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Auseinandernehmen, sortieren, wiederverwerten: ein Arbeiter auf einem Recycling-Hof.

Rohstoffe aus Müll 

„Die Mülltonne wird immer leerer“

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Eine Welt ohne Abfälle? Experte Reinhard Hüttl erklärt, warum in Deutschland eine Wirtschaft aufgebaut werden sollte, in der aus vermeintlichem Müll wertvolle Rohstoffe werden.

Professor Reinhard Hüttl ist Vizepräsident der Akademie der Technikwissenschaften (Acatech) und leitet deren „Circular Economy Initiative“, die die Kreislaufwirtschaft voranbringen will. Hüttl hat Forst- und Bodenwissenschaft studiert, seit 2007 leitet er das Deutsche Geoforschungszentrum in Potsdam.

Professor Hüttl, Deutschland gilt als Erfinder der Kreislaufwirtschaft. Materialien, ob für Autos, Coladosen oder Textilien, sollen nach der Nutzung aufbereitet und wiederverwendet werden. Es soll kein Müll mehr entstehen. Wo stehen wir damit?
Wir sind europäischer Spitzenreiter, was die Recyclingquoten angeht, gleichzeitig produzieren wir aber auch so viel Müll wie kein anderes europäisches Land. Die Vision einer Circular Economy geht indes viel weiter als reines Recycling: Wir wollen nicht nur Abfälle wiederverwerten. Wir wollen, dass die Mülltonne immer leerer wird, indem wir die Ressourcenproduktivität erhöhen und Stoffkreisläufe schließen.

Wieso geht das so langsam voran? Ex-Bundesumweltminister Klaus Töpfer (CDU) hat die Kreislaufwirtschaft bereits vor fast 30 Jahren als Ziel ausgegeben.
Circular Economy braucht einen systemischen Ansatz, ohne ihn stößt sie schnell an Grenzen. Produkte müssen wiederverwertbar designt werden. Die Nutzer müssen mitspielen. Und die Politik muss den Regulierungsrahmen anpassen. Noch ist die Regulierung widersprüchlich. Sie zielt auf sparsamen Materialeinsatz ab, der aber in der Folge die Wiederverwendung erschwert.

Der Ressourcenverbrauch pro Kopf in Deutschland hat in den vergangenen Jahren laut einer Studie des Umweltbundesamtes pro Kopf sogar wieder zugenommen – auf 16 Tonnen pro Jahr. Was sind die Gründe dafür?
Zuvor sagt die Studie aber auch: Der Rohstoffkonsum ist gegenüber 2000 um 17 Prozent gesunken. Dennoch, aktuell steigt er wieder. Wir sind also besser geworden, aber lange nicht gut genug. Deshalb führt wirtschaftliches Wachstum auch bei uns zu mehr Ressourcenverbrauch. Genau diesen Zusammenhang müssen wir durchbrechen.

Ist das Ziel einer abfallfreien Produktion denn überhaupt realistisch?
Circular Economy muss das Ziel sein – auch wenn 100 Prozent nicht erreichbar sind: Es wird immer schwieriger und energiefressender, die letzten Körner eines Rohstoffs im Altprodukt wiederzuverwerten. Eine umfassende Kreislaufwirtschaft muss ihre wirtschaftlichen, energetischen und ökologischen Konsequenzen im Blick behalten. Wir können Ressourcenverbrauch und Emissionen drastisch senken, aber nicht komplett auf Null.

Laut der Unternehmensberatung McKinsey könnten die europäischen Firmen in einer Kreislaufwirtschaft pro Jahr 600 Milliarden Euro an Ressourcenkosten einsparen. Wieso tun sie das nicht?
Es geht jetzt los. Unternehmen sehen die wirtschaftlichen Möglichkeiten einer Circular Economy. Es gibt aber noch zahlreiche Hürden, die dem einzelnen Unternehmen die Umstellung auf die entsprechenden Geschäftsmodelle schwierig oder gar unmöglich machen – wir brauchen eine systemische Veränderung.

