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Nachhaltig - aber auch fair?

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Von: Wolfgang Kessler

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Viele Öko-Betriebe haben keine Tarifverträge. Einige Produzenten von Windkraftanlagen bewegen sich jetzt immerhin in Richtung Mitbestimmung.

Endlich hat Senvion, einer der vier großen Produzenten von Windkraftanlagen in Deutschland, einen Tarifvertrag. Auch ein anderer der großen Vier, Vestas, will Löhne und Arbeitszeiten vertraglich regeln. Bei Nordex wird immerhin von einen Tarifvertrag gesprochen. Nur Enercon, der Vierte im Bunde der großen Windanlagenbauer, will von Gewerkschaften nichts wissen.

Nun kann man fragen: Was ist so besonders daran, dass führende Anlagenbauer für Windkraft einen Tarifvertrag haben. Die Antwort: Tarifverträge sind in der Öko-Wirtschaft die Ausnahme. Seit Jahrzehnten ist dort das Denken verbreitet: Wir sind auf der guten, weil ökologischen Seite der Produktion, was brauchen wir da Tarifverträge.

Mit diesem Argument wird dann auch Ausbeutung gerechtfertigt. So ist es weit verbreitet, dass Kleidung und Schuhe nach allen Raffinessen der Nachhaltigkeit hergestellt werden, nur die Arbeitsbedingungen und die Löhne sind nicht fair. In der Biobranche arbeiten in rund 22 000 zertifizierten Betrieben 130 000 bis 170 000 Menschen, doch Tarifverträge und Mitbestimmung gibt es kaum. Das Verhältnis zwischen Öko-Betrieben und Gewerkschaften ist oft angespannt. Denn: Viele Öko-Betriebe entstanden aus basisdemokratischen Kooperativen. Nicht wenige Verantwortliche sehen in Gewerkschaftern Agenten des ressourcenvergeudenden industriellen Systems. Zudem werden geringere Löhne und längere Arbeitszeiten oft mit den höheren Kosten der Öko-Produktion und der harten Konkurrenz mit konventionellen Herstellern begründet.

Nicht alle diese Ressentiments gegen die Gewerkschaften sind an den Haaren herbeigezogen. Natürlich sind die Arbeitnehmer- Vertretungen Teil des Wachstumssystems. Und natürlich ist konventionelle Massenproduktion ohne Rücksicht auf die Umwelt billiger. Andererseits sind viele Ökobetriebe längst der Gründungsphase entwachsen. Aus vielen sind normale Betriebe geworden, die ganz normal Gewinne machen. Niedriglöhne und schlechte Arbeitsbedingungen sind da nicht zu rechtfertigen.

Insofern ist die Bewegung hin zu Tarifverträgen unter den Produzenten von Windkraftanlagen zu begrüßen. Klar: Als Anlagenbauer stehen sie den Gewerkschaften näher als viele andere Ökobetriebe. Trotzdem könnte von dieser Tarifpolitik die Botschaft ausgehen: Ökologisch ist schon mal gut, wirklich gut ist aber nur ökologisch und fair.

Wolfgang Kessler ist Wirtschaftspublizist und Chefredakteur von „Publik-Forum“.

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