folgen des heutigen Wirtschaftens seit einem Jahr zum gesellschaftlichen und politischen Top-Thema avanciert sind. Nur fünf Prozent der Führungskräfte sehen die damit gemeinte Aussöhnung von Ökonomie, Ökologie und Sozialem als wichtigsten Wert an. Die Autoren der TU-Studie nennen es „bemerkenswert“, dass sich hier gegenüber der letzten Befragung praktisch nichts nach vorne bewegt hat. Tatsächlich ist es nicht nur bemerkenswert, sondern auch gefährlich, denn es zeigt, dass viele Manager offenbar den Kontakt zur gesellschaftlichen Realität verloren haben – oder die Hoffnung, dass sich Nachhaltigkeit im derzeitigen Wirtschaftssystem überhaupt erreichen lässt.

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