+
Hans Thomann gilt weltweit als größter Online-Händler für Musikinstrumente.

Musikinstrumente

„Wir wollen den Kunden faire Preise bieten“

  • schließen

Musikalien-Händler Hans Thomann über sein Imperium in der Provinz und 39-Euro-Gitarren.

Den Gast holt Hans Thomann am Bahnhof von Bamberg persönlich ab. Es fährt ja nur selten ein Bus ins 20 Kilometer entfernte Treppendorf, wo es keinen Handyempfang gibt, aber der weltgrößte Online-Händler für Musikinstrumente und Audiotechnik sitzt. „Servus Hans“ begrüßen die Mitarbeiter den Chef, der auf dem Campus für den Besucher jede Tür öffnet. Thomann nimmt sich fünf Stunden Zeit, fachsimpelt über Gibson-Gitarren aus China und preist das vollautomatisierte Hochregallager.

Herr Thomann, auf welchen Trompeter stehen Sie: Til Brönner oder Stefan Mross?
(lacht) Ganz klar Til Brönner, den Jazzer!

Und wenn Sie die Wahl zwischen ZZ-Top oder den Egerländern hätten?
Gute Egerländer-Blasmusik kann auch reizvoll sein, aber ich ziehe die Bluesrocker vor. ZZ Top waren übrigens gestern bei uns im Haus.

Ach was!
Ja, die touren gerade durch Deutschland und haben auch in Nürnberg gespielt. Da lag ein Besuch bei uns in Treppendorf nahe. Wir haben ein schönes Youtube-Video mit ihnen produziert.

Wie viele Instrumente beherrschen Sie eigentlich selbst?
Mit fünf Jahren habe ich angefangen Tenorhorn zu spielen, dann kam die Tuba hinzu, mit 18 schließlich das Klavier, im Alter von 40 habe ich mich ans Schlagzeug gesetzt. Und seit meinem 50. Lebensjahr will ich eigentlich Gitarre lernen – jetzt bin ich 56 und es hat noch immer nicht geklappt.

Sie sind in einer musikalischen Familie aufgewachsen.
Mein Vater war als Zirkusmusiker unterwegs und hat später Trompete studiert. Musik hat mich und meine vier Geschwister früh geprägt und immer begleitet. Hauskonzerte waren selbstverständlich.

Hatten Sie eine Wahl oder mussten Sie den Beruf des Blechblasinstrumentenbauers erlernen?
Das hat mich wirklich interessiert, die Ausbildung zum Feingerätemechaniker übrigens auch. Ich wurde nicht getrieben. Mein Vater hat das damals geschickt angestellt und mich früh in unserem Musikgeschäft mit in die Verantwortung genommen.

Als Sie die Firma 1990 mit 28 Jahren übernommen haben, gab es bei Thomann 15 Beschäftigte, heute sind es rund 1350. Das Unternehmen erwirtschaftet einen Umsatz von mehr als 850 Millionen Euro. Macht Ihnen dieses Wachstum manchmal Angst?
Es gab tatsächlich Zeiten, in denen mich die Entwicklung ein bisschen beunruhigt hat. Wir hatten verrückte Jahre, 2006 zum Beispiel haben wir 40 Prozent zugelegt. Da wächst auch die Verantwortung gewaltig und die Unternehmensorganisation kann einen ganz schön fordern.

Thomann gilt weltweit als größter Online-Händler für Musikinstrumente. Der US-Gigant Amazon spielt in diesem Segment nur die zweite Geige. Was können Sie besser als Jeff Bezos?
Für unseren Erfolg in einer vergleichsweise kleinen Spezialbranche gibt es mehrere Gründe. Den Unterschied machen vor allem die mehr als 300 Mitarbeiter in unserem Call Center, die nicht auf Provisionsbasis arbeiten. Fast alle sind Musiker, viele haben sogar ein Instrument studiert, andere sind Instrumentenbauer oder Toningenieure. Die wissen, wovon sie reden, wenn sie die Kunden am Telefon, per Chat oder Mail beraten. Und schließlich legen wir Wert auf eine sehr aussagekräftige Webseite mit guten Videos, Bildern, Hörbeispielen und detaillierten Produktbeschreibungen.

