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Die Bürgerinitiative gegen das Bauvorhaben hat sich auf dem Feld häuslich eingerichtet.

Großprojekt

Wer muss sich vom Acker machen?

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In Hebenshausen soll eines der größten Logistikzentren Europas entstehen – auf fruchtbarstem Boden. Nun tobt in Nordhessen der Kampf: Jobs oder Naturschutz, Ökologie oder Ökonomie?

Beete statt Beton“ steht auf dem Holzschild auf dem Acker. Man sieht es schon von der schmalen Straße aus, die in den Ort Hebenshausen führt. Ein buntgestreiftes Zirkuszelt haben junge Aktivisten hier aufgebaut, es gibt Schlafplätze, eine Camp-Küche. Weiter hinten wachsen in frisch geharkter Erde kleine Salat-, Fenchel- und Mangoldpflanzen. Das zeigt: Die Protestaktion, die hier läuft, ist auf Dauer angelegt worden. Ein „zweites Hambach“, so wie im Braunkohle-Revier in NRW, sollte es werden. Doch für die Besetzung des Ackers im nordhessischen Werra-Meißner-Kreis, auf dem ein Investor eines der größten Logistikzentren Europas hochziehen will, gibt es nun bloß noch eine Schonfrist. Das Protestcamp könnte im Juni polizeilich geräumt werden – heiße Zeiten in dem vorher so beschaulichen Flecken.

Hebenshausen ist ein altes Straßendorf mit rund 500 Einwohnern, umgeben von sanften Hügeln, Feldern und Wiesen. Eine Kirche, Fachwerkhäuser, ein kleines Neubaugebiet, eine Bäckerfiliale, gut geführte Bauernhöfe, Kühe auf der Weide. Mit einem Wort: idyllisch. Eigentlich. Denn die im Bundesgebiet zentrale Lage im Dreiländereck von Hessen, Niedersachsen und Thüringen sowie die schnell erreichbaren Autobahnen A7 und A38 sind der Grund dafür, dass der Ort nun plötzlich unschöne Nachrichten produziert. Die Gemeinde Neu-Eichenberg, zu der Hebenshausen gehört, will auf einer rund 80 Hektar großen Fläche das „Sondergebiet Logistik“ bauen, das Jobs in der strukturschwachen Region schafft, aber eben auch jede Menge Lärm und Abgase bringt und besten Ackerboden versiegelt. Und da es damit nun ernst wird, eskaliert der Konflikt.

Die ersten Ideen für die erhoffte Wohlstands- und Jobmaschine hier, in Deutschlands Mitte, gab es schon vor fast 20 Jahren. Die großen Parteien SPD und CDU waren dafür, 2004 erfolgte ein Bürgerentscheid, der mit knapp 63 Prozent pro Logistikzentrum ausging. Dann herrschte Funkstille. Das Thema schien gestorben. Bis 2018 ein Immobilienentwickler, die Dietz AG aus dem südhessischen Bensheim, mit dem Eigentümer, dem Land Hessen, einen Kaufvertrag über das Gelände abschloss – allerdings an Bedingungen geknüpft. Seither ist es mit der Ruhe in dem Ort vorbei. Das kann sich die „Bürgerinitiative für ein lebenswertes Neu-Eichenberg“, die einige Alt -und Neubürger gründeten, um den Logistikpark noch kurz vor knapp zu stoppen, als Erfolg zuschreiben.

Die gesamte Fläche soll überbaut werden.

Die Dimensionen des Projekts sind so manchem Bürger wohl erst durch die Aktionen der BI aufgegangen. Rund 15 Meter hohe Hallen sollen auf einem Gebiet stehen, das größer sein wird als der Ort Hebenshausen selbst, umgerechnet rund 115 Fußballfelder groß. Hunderte Laster werden Tag für Tag über die neue Zufahrtstraße rollen, dazu kommt die nächtliche Beleuchtung auf dem Gelände. Besonders bringt die Aktiven auf, dass in Zeiten von Klimawandel und Artenschwund so viel gutes Ackerland unter der Anlage verschwinden wird. „Und das ausgerechnet in der Ökolandbau-Modellregion Oberhessen, die die Landkreise zusammen mit der schwarz-grünen Landesregierung ausgerufen haben“, sagt BI-Mitglied Antonia Ley, die im benachbarten Witzenhausen Öko-Landbau studiert und in Hebenshausen im „Dorfgarten“-Projekt arbeitet. Hessen, daran erinnert sie, hat angekündigt, den Flächenverbrauch drastisch zu reduzieren. „Das passt nun wirklich nicht zusammen.

