Chancen für einen Nebenerwerb eröffnet die Digitalisierung, Unternehmen sind heute nicht mehr auf ein Ladengeschäft angewiesen.
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Chancen für einen Nebenerwerb eröffnet die Digitalisierung, Unternehmen sind heute nicht mehr auf ein Ladengeschäft angewiesen.

Gründer in Deutschland

Morgens angestellt, nachmittags selbstständig

  • vonAnna Driftschröer
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Deutsche gründen ein Start-up lieber neben ihrem Job, die Einstiegshürden erscheinen vielen geringer. Die Förderung bewerten Experten allerdings als ungenügend.

Selbstständigkeit? Nein danke!“ Das sagen sich viele Menschen in Deutschland. Einen eigenen Betrieb zu gründen und wirtschaftlich vollkommen auf eigenen Beinen zu stehen, kommt hierzulande für immer weniger Mutige in Frage.

Das Risiko ist hoch und die Erwerbsalternativen wegen der guten Lage am Arbeitsmarkt vielfältig. Wer den Schritt in die Selbstständigkeit dennoch wagt, aber die Sicherheiten des Angestelltenverhältnisses dabei nicht aufgeben möchte, gründet im Nebenerwerb.

Seit Jahren übersteigt die Zahl der Nebenerwerbsgründer deutlich die Anzahl an Vollerwerbsgründern, wie aus dem Gründungsmonitor der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) hervorgeht.

Im vergangenen Jahr erfolgten in Deutschland nahezu zwei Drittel aller Existenzgründungen im Nebenerwerb. Das lässt vermuten, dass für viele Gründungswillige die Einstiegshürden nebenberuflicher Gründungen niedriger erscheinen als jene im Vollerwerb.

Das trifft in der Tat zu – zumindest auf den ersten Blick, sagen Experten. „Immer mehr Menschen sehen Gründungen im Nebenerwerb als einen guten Markttest an, eine Geschäftsidee zu erproben“, sagt Gründungsexperte Marc Evers vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Das Risiko eines tiefen Falls sei nicht so groß, da man ja noch seine Haupttätigkeit als zweites Standbein habe, und der Kapitalbedarf eher gering sei.

Darüber hinaus können nebenberufliche Gründungen eine gute Möglichkeit sein, um schon einmal Unternehmerluft zu schnuppern. Denn nicht wenige Gründer starten zunächst im Nebenerwerb und nutzen diesen als Sprungbrett für den späteren Vollerwerb.

Wie eine Studie des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) zeigt, sind sogar diejenigen Gründungen bestandsfester und schaffen mehr Arbeitsplätze, die im Nebenerwerb begonnen und erst später zur Haupttätigkeit wurden.

Die Mehrheit der Gründer habe jedoch nicht die Absicht, sich eines Tages im Vollerwerb selbstständig zu machen, sagt Jörn Block, Professor für Entrepreneurship an der Universität Trier. Er hat das Thema wissenschaftlich näher untersucht. „Für viel mehr Gründer stellt die Nebentätigkeit ein Zubrot zu ihrem Angestelltenverhältnis dar“, so Block.

Häufig gehe es darum, sich selbst zu verwirklichen, und weniger darum, zahlreiche Arbeitsplätze zu schaffen. „Aber natürlich gibt es immer Ausnahmen“, sagt Block. So ist zum Beispiel auch der Global Player Ebay aus einem Nebenerwerb entstanden.

Bei einem Nebenerwerb handelt es sich der BMWi-Studie zufolge typischerweise um Gründungen im Dienstleistungsbereich mit geringem Start-Kapital, weniger um produzierendes Gewerbe. Die Ideen für das Geschäft entstehen meist im täglichen Leben, beispielsweise aus der Haupterwerbstätigkeit oder einem Hobby.

Zusätzliche Chancen für einen Nebenerwerb eröffnet die Digitalisierung, durch die Unternehmen heute nicht mehr auf ein Ladengeschäft angewiesen sind. So gab es in den vergangenen Jahren besonders viele Online-Händler, die nebenerwerblich tätig waren. Laut des KfW-Gründungsmonitors haben sich die Anteile von digitalen Gründern im Voll- und Nebenerwerb 2016 allerdings angeglichen.

Die Nebenerwerbsgründer selbst seien nicht nur klassische Angestellte. „Auch Studenten, Rentner oder Hausfrauen und Hausmänner können je nach Definition häufig Gründer sein“, sagt Block.

