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Bauernproteste in Nürnberg.

Bauern und Bevölkerung müssen reden

Welche Landwirtschaft wollen wir?

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Darüber sollten wir eine große Debatte führen - und zunächst den Frust der Bauern nachvollziehen. Die Analyse.

Zum Start der Grünen Woche in Berlin ist die Stimmung gereizt, in der Hauptstadt wird kräftig demonstriert. Wollen Bauern, Verbraucher, Naturschützer und Politiker wieder miteinander ins Gespräch kommen, müssen sich alle Seiten bewegen. Nicht nur die Landwirte!

Die Koteletts müssen mehr, die Euter praller, die Eier zahlreicher – und damit die Höfe größer werden. Jahrelang haben sich die Bauern das anhören müssen. Wie sie heute zumeist wirtschaften, war politisch gewollt. Nun heißt es, dass die Gülle ihrer Tiere das Grundwasser verseucht und ihr Mais den Schmetterlingen das Leben schwer macht.

Dass es ohne Bauern nicht geht, dass Brüssel darum auch die Landwirte europaweit mit rund 60 Milliarden Euro im Jahr unterstützt, dass sie damit mehr Wertschätzung erfahren als jede andere Berufsgruppe sonst – all das hören sie nicht. Der Mensch ist eher darauf gepolt, das Negative wahrzunehmen. Darum kommt bei vielen konventionell produzierenden Bauern derzeit nur eines an: Meine Arbeit ist eh schon hart, jetzt soll sie auch noch mies sein? Ohne diesen Frust nachzuvollziehen, wird sich der Konflikt zwischen Landwirten und Naturschützern nicht lösen lassen. So mancher kommt ohnehin kaum über die Runden. Für ein Kalb gibt es weniger Geld als für ein Meerschweinchen.

Das ist nicht den einzelnen Bauern anzulasten, vielmehr Ministern und Ministerinnen, die den massiven Wandel auf dem Lande über Jahre ignoriert haben. Allein in den vergangenen zwanzig Jahren haben rund 205 000 Landwirte ihren Hof dicht gemacht.

Darum könnte es helfen, wenn die Regierung eingestehen würde: Wir haben die Grenzen der Rationalisierung auf dem Lande zu spät erkannt, was wir da jetzt auf einmal von Euch verlangen, ist viel. Das Reden über eine bessere Strategie für das Leben auf dem Lande würde damit leichter.

Zunächst müsste es darum gehen, wo es hingehen soll, um eine Vision also. Schließlich erstarrt leicht, wer nicht weiß, was noch alles kommt. Ein oder zwei Agrargipfel im Kanzleramt mit 40 Profis, die für Verbände und Bundesländer sprechen, reichen da nicht. Warum nicht eine große Debatte, ermöglicht von Bundes- oder Landesregierungen?

Die würde in der derzeit so gereizten Gesellschaft nicht leicht. Wer die Auseinandersetzungen zur Agrarpolitik auf Twitter, Facebook, Instagram verfolgt, mag sich fragen, ob das funktionieren kann. Politiker müssten deshalb andere Räume suchen. Das Feuerwehrhaus etwa oder die Turnhalle, wo sich die Menschen austauschen können. Wo es schwerer fällt, den anderen anzuschreien. Wo sich im besten Fall alle als Fachleute respektieren: Umweltverbände die Bauern als Nahrungsmittelproduktions-Experten, Bauern die Umweltschützer als Kenner für Klima, Wasser und Boden, beide die Politiker als Fachleute für nötige Regelungen und die Städter als Verbraucher und schließlich jeden als Steuerzahler.

In der ersten Runde ginge es dann um Verständnis. Um Fragen wie: Warum kaufen Verbraucher beim Discounter, fordern aber Umweltauflagen, die die Landwirte Geld kosten? Runde zwei drehte sich um die Zukunft. Wo soll es hingehen? Und in der dritten Runde müsste der Umbau im Fokus stehen: Wer kann was leisten und wo liegen die Grenzen?

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