Sie machen 65 Prozent des Geschäfts im Ausland. Wie erreichen Sie die Kunden in Frankreich oder Finnland?
Unsere Webseite gibt es in 18 Sprachen – alles von Menschen übersetzt, das lassen wir keine Programme erledigen. Und in unserem Call Center arbeiten Teams mit Muttersprachlern für alle europäischen Länder. Bei uns beraten beispielsweise 40 Franzosen, 25 Spanier, aber auch Finnen, Rumänen, Tschechen oder Dänen. Die können mit ihren Landsleuten ganz anders kommunizieren.

Wie meinen Sie das?
Nehmen Sie die Italiener, die erzählen am Telefon gern – von ihrer Familie oder darüber, wie sie dazu gekommen sind, ein Instrument zu spielen. Da müssen sie drauf eingehen und sich ein bisschen mehr Zeit nehmen.

Wer kauft bei Ihnen eigentlich ein?
Hobbymusiker, Anfänger ebenso wie ambitionierte Laien, bis hin zu Professionals. Schließlich finden Sie bei uns Gitarren für 39 Euro, können aber auch 50 000 für ein Instrument ausgeben. Zur Kundschaft gehören zudem Verleiher von Beschallungsanlagen, Tonstudios, Opernhäuser und Kirchengemeinden. Wir sind sehr breit aufgestellt.

Aber warum bestellt ein bolivianisches Orchester Pauken in der fränkischen Provinz?
Das hat wohl mit Vertrauen zu tun. Wenn der Kunde für ein hochwertiges Instrument 8000 Euro im Voraus ans andere Ende der Welt überweist, muss die Glaubwürdigkeit groß sein. Die haben wir uns über Jahrzehnte erarbeitet.

Vor allem werden Ihre Preise ausschlaggebend sein – die sind bei der Konkurrenz gefürchtet.
Es geht mir nicht darum, andere in die Insolvenz zu treiben. Wir möchten unsere Kunden nur nicht enttäuschen und einen fairen Preis bieten.

Was heißt fair?
Wenn ein Kollege aus den Niederlanden oder Großbritannien einen niedrigeren Preis aufruft, dann gehen wir den mit. Aber in der Regel orientieren sich die anderen an uns. Unser Webstore wird europaweit als Preisreferenz gesehen.

Wie schaffen Sie das, eine hochwertige Blockflöte für gut 5000 Euro fast 400 Euro günstiger zu verkaufen als der Hersteller selbst?
Wir haben eine Kalkulation, mit der wir uns wohlfühlen. Und die ist viel niedriger als traditionelle Händler sich das wünschen. Die Zeiten, als sie auf ein Produkt unglaublich viel Marge draufschlagen konnten, sind vorbei.

Viele alteingesessene Musikalien-Geschäfte haben da längst aufgegeben. Das geht dann wohl auch auf Ihre Kappe?
Der Preisdruck ist wie in allen Branchen enorm, dem können viele nicht standhalten. Aber auch die Forderungen der Lieferanten sind ein Faktor. Sie müssen heute beispielsweise von einer Marke 18 Gitarren in den Laden nehmen und den entsprechenden Service bieten. Jeder Hersteller will bestmöglich in der Ausstellung präsentiert werden. Klar, auch ich finde es schade, dass die Innenstädte veröden und am Ende nur noch Ketten das Bild prägen. Aber ich bin stolz darauf, dass wir mit Thomann so weit gekommen sind. In den 90er Jahren waren wir noch ein kleiner Laden auf dem Dorf. Und wenn wir es nicht gemacht hätten, dann hätte vielleicht Amazon dieses Segment noch erobert.

