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Katharina Borchert, nnovationschefin von Mozilla.

Interview Katharina Borchert

„Ich war eine totale Internetutopistin“

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Die Innovationschefin von Mozilla, Katharina Borchert, über Desillusionierung, Freiwilligenarbeit und den Firefox-Browser.

Eine lange Taxifahrt hat Katharina Borchert ins Silicon Valley gebracht. Auch wenn das als Ziel eigentlich nicht vorgesehen war. Tatsächlich wollte die damalige Geschäftsführerin von „Spiegel Online“ nur vom Münchner Flughafen zur Internetkonferenz DLD. Sie teilte sich die Fahrt mit der Verwaltungsratsvorsitzenden der Mozilla Stiftung, Mitchell Baker. Man kam ins Gespräch, verstand sich, und einige Zeit später folgte der Ruf nach Kalifornien. Seit gut drei Jahren ist Borchert nun Innovationschefin von Mozilla, der Organisation, die für den Internetbrowser Firefox bekannt ist, die darüber hinaus aber mit vielen anderen Projekten ein offenes und faires Internet fördert. Ein Gespräch über Gemeinsamkeiten mit der Raumfahrtagentur Nasa, geplatzte Utopien und menschliche Bequemlichkeit.

Frau Borchert, was haben Mozilla und die NASA gemeinsam?
Wir haben etwas gemeinsam, was vielleicht überrascht. Von Mozilla ist ja bekannt, dass wir unsere Produkte nicht alleine entwickeln, sondern mit der Hilfe von Freiwilligen, mit unserer Community, und dass wir in Code- und Produktentwicklung offen und transparent sind. Das würde man, glaube ich, bei der Nasa weniger vermuten. Aber auch die Nasa hat eine extrem gute Kultur der offenen Innovation. Das finde ich sehr überraschend bei einer Regierungsbehörde. Damit hat sie in der Technologieentwicklung wirklich neue Maßstäbe gesetzt. Uns verbindet, dass wir beide glauben, dass offene Innovation der bessere Weg zur Entwicklung neuer Technologien und Produkte ist. Natürlich kann und will man nicht auf gut ausgebildete, eigene Mitarbeiter verzichten. Aber der Wert, den externe Fachleute einbringen können, sollte nicht unterschätzt werden.

Ein Beispiel, bitte.
Ich nehme eins von der NASA. Für sie ist es extrem wichtig, Sonneneruptionen präzise vorhersagen zu können. Als sie bei diesem Problem nicht weiterkam, schrieb sie einen Wettbewerb aus. Ein bereits im Ruhestand befindlicher Radioingenieur, der noch nie etwas mit Raumfahrt oder der Nasa zu tun hatte, fand schließlich eine Lösung, um den Vorhersagezeitraum und die Präzision der Vorhersage deutlich zu verbessern.

Worauf kommt es an, wenn man Menschen dafür gewinnen will, freiwillig für ein Projekt zu arbeiten?
Es hilft ungemein, eine inspirierende Mission und klare Werte zu haben. Es sollte nicht nur um finanzielle Interessen gehen. Eine bestimmte Markenbekanntheit ist sehr förderlich. Aber das Wichtigste ist: Wir haben wirklich interessante Probleme zu lösen. Unsere Freiwilligen möchten an wichtigen und technologisch komplexen Projekten mitarbeiten. Sie möchten etwas dazulernen, einen Beitrag leisten.

Das muss eine Organisation auch zulassen, dass Externe Einfluss nehmen. Wie organisiert man das?
Ehrlich? Das ist ganz schön schwierig. Bei Mozilla liegt das zum Glück in der DNA, weil wir von Anfang an so gearbeitet haben und Input von außen willkommen heißen. Und trotzdem verfallen auch wir oft in das „Not-invented-here-syndrom“. Also: Habe ich nicht selber erfunden, bin ich erstmal eher skeptisch. Das zu überwinden, ist nicht so einfach. Ich glaube, das wahre Geheimnis liegt darin, die Prozesse so zu organisieren, dass beide Seiten wissen, was zu tun und was im Idealfall das Ergebnis ist. Denn sonst kann es ganz schnell dazu kommen, dass die Freiwilligen frustriert sind, weil sie etwas bewegen wollen, aber nicht wissen, wie sie sich einbringen können. Und man muss dafür sorgen, dass der Input von Außen für interne Mitarbeiter eine echte Bereicherung ist und geschätzt wird.