Plakate und Transparente an Hauswänden und Gartenzäunen zeigen, dass das Thema die Bürger aufwühlt. Die Gegner outen sich mit „Logistikgebiet, bleib uns vom Acker“, die Befürworter, allerdings etwas weniger zahlreich, mit „Sondergebiet Logistik Neu-Eichenberg – Für einen starken Werra-Meißner-Kreis“. Die BI hat Bürgerversammlungen aufgemischt, in denen es früher eher zahm zuging, sie hat mehrere Demos organisiert, und als die jungen Leute von der „Aktionsgruppe Acker bleibt“ vor zwei Wochen zur Platzbesetzung anrückten, war man natürlich begeistert. „Das hat uns noch mehr Aufmerksamkeit gebracht“, sagt BI-Sprecherin Anja Banzhaf. Bis zu 25 Frauen und Männer campieren seither auf dem Acker und werben dort für alternative Konzepte wie Ökolandbau und grünen Tourismus. Am vergangenen Wochenende seien sogar 100 Leute dagewesen, wird berichtet. „Es gab Musik, Filmvorführungen, und aus dem Ort haben sie uns Kuchen gebracht.“

Der Konflikt in Neu-Eichenberg ist damit eine Neuauflage des alten Kampfes zwischen Ökonomie und Ökologie – diesmal jedoch vor dramatisch verschärfter Kulisse. Was ist wichtiger? Gut gefüllte Gemeindekassen und neue Jobs oder der Schutz von Klima und Natur, bei dem die Experten sagen, fünf vor zwölf ist schon vorbei. Vor allem der Verkehrssektor läuft in der CO2-Bilanz völlig aus dem Ruder, hier besonders der Lkw-Transport. Gleichzeitig boomt der Online-Versand, der Haupt-Turbo für mehr Lkw-Touren – und wohl der Grund dafür, dass das totgeglaubte Hebenshausen-Projekt reanimiert werden soll.

Bürgermeister Jens Wilhelm (SPD) sagt, er habe Verständnis für die Kritiker, räumt auch ein, dass Logistik-Hallen und Lkw-Touren Belastungen bringen. Aber er müsse auch an die wirtschaftliche Entwicklung seiner Gemeinde denken, Spielräume für Investitionen öffnen, Arbeitsplätze in der Region sichern. Gerade jetzt, wo im nahen Witzenhausen ein Getriebehersteller dichtmacht, bei dem 200 Leute Arbeit hatten. Das Dietz-Projekt könne laut Investor 2000 Jobs bringen. „Das ist die Zahl, die im Raume steht.“ Wilhelm gibt offen zu: Das Logistikzentrum spaltet seine Gemeinde inzwischen tief. „Die Stimmung ist auf dem Tiefpunkt.“ Sicher ist der SPD-Mann nicht, dass unter den Bürgern die Mehrheit dafür noch steht. „Auf jeden Fall wäre sie deutlich kleiner.“ Trotzdem will er das Projekt weiter vorantreiben. Kippe es, blieben Planungs- und Erschließungskosten von 1,45 Millionen Euro an der Gemeinde hängen, sagt er. Wilhelm schätzt, nach dem Votum im Gemeindeparlament im Juni kann im Oktober mit dem Bau begonnen werden.

Der Flächenfraß in Deutschland schreitet trotz hehrer Umweltziele voran. Pro Tag verschwinden etwa 65 Hektar Boden unter Straßen, Gebäuden und Parkplätzen.  

Offizielles Ziel der Bundesregierung ist es, den Flächenverbrauch bis 2030 auf weniger als 30 Hektar zu senken und bis spätestens 2050 auf „netto Null“. (jw)

Zugespitzt hat sich die Lage auf dem Acker am Freitag. Die Hessische Landgesellschaft (HLG) forderte als Eigentümer der Fläche die Besetzer auf, das Lager sofort zu räumen. Man wolle auf dem brachliegenden Feld Sommergerste anbauen. Die Besetzer bezeichneten das als „vorgeschobenes Argument, um das Camp mit der Polizei auflösen zu können“. Man werde natürlich bleiben - und bereite sich auf die Räumung vor. Es gebe vor Ort durchaus Menschen, die bereit seien, sich wegtragen zu lasen - und dafür zu sorgen, „dass das nicht zu einfach wird“.

Die HLG indes schaltete am Montag auf die sanftere Tour um. Sie ließ den Besetzern mitteilen, sie könnten bis zum Gemeinderatsbeschluss im Juni bleiben. Neben einer Räumung gebe es ja auch die Möglichkeit, das Problem in Gesprächen mit den Aktivisten vor Ort zu lösen, erläuterte Geschäftsführer Gerald Kunzelmann der FR. Auf jeden Fall spreche man sich eng mit der Landesregierung ab. Zuständig ist hier übrigens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir – ein Grüner und bekennender Klima- und Artenschützer.

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