Eine Näherin des Matratzen- und Schaumstoff-Herstellers Wegerich näht in der Produktion des Unternehmens Mundschutzmasken. dpa
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Eine Näherin des Matratzen- und Schaumstoff-Herstellers Wegerich näht in der Produktion des Unternehmens Mundschutzmasken. dpa

Notversorgung

Mundschutz statt T-Shirt

  • Frank-Thomas Wenzel
    vonFrank-Thomas Wenzel
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Modekonzerne, Autobauer und andere Unternehmen rüsten wegen Corona um

Die Modebranche stellt auf die Fertigung von Atemschutzmasken um. Autobauer sollen mit 3D-Druckern bei der Produktion von Beatmungsgeräten zu helfen. Die Corona-Epidemie fordert Maßnahmen, die an Kriegszeiten erinnern. Doch es gibt beim Umstellen von Fabriken viele Hürden.

„Wir prüfen, was machbar ist“, sagte ein Volkswagen-Sprecher dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Sobald Ergebnisse vorlägen, würden sie mitgeteilt. Es geht vor allem um industrielle 3D-Drucker des weltgrößten Autobauers, die für die Herstellung von Komponenten für Beatmungsmaschinen eingesetzt werden könnten. Der Autobauer befindet sich früheren Angaben zufolge im Austausch mit Behörden und Verbänden, um den konkreten Bedarf zu ermitteln. Medizinisches Gerät sei natürlich Neuland. Aber sobald die Anforderungen bekannt seien und Blaupausen für die Teile vorlägen, könne man beginnen, heißt es bei Volkswagen. Die 3D-Drucker wurden bislang in der Herstellung für Kunststoffteile und für Prototypen eingesetzt. Bei Volkswagen wurde immerhin schon eine Task Force eingerichtet, die Wege zur Beschaffung der Vorprodukte prüft und erste Bauteile testweise gefertigt hat.

Der italienische Sportwagenbauer Ferrari soll schon einen Schritt weiter sein und die Vorbereitungen abgeschlossen haben. Nachrichtenagenturen berichten, man warte am Stammsitz in Maranello nur noch auf das finale Signal, um loszulegen. Die Regierung in Rom hat die Firma Siare Engineering, Italiens größten Hersteller von Beatmungsgeräten, aufgefordert, die Produktion der lebensrettenden Maschinen von 160 auf 500 pro Jahr zu erhöhen. Firmenchef Gianluca Preziosa sagte der Nachrichtenagentur Reuters, er verhandle mit Ferrari, Fiat und dem Autozulieferer Marelli darüber, inwiefern eine Unterstützung bei Elektronikteilen möglich sei. Denkbar sei auch, dass die Unternehmen ihre Einkaufsmacht einsetzen, um weltweit Komponenten zu beschaffen. Ferrari ist prädestiniert für eine Unterstützung, da das Stammwerk in der Nähe der Siare-Fabrik liegt.

Italien braucht dringend mehr Geräte, um die große Zahl schwer Erkrankter behandeln zu können. Ähnlich groß ist die Not in Großbritannien, wo sich unter der Führung des Sportwagenbauers McLaren ein Konsortium formiert, das auf die Schnelle ein einfaches Beatmungsgerät konstruieren will.

Beschlossene Sache ist indes bereits, dass Fiat-Chrysler eines der Werke außerhalb Italiens auf die Herstellung von Atemschutzmasken umstellt. Ziel sei es, auf eine Zahl von einer Million Stück pro Monat zu kommen, schreibt Konzernchef Mike Manley in einem Brief an die Belegschaft. Auch der Luxuskonzern Prada macht mit. Laut Pressemitteilung habe die Regierung der Region Toskana 110 000 Masken und 80 000 medizinische Overalls für Personal im Gesundheitswesen bei Prada geordert. Die Lieferungen würden bis zum 6. April abgeschlossen.

Hierzulande hat das Textilunternehmen Trigema die Fertigung der Atemschutzmasken aufgenommen. Laut Firmenchef Wolfgang Grupp soll schon in dieser Woche eine Stückzahl von 70 000 Stück erreicht werden. Für die nächste Woche sind 100 000 Stück geplant. Allerdings handelt es sich nicht um den dringend benötigten Atemschutz für Intensivstationen, sondern um einfache Masken, die laut Grupp für Pflegepersonal, Firmen und Behörden geeignet sind – zu einem Preis von sechs Euro pro Stück.

Ähnliche Produkte will auch die schwäbische Mey-Gruppe herstellen, die eigentlich auf Unter- und Nachtwäsche spezialisiert ist. Die ersten Lieferungen sollen noch diese Woche an Krankenhäuser gehen. Und in der kommenden Woche sei man beim Autozulieferer Prevent aus Bosnien-Herzegowina so weit, dass man Deutschland mit Schutzkleidung beliefern könne. Selbst der schwedische Modegigant H&M teilte unlängst mit, dass man die Lieferketten umstelle, um Schutzausrüstung für Beschäftigte im Gesundheitswesen bereitzustellen.

Verwirrung in den USA

Währenddessen sorgte US-Präsident Donald Trump mit einem Tweet für Verwirrung. Er teilte mit, die Autobauer Ford, General Motors (GM) und Tesla hätten die Genehmigung zur Fertigung von Beatmungsgeräten und „anderen Metall-Produkten“ erhalten. Dabei war gar nichts beantragt worden. Die Unternehmen gaben an, mögliche Maßnahmen derzeit zu prüfen.

Trump könnte mit dem Defence Production Act tatsächlich Unternehmen zwingen, ihre Produktion umzustellen – dabei handelt es sich aber um eine Regelung, die eigentlich nur für Kriegszeiten gedacht ist. Beobachter vermuten, dass der Präsident diesen Schritt scheut, um zusätzliche Aufregung zu vermeiden.

Für die Herstellung der Apparate gibt es strenge Auflagen. Die Komponenten seien keine Standardbauteile, lässt die Lübecker Medizin- und Sicherheitstechnikfirma Dräger wissen, die weltweit führend bei Beatmungsgeräten ist. Die Kerntechnologie nebst Elektronik und Software unterscheide sich elementar vom Herstellungsbetrieb eines Autobauers. Und Konzernchef Stefan Dräger betont, dass derzeit bereits „doppelt so viele Beatmungsgeräte wie vorher“ gefertigt würden. Mit Hochdruck werde zudem an einem weiteren Ausbau der Produktionskapazitäten gearbeitet. Kürzlich haben die Lübecker von der Bundesregierung einen Auftrag über 10 000 Beatmungsgeräte erhalten.

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