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Stephan Sturm, Chef von Fresenius, hat im vergangenen Jahr viel Zeit mit Juristen verbracht.

Gesundheit

Nach dem Realitätsschock

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Die Geschäfte des Homburger Börsenstars Fresenius laufen nicht mehr wie gewohnt. Konzernchef Sturm stellt sich den Aktionären.

Das Schlimmste hat er abgewendet, aber ob das den Aktionären reicht? Nach einem turbulenten Jahr, in dem Fresenius-Konzernchef Stephan Sturm viel Zeit mit Juristen verbracht hat, muss er an diesem Freitag den Anteilseignern des Konzerns auf der Hauptversammlung im Kongresszentrum der Messe Frankfurt Rede und Antwort stehen.

Im vergangenen Jahr wurde der Bad Homburger Börsenstar entzaubert. Scheinbar unaufhaltsam war der Konzern über Jahre von Erfolg zu Erfolg geeilt. Geschäftsprognosen wurden regelmäßig nicht nur eingehalten, sondern übertroffen. Der Aktienkurs legte von weniger als fünf Euro 1994 auf 80 Euro 2017 zu.

13 Jahre lang zeichnete Sturms Vorgänger Ulf Mark Schneider für den Konzern verantwortlich, bis er 2016 zum Schweizer Nahrungsmittelriesen Nestlé wechselte. In seiner Zeit hat der Konzern, der Krankenhäuser betreibt, medizinische Nahrung herstellt und ein Netz an Dialysekliniken hat (FMC), den Umsatz vervierfacht, die Mitarbeiterzahl verdreifacht und den Gewinn verzwölffacht.

Kritik der Gewerkschaften

Es schien, als würde es immer so weitergehen. Der Schock kam im vergangenen Jahr. Gleich zweimal musste Konzernchef Sturm die Prognosen nach unten korrigieren, weil die Geschäfte nicht so liefen, wie erwartet. Der ohnehin schon schwächelnde Aktienkurs stürzte ab - von 68 auf zeitweise nur noch 39 Euro.

Gleichwohl will Klaus Nieding von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz nicht den Stab über dem Fresenius-Management brechen. „Willkommen in der Realität“, sagt er vielmehr zu den Problemen des vergangenen Jahres. Es könne nicht jedes Jahr glatt laufen, auch wenn die Fresenius-Aktionäre immer weiter steigende Gewinne und Dividenden gewöhnt seien.

Besondere Sorgen gab es 2018 jenseits des Atlantiks. Denn ausgerechnet auf seinem Spezialgebiet Firmenübernahmen geriet der ehemalige Investmentbanker Sturm in Probleme. Er hatte im April 2017 den Kauf des US-Pharmaunternehmens Akorn für 4,75 Milliarden Dollar eingefädelt – und wurde dabei von der Gegenseite hinsichtlich der Aussichten getäuscht. Kaum war die Übernahme vereinbart, stürzten die Geschäfte von Akorn ab.

Mit großem Aufwand gelang es Fresenius, vor einem US-Gericht den Vollzug der Übernahme zu verhindern. Sturm machte das Verfahren zur Chefsache, erschien auch persönlich in den USA vor Gericht. Das band viel Arbeitszeit, mit der letztlich nur Schaden abgewendet wurde.

Trotz dieses Reinfalls und trotz nicht erreichter Geschäftsziele ist das Unternehmen alles andere als ein Problemfall. Der Umsatz stieg 2018 um zwei Prozent auf 33,5 Milliarden Euro, der Gewinn legte um vier Prozent auf 1,87 Milliarden Euro zu. „2018 war kein einfaches, aber dennoch wieder ein erfolgreiches Jahr für Fresenius“, so Sturm. „2019 machen wir zu einem Jahr der Investitionen, etwa in Wachstumsfelder wie Heimdialyse, Biosimilars oder neue Service- und Therapieangebote rund um das Krankenhaus.“ Der Gewinn wird in diesem Jahr deshalb wohl stagnieren.

Die Geschäftsentwicklung in den ersten Monaten des Jahres beurteilen viele Analysten positiv. Ulrich Huwald von Warburg Research lobt die Geschäfte in Spanien, wo Sturm 2016 die Klinikkette Quirónsalud erworben hat.

Zu den Unzufriedenen zählen die Gewerkschaften. Zeitgleich mit der Hauptversammlung von Fresenius SE treffen sich mehr als 50 Arbeitnehmervertreter aus Europa, Afrika, Asien sowie Nord- und Südamerika in Frankfurt. Sie wollen ihre Kräfte in einem weltweiten Bündnis bündeln, um ihre Interessen bei Fresenius durchzusetzen. Den Bad Homburgern werfen sie antigewerkschaftliche Praktiken vor allem in den USA, Peru und Südkorea vor. Der Gesundheitskonzern versuche zum Beispiel zu verhindern, dass sich Angestellte zusammenschließen würden („Union Busting“).

„Das Unternehmen muss dafür sorgen, dass sich Beschäftigte in Gewerkschaften organisieren können, ohne Repression fürchten zu müssen“, sagt Alke Boessiger, stellvertretende Generalsekretärin des Gewerkschaftsdachverbandes UNI Global Union.

„Den Vorwurf des ‚Union Busting’ weisen wir entschieden zurück“, erklärte ein Fresenius-Sprecher auf Anfrage. Das Unternehmen handele seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gegenüber verantwortungsvoll. „Die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Unternehmensleitung und Arbeitnehmervertretern ist bei uns gelebte Praxis“, so der Sprecher. Hinweisen über Verstöße gegen anwendbare Arbeits- und Sozialstandards werde nachgegangen. Mit den Gewerkschaftsorganisationen stünde man bereits im Dialog.

Weltweit beschäftigt Fresenius knapp 280 000 Mitarbeiter.

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