Eine Studie der Circular Economy Initiative der Akademie der Technikwissenschaften, die Sie leiten, hat die Chancen für Deutschland untersucht. Das Ergebnis ist vielversprechend …
… weil bei uns in Deutschland der Umweltschutz tief verankert ist und wir die notwendigen Technologien und Infrastrukturen haben. Unsere Wirtschaft wird bereits digital vernetzt und somit viel intelligenter. Früher war die Produktion linear. Planung, Fertigung, Vertrieb, Verbrauch, Entsorgung. Die Industrie 4.0 verbindet den gesamten Produkt-Lebenszyklus – und gibt so der zirkulären Wirtschaft neue Möglichkeiten. Circular Economy ist kein nice to have. Eine Vorreiterrolle macht unsere Industrie zukunftsfähig.

Was müsste die Bundesregierung tun, um die Kreisläufe in Gang zu bringen?
Sie kann die Zusammenarbeit von und mit Wirtschaft und Wissenschaft ausbauen und die gemeinsame Strategiebildung unterstützen. Ein zweites Thema sind Zielkonflikte in der gesetzlichen Regulierung, teils auf Bundes-, aber stärker noch auf EU-Ebene. Klein und materialsparend kann auch bedeuten: schwer wiederzuverwenden. Andere Vorgaben erschweren den Einsatz wiederverwerteter Kunststoffe in Lebensmittelverpackungen. Auch die Wiederverwertbarkeit von Batterien in Elektroautos wird ein Thema werden.

Bekannte Unternehmen wie BMW, Daimler, Deutsche Post und Siemens sind Mitglieder in Ihrer Circular Economy Initiative. Was ist deren Interesse?
Der Veränderungsdruck ist groß. Gleichzeitig wird die Circular Economy greifbar und wirtschaftlich relevant. Forschende Unternehmen tun gut daran, hier früh mitzuwirken und sich mit anderen Unternehmen auszutauschen. Es ist ja auch unternehmerisch sinnvoll, dass wir die Dinge, die wir herstellen, viel besser nutzen und wiederverwenden. Wir reduzieren Rohstoffkosten und damit Abhängigkeiten von Importen – und schaffen neue Geschäftsmodelle.

Wäre es nicht angezeigt, neu gewonnene Ressourcen durch Besteuerung zu verteuern und so Anreize für die Verwendung von Recyclingmaterial zu setzen? Wie hoch müsste die Steuer sein?
Das ist eine politische Frage, die ich aus der Wissenschaft heraus nicht beantworten kann. Wir entwickeln Ideen und Verfahren für die Circular Economy. Über steuerliche Anreize muss in erster Linie die Politik entscheiden.

Ist die Kreislaufwirtschaft der Schlüssel zu einer nachhaltigen Lebensweise?
Allen ist klar: Wir müssen Plastikmüll, giftige Abfälle, CO2-Emissionen, Nitrateinträge im Wasser und vieles mehr reduzieren, also vermeiden. Dafür brauchen wir aber ein positives Konzept, das einer wachsenden Weltbevölkerung Wohlstand und persönliche Entfaltung offen hält – ohne dass unser Ökosystem noch weiter beschädigt wird. Die umfassende Kreislaufwirtschaft könnte dieses positive, gestaltende Konzept sein.

Kann der Bürger denn selbst dazu beitragen, dass Ressourcen besser wiederverwertet werden? Wie kann er Produkte erkennen, die aus dem Kreislauf kommen?
Denkt man den Lebenszyklus eines Produkts nicht länger linear, sondern zirkulär, dann ist der Konsument nicht nur passiver Verbraucher von Produkten. Er wird selbst ein wichtiger Teil in der Wertschöpfung. Transparente Information wird wichtig. Hier stehen wir noch am Anfang.

Ist öfter mal „Kauf-Nix“ auch eine Variante?
In Deutschland führen wir seit den 1970er-Jahren Debatten über Grenzen des Wachstums und Verzicht. Das setzt ein gewisses Wohlstandsniveau voraus. Klar, wir sollten uns individuell fragen, ob wir das neuere Gerät, das größere Fahrzeug, den billigen Flug wirklich brauchen. Wir sollten uns als Gesellschaft fragen, was wir unter nachhaltigem Wohlstand verstehen – immer mehr vom Selben ist für mich nicht die Antwort. Wohlstand und individuelle Entfaltung bleiben aber zutiefst menschliche Bedürfnisse. Eine schonendere und innovativere Wirtschaft, eine Circular Economy, ist für mich deshalb der bessere Weg.

Interview: Joachim Wille

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