Ein eindeutiges Bild liefern die Studien bei der Beteiligung von Frauen. Demnach gründen Frauen verstärkt nebenberuflich. Laut KfW-Gründungsmonitor waren sie 2016 mit einem Anteil von 44 Prozent im Nebenerwerb fast genauso oft vertreten wie Männer, wohingegen sie im Vollerwerb mit 33 Prozent noch stark unterrepräsentiert sind.

„Für Frauen haben Gründungen im Nebenerwerb besonders in der Familienphase eine große Bedeutung. Sie erlauben, auch qualifizierteren Tätigkeiten zeitlich flexibel nachzugehen“, erklärt der Vorstandsvorsitzende des Verbands der Gründer und Selbstständigen Deutschland (VGSD), Andreas Lutz. Auf diese Weise könnten Gründerinnen den Kontakt zum Arbeitsleben und zu Auftraggebern aufrechterhalten und ihr Wissen und Netzwerk pflegen.

„Nebenberuflich zu gründen bedeutet aber nicht, dass auch die Vorbereitung so nebenher geht“, betont Evers vom DIHK. In den IHK-Stellen müssten die Berater die Gründer stets darauf hinweisen, dass eine Gründung im Nebenerwerb durchaus auch anspruchsvoll ist und hohe Anforderungen an das Zeitmanagement stellt.

Zudem gelte es zu beachten, dass die Nebentätigkeit organisatorisch wie auch rechtlich mit der Haupttätigkeit in Einklang gebracht werden muss. In der Regel seien die Nebenerwerbsgründer aber recht gut vorbereitet, berichten die Gründungsberater in den Industrie- und Handelskammern.

Kritisch sehen Experten bislang die Marktbedingungen für Nebenerwerbsgründungen. Speziell die Förderlandschaft, in der Klein- und Kleinstgründungen entgegen ihrer quantitativen Bedeutung eher eine untergeordnete Rolle spielen, stelle ein Problem dar, heißt es in der BMWi-Studie.

Darin gaben 26 Prozent der Befragten an, dass es zu wenig Förderprogramme für Nebenerwerbsgründer gebe. „Nebenberufliche Gründungen werden häufig von Förderprogrammen ausgeschlossen, indem diese den Vollerwerb voraussetzen“, sagt Block von der Uni Trier.

Eine der wenigen Fördermöglichkeiten stellt der ERP Gründerkredit dar, ein Startgeld der KfW, das sich auch an Gründer im Nebenerwerb richtet. Allerdings muss auch hier der Businessplan den Übergang in die spätere Haupterwerbstätigkeit aufzeigen.

Steuerlich unterstützt werden Nebenerwerbsgründer zumindest durch die Kleinunternehmer-Regelung, nach der bei einem Vorjahresumsatz bis zu 17 500 Euro und weniger als 50 000 Euro Umsatz im laufenden Jahr keine Umsatzsteuer an das Finanzamt abzuführen ist.

Steuerberaterverbände fordern jedoch seit einigen Jahren, den Freibetrag auf 20 000 Euro anzuheben, um Geringverdiener zu entlasten und Preissteigerungen der vergangenen Jahre zu berücksichtigen. Seit mehr als zehn Jahren hat es bei der Regelung keine Anpassung gegeben.

„Besonders hohe Hürden bestehen derzeit beim Ausbau einer geringfügigen in eine umfangreichere Teilzeit- oder eine Vollzeittätigkeit. Deshalb kann man auch von einer Teilzeit-Falle sprechen, die der Gesetzgeber aufgestellt hat“, erklärt Lutz vom VGSD. Denn Belastungen durch hohe Mindestbeiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung würden die Selbstständigkeit und Unternehmensgründungen verhindern.

Geringverdienende Gründer – meist im Nebenerwerb – müssten häufig mehr als 40 Prozent ihrer Einnahmen für Kranken- und Pflegeversicherung aufbringen.

Besonders betroffen seien Frauen und Teilzeit-Selbstständige. Von 2018 an könnte sich die Situation noch verschärfen, da es künftig noch Jahre später zu hohen Nachzahlungen kommen kann.

Im Rahmen einer Petition (vgsd.de/faire-beitraege) fordert der VGSD daher eine Absenkung der Mindestbemessungsgröße auf 450 Euro, wie es auch für Angestellte der Fall ist. „Diese Änderung wäre kostenneutral zu realisieren und würde nebenberuflich Selbstständigen ermöglichen, ihre Erwerbstätigkeit auszubauen und besser für das Alter vorzusorgen“, erklärt Lutz.

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