Zwischen Amazon und der Gewerkschaft Verdi tobt seit mehr als sechs Jahren ein Streit über faire Löhne für die Beschäftigten in den Logistikzentren. Wie zahlen Sie eigentlich?
Bei uns verdienen die Leute ganz ordentlich. Ich habe die Mindestlohn-Diskussion in Deutschland nie verstanden. Von 9,19 Euro in der Stunde kannst du hierzulande einfach nicht leben. Wir zahlen den ungelernten Kräften am Band Einstiegsgehälter von zwölf Euro plus ein 13. Monatsgehalt. Damit kommt man in der fränkischen Region schon ganz gut über die Runden.

Ist es schwer, Mitarbeiter für die qualifizierteren Jobs in die tiefste Provinz nach Treppendorf zu locken?
Es war schon mal einfacher, Leute zu kriegen, der Arbeitsmarkt ist ja quasi leergefegt. Aber denen, die zu uns kommen, macht es einfach Spaß, ihre Leidenschaft, die Musik, mit dem Beruf zu verbinden. In einem Umfeld von Leuten, die ähnlich ticken. Es hilft auch, die Menschen ordentlich zu behandeln und ein attraktives Umfeld zu schaffen.

Was bieten Sie?
Wir haben auf unserem Campus zum Beispiel Fitnessräume und gut ausgestattete Studios, in denen die Bands der Kolleginnen und Kollegen proben können. In unserer T-Kitchen gibt es jeden Tag fünf hochwertige Gerichte, von eigenem Küchenpersonal zubereitet. Und diesen permanenten Leistungsdruck, wie man ihn aus anderen Branchen kennt, den haben wir hier nicht. Es bringt überhaupt nichts, das Letzte aus den Menschen herauszupressen.

Thomann liefert täglich bis zu 25 000 Pakete aus. Der Boom im Online-Handel belastet die Innenstädte mit Lieferverkehr und schadet der Umwelt. Sehen Sie da kein Problem?
Wir machen uns darüber schon Gedanken. Anders als beispielsweise bei Amazon erhält der Kunde von uns zum Beispiel nur ein Paket – egal, ob er zwei, fünf oder acht Produkte bestellt. Die Kartons werden in unserem neuen Versandcenter nach ihrer Bestückung automatisch platzsparend optimiert. Außerdem verzichten wir künftig auf Plastik als Füllmaterial und stellen auf Altpapier um.

Das lässt den ökologischen Fußabdruck jetzt noch nicht gewaltig schrumpfen.
Hier in Treppendorf sind wir schon sehr grün unterwegs. Viele unserer Gebäude werden mit Erdwärme beheizt und gekühlt, wir nutzen Photovoltaik und betreiben ein eigenes Blockheizkraftwerk mit Gas. Die Abwärme aus unserem Rechenzentrum wird direkt in den Heizkreislauf eingespeist. Und wir haben sogar Bienenstöcke auf unserem Gelände, um die sich eine Gruppe von Mitarbeitern kümmert.

Viele der Instrumente, die Sie verkaufen, kommen aus China. Wie steht es da um die Qualität?
Wir beziehen einen großen Teil unserer mehr als 30 Eigenmarken aus Fernost. Auch dort gibt es hochtechnisierte Fabriken mit viel Erfahrung, aber auch kleine Bastlerbuden, die es nicht so genau nehmen. Die handgemachten Instrumente, vor allem die aus Holz, werden bei uns allesamt nachgearbeitet. Es geht hier nichts raus, was nicht angefasst und auf Qualität geprüft wurde.

Ist das nicht ein irrer Aufwand?
Schon, aber das ist einfach unser Anspruch. Wir beschäftigen rund 220 Mitarbeiter in den Werkstätten, viele davon sind spezialisierte Instrumentenbauer. Und wir bilden in diesen Berufen auch aus. In diesen Abteilungen reparieren und überholen wir auch die Instrumente unserer Kunden. Ein Service, den viele Vertriebe nicht mehr leisten. Natürlich müssen wir diesen Bereich subventionieren.