Ausgerechnet Studenten, die Zeit und frisches Wissen von der Universität mitbringen, klagen darüber, dass es schwierig sei, sich einzubringen.
Das liegt daran, dass der Ton gerade in Open-Source-Communities oft rau ist. Man wird nicht übermäßig freundlich empfangen, wenn man sich erstmal orientieren muss und vielleicht Fehler macht. Dabei muss man so eine Gemeinschaft ja erstmal kennenlernen: Wer sind die Entscheider? Was sind die Entscheidungsprozesse? Wie ist der Umgang miteinander? Was sind die ungeschriebenen Regeln, an die man sich halten sollte? Wir versuchen, Studenten da mehr an die Hand zu nehmen, etwa mit Verhaltenskodizes oder Übersichtsseiten, die beispielsweise Ziele und notwendige Fähigkeiten für Projekte aufschlüsseln. Aber auch wir müssen noch viel dazulernen, um inklusiver zu sein, insbesondere auch für Freiwillige ohne tiefen technischen Hintergrund.

Sind Impulse und Mitarbeit von Außen eine Absicherung dafür, in einer sich sehr schnell wandelnden Welt den Anschluss nicht zu verpassen?
Das kann es sein, aber ich wäre vorsichtig zu sagen, dass offene Innovation notwendigerweise schneller wäre. Die Prozesse können auch langwieriger sein. Da kann es manchmal auch effizienter sein, fünf Leute anzustellen, sie für drei Monate in einen Raum zu stecken, und dann das fertige Produkt zu bekommen. Diese Sicherheit habe ich zum Beispiel bei einem Crowdsourcing-Projekt nicht. Der allergrößte und unverzichtbarste Vorteil ist aber: Wenn ich eine sehr vielfältige Gemeinschaft habe, Menschen unterschiedlicher Herkunft, mit vielfältigen kulturellen Hintergründen und Lebenssituationen, dann baue ich in der Regel bessere Produkte, als wenn ich fünf weiße Männer nehme, die alle in Harvard waren und dadurch oft nur eine ganz bestimmte Perspektive kennen. Wie sollen die wissen, welche Anforderungen ein Browser erfüllen muss, der auch auf dem Smartphone eines Menschen in einem Entwicklungsland laufen soll?

Das Internet hat ja eine sehr starke Open-Source-Kultur. Viele wesentliche Grundlagen sind von Freiwilligen entwickelt und gratis bereitgestellt worden. Wie ist es um diese Kultur bestellt in Zeiten, in denen Konzerne wie Facebook und Google immer dominanter werden? Überlebt sie, oder geht sie unter?
Sie überlebt, auf jeden Fall. Aber natürlich gibt es immer wieder einzelne Projekte, um die man sich Sorgen machen muss. Aber der große Konflikt zwischen Open Source und kommerziell gibt es gar nicht mehr. Selbst Facebook und Google stellen viel Technologie offen zur Verfügung und haben eigene große Open-Source-Projekte. Auch sie wollen manche Dinge gemeinsam mit anderen entwickeln. Sobald große Unternehmen sehen, dass Open Source strategisch von Nutzen ist, machen sie es. Ob sie das letztlich fair, transparent und im wirklichen Open-Source-Gedanken, etwas zurückzugeben, tun, ist sicher eine andere Frage.

Mozillas Aufgabe ist es auch, die Gesundheit des Netzes zu fördern und zu schützen. Der Erfinder des World Wide Web, Tim Berners-Lee, sieht die durch fehlende Privatsphäre oder Fake-News in Gefahr. Wie beurteilen Sie den Zustand des Netzes?
Wir sind uns alle einig, dass wir an einem sehr kritischen Punkt angekommen sind. Die anfängliche Interneteuphorie und -utopie hat sich nicht so erfüllt, wie wir das gedacht haben. Da schließe ich mich mit ein. Ich war eine totale Internetutopistin und begeistert von den Möglichkeiten des Netzes. Und es ist nicht nur nicht so gekommen, wie wir uns das erhofft haben: die totale Demokratisierung der Welt und neue wirtschaftliche Möglichkeiten für alle. In manchen Bereichen ist es ins Gegenteil umgeschlagen: Wir haben noch größere, monopolartige Unternehmen als wir sie je zuvor gesehen haben. Ihre Machtstellung weltweit ist extrem groß. Gleichzeitig wird es immer schwieriger für einzelne Kreative und kleinere Firmen, abseits großer Distributionsplattformen wie Facebook und Amazon, ihr Geld zu verdienen. Parallel ist die Privatsphäre den Bach runtergegangen. Die Nutzer verstehen überhaupt nicht mehr, wo ihre Daten überall eingesammelt werden. Wenn man die jüngsten Sicherheitslecks sieht, kann einem Angst und Bange werden. Und wir sind von dieser Utopie, dass im Netz jeder gehört werden kann, dahin gekommen, dass wahrscheinlich mehr denn je bestimmte Stimmen nicht gehört werden, weil sie online so viel Hass und Bedrohung erfahren, dass sie sich lieber wieder aus dem Diskurs zurückziehen.

Die Probleme scheinen endlos zu sein, wo fängt man an, das Netz zu heilen?
Es ist komplex und umfangreich. Aber das ist kein Grund, alles schwarz zu malen, denn wir sind ja nicht die einzigen, die sich für ein besseres Netz einsetzen. Es gibt viele Organisationen, und auch die Vereinten Nationen und selbst manche Regierungen haben die Probleme erkannt. Bei Mozilla sehen wir unsere Aufgabe darin, die Privatsphäre zu stärken. Wer mit unserem Browser Firefox surft, ist zum Beispiel deutlich besser davor geschützt, dass sein Surfverhalten über viele Webseiten hinweg verfolgt und gespeichert wird. Das zu realisieren war nicht ganz einfach, weil damit manchmal auch Verschlechterungen beim Surfen einhergehen können. Manche Seitendarstellung funktioniert schlechter, wenn man gewisse Tracking-Elemente entfernt. Aber es muss eine bessere Balance zwischen Privatsphäre und kommerziellen Interessen gefunden werden. Und vor allem muss es dem Nutzer viel leichter gemacht werden, selbst zu entscheiden, welche Art von Tracking er zulassen möchte.

Firefox ist vor noch nicht so langer Zeit stark überarbeitet worden. Aber sein Marktanteil liegt laut Statcounter bei nur noch 4,5 Prozent, nach 30 Prozent im Jahr 2009. Wie zufrieden sind Sie mit der Entwicklung des Browsers?
Technologisch betrachtet hat sich die Grunderneuerung sehr gelohnt. Er ist wesentlich schlanker, eleganter. Er ist unglaublich viel schneller als vorher. Er ist sicherer als vorher. Wir haben ganz viel richtig gemacht. Wir müssen trotzdem schmerzhaft anerkennen, dass das nicht den Riesenschub im Nutzerzuwachs gebracht hat, den wir uns erhofft haben. Wir haben immer noch viele Nutzer, die Firefox auf ihrem Desktop-Computer nutzen, während insgesamt aber immer mehr auf Smartphones und auf Tablets gesurft wird. Man darf nicht vergessen, dass auf jedem Computer oder Mobilgerät, das man heute kauft, schon ein Browser vorinstalliert ist. Viele Menschen ändern ihn nie. Es setzt also immer eine bewusste Entscheidung voraus, von einem bequemerweise schon vorhandenen und qualitativ ausreichenden Produkt zu Firefox zu wechseln. Hinzu kommt, dass viele Web-Entwickler Seiten mittlerweile ausschließlich für Chrome optimieren – und damit die Machtstellung, die Google ohnehin schon hat, weiter befördern. Konkurrenz mit solch dominanten Plattformen, die über ein ganzes Produkt-Ökosystem Netzwerkeffekte schaffen können, die wir nicht haben, ist ganz schön schwierig.

Zur Person

Katharina Borchert, 46, ist seit Januar 2016 Innovationschefin der Mozilla Corporation, die unter anderem den Open-Source-Webbrowser Firefox entwickelt. Dort gehörte sie bereits von Ende März 2014 bis Dezember 2015 zum Verwaltungsrat. Vor ihrem Wechsel ins Silicon Valley war sie Geschäftsführerin von „Spiegel Online“. Davor Online-Chefredakteurin der WAZ-Mediengruppe. Borchert gehört zu den deutschen Online-Pionierinnen. Sie hat Jura und Journalistik studiert. (db)

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