Was passiert eigentlich mit den Millionen an Gewerbesteuern, die Thomann zahlt? Die Marktgemeinde Burgebrach, zu der Treppendorf gehört, muss ein Paradies sein.
Unser Bürgermeister setzt das Geld schon sehr gut ein. In den verschiedenen Dörfern werden Gemeinschaftshäuser gebaut, die Schulen sind in einem guten Zustand, die Feuerwehr ist prima ausgestattet, die Musikvereine haben gute Bedingungen. Ich bin stolz darauf, der Gemeinde auf diese Weise auch wieder etwas zurückzugeben.

Zahlen Sie gerne Steuern oder ist das eine Last?
Nein, Steuern sind notwendig und wichtig, um Infrastruktur zu erhalten. Ich finde es bedauerlich, dass man innerhalb Europas keinen Konsens für eine Mindeststeuer findet, um den Unterbietungswettbewerb zu beenden.

Wann hat sich eigentlich zuletzt ein Investor bei Ihnen gemeldet?
Investoren sind derzeit schon ganz schön aktiv. Es ist einfach zu viel Geld unterwegs. Vor kaum sechs Wochen hat wieder einer angeklopft. Der erste war übrigens Guitar Center, die größte Musikhandelskette in den USA, die mir Ende der 1990er Jahre schon 150 Millionen D-Mark für Thomann geboten hat.

Kein Grund, schwach zu werden?
Nein, Geld steht für mich wirklich nicht an erster Stelle. Es ist schon jetzt schwer genug, die good vibrations im Unternehmen und die spezielle DNA von Thomann aufrechtzuerhalten. Das alles würde mit Investoren bestimmt verloren gehen.

In vielen Schulen wird der Musikunterricht vernachlässigt. Wer soll da in Zukunft bei Ihnen noch kaufen?
Das ist tatsächlich besorgniserregend. Auch in vielen Familien wird nicht mehr musiziert, da erlernt keiner ein Instrument. Jeder, der Musik macht, weiß, dass das eine ganz andere Lebensqualität und viele Vorteile bringt – nicht nur im Privaten.

Das müssen Sie erklären.
Dass Thomann so gut läuft, hat auch damit zu tun, dass wir viele Musiker beschäftigen. Wenn jemand seit Jahren ein Instrument spielt, kann ich als Chef davon ausgehen, dass der an einer Sache dranbleiben kann. Die meisten spielen ja in einer Band oder in einem Orchester, da kannst du deinem Ego keinen freien Lauf lassen, du musst aufeinander hören und miteinander spielen. Als Musiker aktivierst du außerdem beide Gehirnhälften gleichzeitig und stärkst so deine Synapsen. Und dann entspannt Musizieren natürlich, das ist gar nicht hoch genug einzuschätzen.

Interview: Tobias Schwab

Zur Person

Hans Thomann (56) ist gelernter Blechblasinstrumentenbauer und Feingerätemechaniker. 1990 übernahm er den Musikalienladen, den sein Vater Hans Mitte der 1950er Jahre auf dem familieneigenen Bauernhof im oberfränkischen Treppendorf gegründet hatte. 1996 startete Thomann Junior als erster deutscher Musikhändler eine eigene Webseite.

Der Onlineshop führt heute mehr als 90 000 Artikel. Zur Thomann-Welt gehören weitere Webseiten wie kopfhörer.de und amazona.de. Am Stammsitz im kaum 200 Einwohner zählenden Treppendorf beschäftigt Thomann rund 1350 Mitarbeiter.

In Treppendorf führt Thomann auch einen Musikalienladen. An Wochenenden kommen bis zu 2500 Musikbegeisterte, um Instrumente auszuprobieren. Die Firma erzielte zuletzt einen Umsatz von rund 850 Millionen Euro. Der Gewinn bleibt geheim.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare